Ausstellungsbesprechungen

Brasiliana – Installationen von 1960 bis heute, Schirn Kunsthalle, Frankfurt/Main, bis 5. Januar 2014

Die raumgreifenden Arbeiten der brasilianischen Künstler verwandeln die Schirn in einen Parcours intensiv erlebbarer, sensueller Räume und Installationen, in die der Betrachter partizipatorisch unmittelbar eingebunden wird. Anett Göthe hat dem ungemütlichen deutschen Wetter adieu gesagt und ist in die farbenfrohe Schau abgetaucht.

Wer an Brasilien denkt, dem kommen Begriffe wie Samba, Copacabana, Karneval, Rhythmus, Tanz und Lebensfreude in den Sinn. In der aktuellen Schau »Brasiliana« der Schirn Kunsthalle Frankfurt wird eine Auswahl brasilianischer Installationen von 1960 bis heute präsentiert, die auf der Synergie verschiedener Sinne beruht. Neben dem visuellen Sinn werden in dem Installations-Parcours auch der akustische, der olfaktorische und der taktil-haptische Sinn angesprochen. Verglichen mit einer konventionellen Ausstellung ist hier die Wahrnehmung der einzelnen Installationen komplett anders. Die einzelnen Objekte erschließen sich, in dem der Besucher aufgefordert wird, sie zu berühren, zu ertasten, zu erlauschen und zu erriechen, kurz: sie mit allen Sinnen zu erfahren.

Insgesamt acht Positionen sind hier vereint und geben einen kleinen Überblick über die brasilianische Kunstgeschichte. Angefangen von den heute als klassisch geltenden Arbeiten von Hélio Oiticica und Neville D’Almeida, Lygia Clark, Tunga und Cildo Meireles bis hin zu der zeitgenössischen Generation, die von Ernest Nezo, Maria Nepomuceno, Henrique Oliveira und Dias&Riedweg vertreten wird. Die zum Teil sehr farbenfrohen Arrangements in der Ausstellung entfalten nacheinander ihre eigensinnige, lebensfrohe sowie skurrile Wirkung und schaffen eine exotische und eigenwillige Atmosphäre.

Die brasilianische Installationsschau beginnt mit einer Arbeit der Künstlerin Lygia Clark (1920-1988), die mit ihrer Kunst das Publikum zur Teilnahme anregen möchte. Das im Jahre 1968 für die Biennale in Venedig geschaffene Labyrinth »A casa é o corpo« ist eine Art Behausung des Körpers. In dem Erkundungsraum, der die Menschwerdung in einer acht Meter langen Konstruktion simuliert, durchläuft der Besucher unterschiedliche Stadien von der Empfängnis bis zur Geburt und soll so seine eigene psychische und physische Realität erfahren.

Nach erfolgreich durchlaufener Wiedergeburt kommt der Besucher in einen schummerig beleuchteten Raum, wo er sich in Hängematten legen und der Musik von Jimi Hendrix lauschen kann. Begleitend dazu werden Bilder von Ikonen der westlichen Popkultur an die Wände und die Decke des Raumes projiziert, die mit Kokainlinien überzeichnet sind. Die Installation »Cosmococas« aus dem Jahre 1973 schuf Hélio Oiticica (1937-1980) gemeinsam mit dem Experimentalfilmer Neville D‘ Almeida (*1941) im New Yorker Exil. Die Installation, die in unterschiedlichen Ausführungen konzipiert wurde, bezieht sich sowohl auf die Brasilianische Cinema Marginal-Bewegung und die Underground-Szene New Yorks. Jede Version von »Cosmococas«, die aus einer Diaprojektion und einem Soundtrack besteht, wurde als eine bestimmte Umgebung entworfen, mit Hängematten, Sitzen und Matratzen, oder auch einem Schwimmbecken. Aktuell wird in der Schirn die Cosmococa »CC5 Hendrix War« präsentiert.

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Über das Gehör erschließt man sich die Arbeit von Cildo Meireles (*1948). Seine Klanginstallation »rio oir« aus dem Jahre 2009/2013 versammelt Geräusche, die der Künstler auf seinen Reisen entlang der großen Flüsse Brasiliens gesammelt hat. In zwei unterschiedlichen Orten, der eine vollkommen dunkel und der andere mit spiegelnder Silberfolie ausgekleidet, werden in abstrakten Räumen verschiedene Geräusche für den Besucher erfahrbar gemacht. Die Skulptur »Life is a river« von Ernesto Neto (*1964) wirkt über den Geruch und ist bereits ohne dessen Optik wahrnehmbar. Drei große textile, elastische Körper, die von einem farbigen Netz aus an der Decke in den Raum hineinhängen, sind jeweils mit den Gewürzen Nelke, Kreuzkümmel und Kurkuma gefüllt. Noch bevor die Skulpturen für den Betrachter ersichtlich sind, ziehen sie ihn mit ihrem würzigen Duft in den Bann. Wie zwischen duftenden Stalaktiten einer textilen Tropfsteinhöhle kann der Besucher in der Installation wandeln.

Ebenfalls in ein höhlenartiges Konstrukt lädt der Künstler Henrique Oliveira (*1973) mit seiner Installation »Parada dos Quasólitos« aus dem Jahre 2013 ein. Die Elemente der Installation bestehen aus recycelten Materialien, die aus Brasilien stammen. Der Ausgangsstoff „Tapumes“ ist eine Art dünnes Sperrholz, das üblicherweise in den Straßen von São Paulo genutzt wird, um Zäune zu errichten bzw. in den Armenvierteln der Stadt als Baumaterial verwendet wird. Der Künstler referiert so auf seine Heimat und den Verfall gesellschaftlicher Moral in Brasilien. Mit seiner Skulptur schuf Henrique Oliveira in einem gegebenen Raum einen zweiten, unabhängigen, indem man vollkommen die Verbindung zum Ausstellungsraum verliert. Mit Betreten seiner hölzernen Skulptur, die alle Sinne gleichermaßen anspricht, fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Man fühlt den flexiblen Untergrund, man hört die knarrenden Holzplatten, wenn sie sich bei jedem Schritt verbiegen, man riecht das Holz, aus dem der Raum gebaut ist – ein wahres multisensorisches Werk.

Fazit: Die Schirn präsentiert mit »Brasiliana« einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte der künstlerischen Installation Brasiliens bis in die Gegenwart. Dabei erleben die Besucher eine Ausstellung, die mit allen Sinnen fordert und involviert, sowohl umfasst, beschäftigt und einverleibt als auch körperlich, taktil und visuell herausfordert.