Buchrezensionen

Bolz, Norbert: Das Konsumistische Manifest, Fink Verlag, München 2002.

Ein glänzender, roter Einband mit großen fetten schwarzen Lettern.

So übertrieben wie sich die neue Publikation von Norbert Bolz, Professor für Kommunikationstheorie am Institut für Kunst- und Designwissenschaft der Universität Essen, präsentiert, so baut sie unrealistische Erwartungen durch die terroristischen Anschläge vom 11. September 2001 als Einstieg in die Darstellung auf. - Worum geht ‘s?

Es geht um den islamischen Fundamentalismus als weltweit massenwirksamste Form, den Antiamerikanismus zu instrumentieren, und um den gegenwärtigen Konflikt zwischen dem Züge einer Weltreligion angenommenen Antiamerikanismus und kapitalistischen Konsumismus. Die Grundthese hierbei lautet, dass die westliche Welt die Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus nicht durch Defensivkriege, aber durch Marktbeziehungen erfolgreich abwehren kann. Denn nur der Markt als internationaler Ort reflektierter Konkurrenz um Tauschchancen generiert pragmatischen Kosmopolitismus, der konkret Konsumismus, „das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen”, ist. Dabei negiert die Apologie des einzigen massendemokratisch möglichen, konsumistischen Lebensstils nicht seine immanenten Schwächen oder die Folgelasten der Modernisierung, sondern plädiert für eine positive Sicht auf diese Mankos. Der Grund ist, dass der Konsumismus die Wendung von der Transzendenz zur Introszendenz ermöglicht.

Diesem übergreifenden Aspekt lässt die Gliederung die thematisch spezifischen Aspekte „Terror”, „Krieg”, „Geld”, „Konsum” und „Liebe” folgen. Die so geordneten Argumente weisen auf Grund banalisierender Vereinfachungen keine überzeugende Struktur auf. Die Argumentationsstruktur beeinträchtigt auch, dass mögliche oder reale Gegenargumente nicht angemessen antizipiert und entschärft werden. Das Gegenargument, dass umfassender Konsumismus Humus eines Überwachungsstaates sein kann, berücksichtigt oder widerlegt die Argumentation zum Beispiel nicht. Deshalb sagt die Arbeit praktisch nichts über die aktuelle Aufrüstung zum Präventivschlag gegen Verbrechen aus und informiert weniger über Besessenheit nach Sicherheit im Hightech-Zeitalter als „Minority Report”, der neue Spielfilm von Steven Spielberg. Indem das soziale System der Kunst bei der an der Systemtheorie von Niklas Luhmann orientierten Argumentation weitgehend unberücksichtigt bleibt, leistet der wissenschaftliche Text auch keinen direkten Beitrag zum kunsthistorischen Diskurs über die Ereignisse vom 11. September 2001.

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Gleichwohl referiert und reflektiert er den interdisziplinären soziologischen oder philosophischen Forschungsstand und ordnet sich in die vorhandene Forschung über das „Manifest der Kommunistischen Partei” ansatzweise ein. Der Ansatzpunkt ist, dass die Arbeit die von Karl Marx und Friedrich Engels noch wegen ihrer Vereinfachung des Klassenantagonismus für nützlich erachteten Eigenschaften des Marktsystems, das bedeutet „die gefühllose‚ bare Zahlung‘” oder „die eine gewissenlose Handelsfreiheit”, nun als Bedingung von Demokratie und Frieden begreift. Originell ist sie somit in ihrem Plädoyer für weltweite Konsumbürgerlichkeit.

Beim „konsumistischen Manifest” handelt es sich weder um eine Auftragsarbeit noch um ein Grundsatzprogramm. Es erweist sich auch nicht als sprachliches Kunstwerk und welthistorisches Dokument, das über den Horizont des politischen Bewusstseins seiner Leser hinausgeht. Das vorliegende Buch ist trotzdem anregend und gehaltvoll; kurzum: lesenswert.

Bibliographische Angaben

Bolz, Norbert: Das konsumistische Manifest, Wilhelm Fink Verlag, München 2002.
160 Seiten. ISBN-13: 978-3770537440

 

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