Hörführer, Rezensionen

Botticelli. Kunst zum Hören. Hatje Cantz Verlag 2009

Begleitend zur exquisiten Botticelli-Ausstellung, die seit dem 13. November im Frankfurter Städel zu sehen ist, hat der Hatje-Cantz–Verlag, in nun schon bewährter Weise, einen Audioguide veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine Art Minikatalog, sozusagen eine Kreuzung aus einem Hörbuch und jenen kleinen Brustapparaten mit Hörbügeln, mit denen sich interessierte Museumsbesucher vor ausgesuchte Gemälde stellen können, um sich vertraulich sagen zu lassen, was sie sehen oder sehen sollten. Im Grunde sind solche Hörguides so etwas wie Xavier de Maistres 1794 erschienener Essay „Die Reise um mein Zimmer“: Sie können den Kunstfreund verführen, in aller Bescheidenheit und Faulheit zu Hause zu bleiben und die Ausstellung vom Sofa aus zu besuchen und zu „hören, was die Bilder zu sagen haben“, wie das Motto dieser Reihe verspricht.

Die großartige Frankfurter Schau lebt vor allem von den außergewöhnlichen Bildern, welche die Kustoden hier zusammentragen konnten. Dreißig dieser Hauptwerke liegen, in handlicher Form gebündelt, vor den Augen des Betrachters, während die dazu gehörige CD auf dem Einband des preiswerten Buches den zentralen Blickfang bildet.

In dieser Kombination wird das Sichtbare durch das Nichtsichtbare ergänzt, Stimme und Bild befruchten sich, Hören und Sehen steigern sich zu Lauschen und Betrachten. Da bekommt man zunächst die fälligen Informationen zur Person des Renaissancemalers, dass er zum Beispiel den wenig schmeichelhaften Übernamen (auf Deutsch „das Fässchen“) von einem seiner Brüder verliehen bekam. Die Erläuterungen schärfen den Blick, verknüpfen Kontexte und setzen die Bilder in stilistische oder geschichtliche Bezüge - etwa wenn das geflochtene, mit Perlen durchzogene, teilweise aber auch offene Haar der Simonetta Vespucci oder die Tradition des strengen Profilporträts des Quattrocento aus dem Sittsamkeitsgebot, das gerade für Frauen galt, hergeleitet werden.
Immer wieder wird auf den kaum hoch genug anzusetzenden Einfluss der neuplatonischen Philosophie an der Accademia des Lorenzo „il Magnifico“ hingewiesen. Da die Familie der Medici das eigentliche Zentrum der Florentiner Kunstszene war, gilt manche Bemerkung ihrem Klientelwesen und ihren Bildpropagandaschlachten, einem sehr gezielt eingesetzten Mäzenatentum, mit dem die neureichen „homini novi“ wettzumachen suchten, was ihnen an traditioneller Geltung abging. Fast ohne Unterbrechung blieb Botticelli in der Nähe der Medici, stattete ihre Tyrannei mit einer anmutigen Fassade aus, selbst als er, wie zumindest Vasari behauptete, vorübergehend unter den Einfluss des strengen Bußpredigers Savonarola geriet.
Das Buch informiert anhand des wächsern wirkenden Giuliano-Porträts über den Pazzi-Anschlag am 26. April 1478 oder über den durch Poliziano systematisch inszenierten Kult um die jung verstorbene Simonetta, die „regina della bellezza“.

Ideale Schönheit als Ausdruck einer veredelnden Sublimierung ist auch der geistige Hintergrund vieler mythologischer Gestalten. Die elegante Anmut der Madonnenfiguren des Malers machen Botticelli und seine am plastischen „disegno“ orientierten Figuren zum Inbegriff der Florentiner Frührenaissance: klassisch, graziös, feierlich und fast immer auch mit einem Hauch von Melancholie überzogen.
Zwei Einschränkungen beim Genuss dieses Audioguides sollten freilich nicht unerwähnt bleiben: Ein organisatorisches Paradestück der Ausstellungsmacher  ist sicherlich darin zu sehen, dass es gelang, hier erstmals wieder vier entlegene Tafeln aus London, New York und Dresden zusammenzutragen. Sie haben Episoden der Vita des Florentiner Stadtheiligen Zenobius zum Thema. Im Hörbuch jedoch erscheinen diese Bilder (notgedrungen) so unsäglich verkleinert, dass ihre Wirkung völlig verloren geht. Die Grenzen dieses Formats werden so deutlich aufgezeigt.
Mit Filmstar Veronica Ferres als Sprecherin für diese CD, landete der Verlag sicherlich einen Promotion-Clou. In ihrem Vortragstil ist sie hier allerdings eher eine Fehlbesetzung. Statt nüchterner Klarheit und Überlegtheit schleicht sich allzu oft eine Manieriertheit in ihren Ton. Immer wieder gleitet die Stimme in ein selbstgefälliges Timbre ab: hier eine gewollt geheimnisvolle Verzögerung, dort eine gedehnte Schleife in der Sprechmelodie oder gar ein nachdrücklicher Flüsterton, als müsste die „Buhlschaft“ des Salzburger „Jedermann“ ihre weibliche Verführungskraft unter Beweis stellen oder sich betulich zu kleinen Kindern herabbeugen.