Ausstellungsbesprechungen

Breker: Zur Diskussion gestellt: Der Bildhauer Arno Breker

Erstmals seit 1945 wird Arno Breker eine Retrospektive gewidmet, die bereits im Vorfeld heftige Reaktionen hervorgerufen hat: Der Bildhauer Breker gehörte neben dem Architekten Albert Speer und der Filmregisseurin Leni Riefenstahl zu den begünstigten Künstlern Adolf Hitlers, um nicht zu sagen, Breker war der Lieblingskünstler des Diktators. Da klingt ein Titel wie »Zur Diskussion gestellt« auf den ersten Blick schon ein bisschen scheinheilig – die Ästhetik martialischer Gummifiguren ohne Seele und Knochen, die Breker in seinen Bronze- und Marmorgiganten unter dem perversen Gestirn des »tausendjährigen« Reiches vertrat, bedarf kaum eines Forums, um ein Bild geradezurücken.

Die Breker-Plastik der 30er- und 40er-Jahre braucht keinen Fürsprecher Hitler, sie passt in die Ideologie wie die Dokumentarfilme der Riefenstahl oder die Architekturvisionen Speers wie die Faust aufs Auge.

 

Dass es nicht so einfach ist, wie es hier herausklingt, war dem einfühlsamen Beobachter schon vor Beginn der Ausstellung klar, und man muss dem Kurator der Schau, Rudolf Conrades, zugute halten, dass ihm am Herzen liegt, die selbstverantwortete Meinungsbildung zu beflügeln. Nun kann man sich tatsächlich seit Sommer erstmals »ein eigenes Bild« (Conrades) machen. Das ist insofern höchste Zeit, als das Freund-Feind-Schema lange schon aufgeweicht wurde: Emil Nolde biederte sich bekanntlich dem Naziregime an – wenn auch erfolglos –, so mancher Bauhaus-Architekt, der nicht ins Exil abwandern musste, erlag den Verlockungen des Dritten Reiches, und ein so wacher Geist wie Martin Heidegger erblödete sich kurzfristig, eben dieses für eine Realutopie des griechischen Idealstaates zu halten.

 

So verunklärt die Lage ist, so viel Recht muss man einem Künstler wie Breker ein Recht auf Öffentlichkeit zugestehen – die Möglichkeit inbegriffen, ein Urteil, das vielleicht ein Vorurteil war, neu zu bewerten. Die Fronten sind jedoch kaum kompatibel – einerseits Künstler mit einem kritischen politischen Verständnis wie Staeck, der seine Arbeiten unter Protest nicht im nebulösen Dunstkreis der Breker-Heroen gezeigt haben wollte und lieber nach Tübingen auswich, andrerseits ebenso kritische Denker wie Grass – Dichter und Bildhauer in einem –, der die Demokratie für reif genug hielt, eine Breker-Retrospektive auszuhalten. Je nach Perspektive haben beide Recht: Dass Nazis in ein Landesparlament einziehen ist schlimm genug; nicht auszudenken, wenn der eine oder andere Wähler die potenzielle plötzliche Salonfähigkeit Brekers zum Anlass genommen hätte anzunehmen, dass ein solches Votum redlich sei. Dass die Schweriner Schau auf großes Interesse stieß, zeigen nicht nur das heftige Echo in den Medien, sondern auch die Lieferengpässe für den die Ausstellung begleitenden Katalog. Dazu kommt das ästhetisch einfache Gemüt vereinzelter Menschen, die ihren Schönheitsbegriff in Brekers Werk wiederzuerkennen glauben – wer wollte den Stab über ihnen brechen. Und doch: Nach einer ersten Flut von Empörung und Begeisterung hier und da hat sich die Lage schnell beruhigt; Breker wird nach Ausstellungsende kaum höher im Kurs stehen als zuvor – mehr noch: der »Fall Grass«, eine Bagatelle, hat die öffentliche Diskussion in den vergangenen Wochen mehr beschäftigt als ein »Fall Breker«. Der Tabubruch, einen ausgewiesenen Nazikünstler prominent vorzustellen, war letztlich keiner.

 

Gut: Das Werk Arno Brekers liegt nun aufgefächert vor dem Publikum. Gleichmütig draufzuschauen ist dennoch schwer – sehen wir doch notgedrungen durch den Filter der Breker-Witwe, die den Nachlass nach wie vor nicht offen legt und einen weiten Bogen um die Nähe des Bildhauers um Hitler macht. Welches Bild können wir uns wirklich von dem Bildhauer machen? Kann es ein eigenes Bild sein, oder ist es vielmehr ein fremdbestimmtes? Zweifel seien erlaubt. Denn was ist etwa dran an den vielen Gewehrsleuten, die um Breker herum garniert werden wie zauberfähiger Lorbeer? Aristide Maillol habe geschwärmt vom »deutschen Michelangelo des 20. Jahrhunderts«, Salvador Dalí und Jean Cocteau reihen sich in die Fangemeinde ein wie Ernst Fuchs, Henry Moore und Max Liebermann, Adenauer, der Sammler Ludwig und viele andere mehr verlängern die VIP-Liste in die Gegenwart hinein.

 

Was ist dran? Es sei festgestellt, dass sich Arno Breker in Frankreich früh an Rodin und Maillol orientierte. Was er hier lernte, war vorzüglich, die Begabung des jungen Plastikers machte sich bemerkbar, auch wenn seine Werke im Vergleich zu denen von Rodin unsicher wirkten – unreif noch, freilich. Wenn in einem solchen Trio ein Michelangelo des 20. Jahrhunderts zu benennen ist, ist es Rodin; Maillol kommt hier ebenso wenig in Frage wie Breker. Dass der Provokateur und Faschist Dalí sich für Breker erwärmte, ist belanglos – bereits in den 30er-Jahren katapultierte sich der Surrealist selbst aus der Kunstgeschichte heraus, kopierte sich selbst und richtete sich in seinem Wahnsinn ein, dass sein Interesse für Breker eher peinlich berührt als fasziniert. Wie Dalí ist auch Fuchs heute weit überschätzt, dass also auch von dieser Warte aus die Kunst Brekers nicht geadelt wird.

 

Interessanter ist schon die Bekanntschaft mit Cocteau und Liebermann – der eine schwul und rauschgiftabhängig, der andere ein entschiedener Hitler-Gegner (»Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte«, so sein Kommentar zum Naziterror). Leider erschließen sich die Hintergründe dieser Beziehungen nicht. Allein so viel: Das Porträt, das Breker 1934 von Liebermann machte – auch die von Breker gefertigte Totenmaske erstrahlt erstaunlich lebhaft –, gehört zum besten, was Arno Breker je schuf. Und die Porträts, die bis in die 60er entstanden, sind beachtlich, sieht man dagegen die peinlich verkitschten Bildnisse von Peter Ludwig oder Jürgen Hingsen. Unbegreiflich ist es, dass ein Staatsmann wie Konrad Adenauer sich nach dem Krieg von Breker porträtieren ließ – so viel Ehre hatte ein Handlanger der Naziideologie sicher nicht verdient.

 

Es ist doch unverkennbar, dass Brekers »Blütezeit« ins Dritte Reich fällt, als er in seiner blinden Hinwendung zum menschenverachtenden Regime alles zu verlernen schien, was er bei Rodin gesehen hat. Und weil er uneinsichtig nach 1945 gar nicht begriff, dass andere Maßstäbe gefragt waren, rutschte er vollends ab in die Einfallslosigkeit: aus einem muskulösen Recken (»Berufung«, 1941; Herold, 1939) wird ein lächerlicher »Merkur« oder ein »Alexander der Große«. Seine späten Reflexe auf Rodin machen auch nur allzu deutlich, dass da ein Kleinmeister am Werk war. Da wird einem aber auch schon wohl ums Herz: Arno Breker ist gänzlich ungefährlich! Getrost kann man die Stadt Schwerin entlasten bei dem Vorwurf, sich einer rechten Szene zu öffnen mit heutzutage harmlosen Bildwerken – wirken könnten sie nur in einem bodenständig verwurzelten, faschistischen Umfeld, das so aber nicht existiert. Darüber hinaus reicht der Verstand der Rechten für die Kunst offensichtlich kaum aus, was der Kurator Conrades anekdotisch bei einem Interview ausführte: »Ich habe … auf einer Internetseite gelesen, dass unser Vorhaben von diesen Kreisen gelobt wird. Zum Test war das Bild einer angeblich typischen Breker-Plastik gestellt. Es zeigt aber »Mutter und Kind« von Josef Thorak.«

 

Arno Breker ist aber auch zu sehr in dem erwähnten Mittelmaß verankert, als dass man sein Werk nun unbedingt hätte sehen müssen. Interessant wäre es sicher, in den kommenden Jahren gezielt auf die Einbettung Brekers in seine Zeit(en) zu achten, die Kunst des Dritten Reiches und ihre Verführbarkeit durch die Ideologie in ihrer Gesamtheit hervorzuheben. Und schließlich wird es Zeit, die Archive zu Brekers Schaffen zu öffnen: erst dann mag man freimütig sagen, ob eine Einzelausstellung sinnvoll ist oder nicht.

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