Ausstellungsbesprechungen

Brücke. 1905 – 1913. Sammlung Hermann Gerlinger

Was vor 100 Jahren in Dresden als revolutionäres Aufbegehren von Autodidakten gegen die traditionelle Malerei begann, gehört heute zum Kanon der Klassischen Moderne. Die Farbstürme des Expressionismus sind seit langem als – vielleicht wichtigster – deutscher Beitrag zu den Avantgarden etabliert. Diese einhellige Wertschätzung hätten sich die vier Architekturstudenten, die sich 1905 zur Künstlergruppe Brücke zusammenschlossen, wohl ebensowenig träumen lassen wie die Ovationen, die ihnen in diesem Jahr gebracht werden.

Gleich ein Dutzend Ausstellungen in Deutschland, eine opulente Schau in Madrid und Barcelona (anschließend in der Berlinischen Galerie) sowie internationale Symposien in Dresden und Brighton wenden sich anlässlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums der Künstlergemeinschaft zu.

 

Die Stiftung Moritzburg in Halle nimmt das Jubiläum zum Anlass, eine der wichtigsten und umfangreichsten Privatsammlungen mit Werken der Brücke, die des Würzburger Ingenieurs und Unternehmers Hermann Gerlinger, in einer Ausstellung vorzustellen. Sie konzentriert sich auf die wenigen, enorm produktiven Jahre der Existenz der Künstlergruppe, von 1905 bis zur offiziellen Auflösung 1913. In chronologisch geordneten Raumeinheiten vollzieht sie Jahr für Jahr die motivische und stilistische Entwicklung nach. Die Gemälde und Grafiken werden dabei durch Originaldokumente und eine ausführliche Jahreschronik ergänzt, die zeigt, wie sich die Brücke binnen kurzer Zeit mit zahlreichen Ausstellungen und erfolgreicher Mitgliederwerbung ganz Deutschland erobert.

 

So beginnt der Rundgang mit den Künstlern der ersten Stunde - Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Fritz Bleyl (der sich nach kurzer Zeit zurückzog) und Ernst Ludwig Kirchner, später treten Max Pechstein, Otto Mueller, kurzzeitig auch Emil Nolde hinzu.

Zunächst ist noch eine starke Orientierung an van Gogh und den Impressionisten (v.a. bei Schmidt-Rottluff) und dem Jugendstil (Heckel, Kirchner) spürbar. Diese Einflüsse werden aber schon bald eigenständig verarbeitet. Die chronologische Hängung hat den Vorteil, dass parallel verlaufende Entwicklungsstufen in den Phasen des Zusammenarbeitens deutlich zutage treten, dass sich über die Jahre aber auch die immer stärker werdende Individualisierung der Handschriften verfolgen lässt. Diese verläuft nicht selten sprunghaft und experimentell. So erarbeitet Schmidt-Rottluff 1911 großflächige, extrem reduzierte Holzschnitte, ein Jahr später zersplittert er die Gestalt der lesenden Else Lasker-Schüler in kubistischer Manier. 1913 zeigt sich dann der für die Brücke so wichtige Einfluss der Kunst der Naturvölker in seinen monumentalen Akten. Spannend ist auch das Weitertragen von Motiven über Jahre und Medien, wenn man beispielsweise einem 1905 gezeichneten Frauenkopf Heckels 1907 als Holzschnitt wiederbegegnet.

 

Der Umzug der Künstler in die Metropole Berlin im Jahr 1911 schlägt sich in der Motivik nieder wie auch im Stil, der bei Kirchner eckiger und nervöser wird. Die zahlreichen Originaldokumente wie Mitgliedskarten, Ausstellungs- und Werbeplakate demonstrieren das geschickte Auftreten und die professionelle Selbstvermarktung der Gruppe. Eine Strategie, die auch 1952 im Münchner Haus der Kunst noch funktionierte, wo man für eine Kirchner-Ausstellung dessen legendäres Dresdner Ausstellungsplakat von 1910 einfach mit einem neuen Text versah. Abschluss und zugleich Resümee der Ausstellung sind die druckgrafischen Mappenwerke, die die passiven Mitglieder 1906-1912 als Jahresgaben erhielten. Die unterschiedlichen druckgrafischen Techniken lassen sich hier gut studieren, auch ihre Handhabung durch die einzelnen Künstler. Nur die Sammlung Gerlinger besitzt die Jahresmappen in dieser Vollständigkeit.

 

Begleitend zur Ausstellung erscheint eine erweiterte Neuauflage des Bestandskataloges der Sammlung Hermann Gerlinger. Der umfassende und sorgfältig bearbeitete Katalog verzeichnet die etwa 900 Gemälde, Grafiken und Skulpturen mit farbigen Reproduktionen und Begleittexten. Angesichts dieser Fülle bedauert man den derzeit noch beschränkten Raum in der spätgotischen Moritzburg. Anders als die Ausstellung ist der Katalog nach Künstlern geordnet, wobei Gerlingers Sammlungskonzept einen Schwerpunkt auf die vier Gründungsmitglieder legt und auch deren individuelle Wege vor und nach der Brücke nahezu lückenlos verfolgt.

 

Schön zu wissen, dass diese gehaltvolle Sammlung auch nach dem Ende der Ausstellung in Halle bleiben wird. Im März 2004 konnte ein unbefristeter Leihvertrag abgeschlossen werden, der sie in die Moritzburger Sammlung eingliedert und damit eine Lücke schließt, die mit dem nationalsozialistischen Vorgehen gegen „entartete Kunst“ in deren einstmals reichen expressionistischen Bestand gerissen wurde.

Gerlinger, der bereits als Student seine Begeisterung für die Kunst des Expressionismus entdeckte, sammelte zunächst auch Werke des Blauen Reiters, um sich bald ausschließlich der Brücke zuzuwenden. Über fünf Jahrzehnte baute er seine Sammlung systematisch auf, stand dabei auch in engem Kontakt mit dem alten Schmidt-Rottluff. Anfängliche Hoffnungen auf ein Museum in seiner Heimat Würzburg, der er die Sammlung zweimal anbot, wurden von der Stadt enttäuscht. So werden die Werke in dem geplanten Erweiterungsbau der Moritzburg spätestens 2008 auf großzügigen 500 Quadratmetern eine dauerhafte neue Bleibe finden.

 

 

 

Öffnungszeiten: 

Dienstag 11-20:30 Uhr; Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr

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