Buchrezensionen

Boris Friedewald: Meisterinnen des Lichts. Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten, Prestel 2014

Gibt es einen speziell weiblichen Blick auf die Welt? Wenn es nach Boris Friedewald geht, ja. Gleich einer Hommage hat er insgesamt 55 Fotografinnen und ihr Werk aus dem 19. und 20. Jahrhundert in einer Überblicksdarstellung gebündelt. Rowena Fuß sieht es ein klein wenig anders.

Geisterhaft schwebt ein weißer Hirsch mitten im Schaufenster eines Geschäfts in der New Yorker Bleecker Street. Er tänzelt in der samtigen Schwärze seiner Umgebung und scheint ihr leichtfüßig zu entspringen. Für Berenice Abbott (1898-1991) war es nicht ganz so einfach. Zuerst wollte die Fotografin aus Ohio Schriftstellerin werden und zog ins Greenwich Village von Manhattan. Dann entdeckte sie ihre Liebe zur Bildhauerei. Ihre Freundin und Dada-Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven entflammte sie schließlich für Paris. Durch Zufall traf sie dort den ihr aus New York bereits bekannten Man Ray wieder und bekam einen Job in seiner Dunkelkammer. Schnell übernahm sie jedoch eigene Shootings. Sie porträtierte u.a. Coco Chanel und James Joyce. Als sie 1929 nach New York zurückkehrte, fand sie eine veränderte Stadt vor und dokumentierte fortan als Chronistin die sich wandelnde Metropole. Gespiegelt in der Fensterscheibe sind es eine Neonleuchtreklame und die Fassaden mehrerer Hochhäuser auf der anderen Straßenseite, die den Hirsch in eine urbane Silhouette einbetten. Und nicht nur das: Es ist dieser ganz spezielle Charme des damals vom Abriss bedrohten Bohèmeviertels, ihres alten Viertels, den Abbott so in der um 1947 entstandene Schwarz-Weiß-Aufnahme über die Zeit rettete.

Eins kann man ihr wie auch den 54 anderen vorgestellten Fotografinnen jedenfalls nicht absprechen: Feingefühl, den Sinn für Situationen und Menschen, für Ausschnitt und Licht. Ohne Frage konnten sich die weiblichen Fotografen der letzten 200 Jahre ebenso behaupten wie ihre männlichen Kollegen. Wie die Aufnahme aus dem Backstage-Bereich einer Modenschau in Harlem aus den 50ern von Eve Arnold (1912-2012) beweist, konnten die Fotografinnen sogar in Bereiche vordringen, die Männern meist versperrt blieben. Eve Arnold war zudem eine der ersten Frauen, die bei der legendären Agentur Magnum aufgenommen wurde.

Zu den großen Namen, die vorgestellt werden, zählt auch Margaret Bourke-White (1904-1971). Das Gründungsmitglied des Life-Magazins war 1942 eine der ersten weiblichen Kriegsberichterstatterinnen. Dicht gedrängt am Stacheldrahtzaun wartend, fotografierte sie 1945 die »Living Dead of Buchenwald«. Man blickt in ausgemergelte Gesichter, teils voller Bedenken, teils Hoffnung. Bourke-White schrieb später in ihrer Autobiografie, dass das Fotografieren mit der Kamera damals wie eine Erlösung war, »weil sich damit etwas wie eine Schranke zwischen mich und das Entsetzen schob«.

Zu entdecken sind in dem Band auch einige weniger bekannte Namen der Fotografiegeschichte. So etwa Julia Margaret Cameron (1815-1879). Die Frau eines englischen Plantagenbesitzers bekam ihre erste Kamera mit 48 Jahren von ihrer Tochter geschenkt, als sie unter einer tiefen Depression litt. Schon 1865 hatte sie ihre erste Ausstellung in London. Ihr in Sepiabraun gehaltenes Porträt eines italienischen Schauspielers, der 1867 die Rolle des rachsüchtigen Jagos in Shakespeares »Othello« mimte, spielt dazu passend mit Schärfe und Unschärfe sowie dem Wechsel von Licht und Schatten.

Vieldeutige Rollenspiele finden sich auch bei Claude Cahun alias Lucy Schwob (1894-1954) und Cindy Sherman (*1954). Indem sie in verschiedene Kostüme schlüpfen, suchen sie ihre Identität unabhängig von ihrer Körperlichkeit. Sie führen ein distinktives Rollenverständnis ad absurdum. Hier geht es nicht um männlich oder weiblich, schön oder hässlich, verletzlich oder stark. Im Prinzip kann jeder alles sein. Insofern unterscheidet sich der Blick von Mann und Frau auf eine Sache lediglich um die Spanne, um die auch der Blick zweier voneinander verschiedener Menschen auf die Sache divergiert. Das hängt mit der jeweiligen Prägung zusammen. Einen speziell männlichen oder weiblichen Blick auf die Welt gibt es jedoch nicht – auch nicht in der Fotografie.

Die durchweg interessanten Biografien der Fotografinnen (Lebensstationen, Bekannte und Erfolge) werden kurz und bündig auf einer Seite zusammengefasst. Auf den nachfolgenden vermitteln zwei bis fünf Aufnahmen ein Gefühl für die Art, wie fotografiert wird. Kurze beschreibende Untertitel geben zudem nähere Informationen zum dargestellten Motiv. Wer gern stöbert, dem ist der Band also wärmstens zu empfehlen.