Ausstellungsbesprechungen

Body and Soul. Menschenbilder aus vier Jahrtausenden, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, bis 30. Dezember 2011

Die Ausstellung »Body and Soul. Menschenbilder aus vier Jahrtausenden« des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe geht in die nächste Runde. Die hohen Besucherzahlen und die positive Resonanz nahmen die Betreiber zum Anlass, die Ausstellung bis zum 30. Dezember zu verlängern. Verpassen Sie diese Gelegenheit nicht und lassen Sie sich in einer einmaligen und imposanten Schau bis zu den Anfängen der menschlichen Kulturgeschichte zurückführen. Günter Baumann hat die Ausstellung für Sie besucht.

Auf der einen Seite waren das Rad, die Druckpresse, die Dampfmaschine, das Automobil und anderes mehr allesamt atemberaubende Zeugnisse der menschlichen Fortschritts- und Zivilisationsgeschichte. Das kann nicht spurlos am Menschen vorbeigegangen sein. Andrerseits: haben diese grandiosen Erfolge des Geistes das Wesen des Menschen verändert, oder anders gewendet: Ist dieses Wesen selbst überhaupt veränderlich? Diesen Eindruck könnte man beim Schlendergang durch vier Jahrtausende schon bekommen, wobei es gar nicht darum geht, die Epochen an einer Zeitlinie entlang abzuklappern. Vielmehr taucht man ein in ein Gemenge von Kulturen, Religionen, Sozialisationen und Individualitätsstrukturen, das sich insbesondere an der Kunst und letztlich auch, allgemein formuliert, am Menschenbild ablesen lässt.

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, das seine Ausstellung durch Exponate aus den Abteilungen für Islam, Ostasien, Europa, Antike u.a. unterfüttert hat, konnte ruhigen Gewissens das Ausstellungsende mehrfach nach hinten verschieben – der streng segmentierten und wissenschaftlich dokumentierten Teilchenschau haftet ein Kästchendenken an, das im Miteinander von »Body and Soul«, so der hanseatisch-weltläufige Titel der Ausstellung, einer Luftigkeit weicht, die Lust auf mehr macht und das große Ganze zumindest vor Augen hat.

Plötzlich stehen Themen wie Schönheit, kriegerische Auseinandersetzung, Geburt und Tod, Spiel und Krieg, Glaube und Gefühl unmittelbar vor einem, ja: Vom Kultbild bis zum Video dominiert der schöne Schein das Bild des Menschen, das dennoch in seiner Vielfalt präsent ist. Über eine halbe Million Objekte verfügt das Museum, sodass die mehr als hundert Ausstellungsstücke - in acht Portionen verteilt - so etwas wie das Sahnehäubchen des Bestands darstellen. Kindliche Entdeckerfreude ist genauso gefragt wie Phantasie, wenn figurative brauchtümliche Backformen oder Taufkleidchen auf Mariendarstellungen oder eine Isis mit dem Horuskind treffen.

So anrührend die Geburts- und Kinderthematik ist, so leidenschaftlich geht es in der Nachbarschaft mit Elfenbeinarbeiten von Leonard Kern, Porträts von Oskar Kokoschka oder Fotografiebildnissen des japanischen Künstlers Nobuyoshi Arakizu zu. Die Ausstellung versteht es, Quer- und Längsverbindungen herzustellen. Von Irving Penns schwarzen graziösen Schönheiten zu Jüchtzers Porzellan-Grazien etwa ist kein größerer Raum vonnöten als der zwischen Heckels Brücke-Motiven und afrikanischen Traditionsfiguren. Freilich ist dies längst in der Expressionismus-Forschung bekannt, so gesehen sind die Erkenntnisse nicht zwingend neu, aber die Wahrnehmung verändert sich – wer würde normalerweise Che Guevera mit dem für seine Weltanschauung leidenden Christus gleichsetzen. Interessanterweise führt die Ausstellung im Tiefgang von der Ahnen- und Personenverehrung zum Schädelkult, dem man in Mannheim zurzeit eine große Landesausstellung widmet. Das ist immerhin ein Zeichen, dass in Hamburg keine Nabelschau eines Museums betrieben wird, sondern Randphänomene herausgearbeitet worden sind, die wesentliche Einsichten in die Kulturgeschichte offenbaren.

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Die Künstlerliste erscheint nahezu zwangsläufig als Sammelsurium, wenn man zudem die vielen anonymen Werke aus dem ethnologischen Kontext oder aus der Antike hinzunimmt. Das Assoziationsfeld ist zeitlich und räumlich vernetzt, ließe sich weiter verdichten, was das Netzwerk jedoch allenfalls dichtmaschiger machte. Die Namen, die in der Schau vorkommen, sind: Vito Acconci, Alessandro Algardi, Nobuyoshi Araki, Diane Arbus, The Beggarstaffs, Jean Carriès, Nikolaus Daniel Chodowiecki, C.O. Czeschka, Ôe Dôsoi, Deme Dôsoi und Deme Mitsunao, Andrea della Robbia, Lyonel Feininger, Niclas Gerhaert von Leyden, Leodegar Grimaldo, Friedrich Hagemann, Erich Heckel, William Hogarth, Katsushika Hokusai, Christoph Gottfried Jüchtzer, Gregor Erhart, Gertrude Käsebier, Leonhard Kern, Oskar Kokoschka, Utagawa Kuniyoshi, René Lalique, Richard Luksch, Monogrammist I. P., Irving Penn, Phiale-Maler, Pablo Picasso, E. Purcell, Joaquin Machado de Castro, Madame d’Ora (Dora Philippine Kallmus), Kikugawa Masamitsu, Gaetano Pesce, Alexander Mc Queen, William Morris und Edward Burne-Jones, Paco Rabanne, Auguste Rodin, Johann Gottfried Schadow, Andreas Schlüter, Lavinia Schulz und Walter Holdt, Thomas Schwanthaler, Christoforo Solari, Kitagawa Utamaro, Peter Vischer der Jüngere.

Die Body-und-Soul-Schau war zunächst an die Neueröffnung des renovierten Foyers des Museums für Kunst und Gewerbe gekoppelt – sozusagen als Appetizer für künftige Besuche –, doch rasch hat sie sich als innovative Großausstellung entpuppt. Angesichts des Gesamtbestands hat man ihr vorgeworfen, sie sei zu klein ausgefallen. Es wäre schon anmaßend zu behaupten, 100 oder 150 Exponate würden die Menschheitsgeschichte erschöpfend erfassen, doch wäre mit tausend Objekten nicht wirklich etwas gewonnen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen mit Texten von Nora von Achenbach, Gabriele Betancourt, Jürgen Döring, Angela Graf, Frank Hildebrandt, Rüdiger Joppien, Olaf Kirsch, Christine Kitzlinger und Sabine Schulze sowie mit etwa 75 Abbildungen.