Ausstellungsbesprechungen

Brücke. Die Brücke in der Südsee – Exotik der Farbe

Schon beim Betreten der Ausstellung „Die Brücke in der Südsee – Exotik der Farbe“ wird der Besucher geradezu in ein Netz aus Neugierde und Faszination eingewoben. Und irgendwie kann sich der Betrachter des Gefühls nicht erwehren, in ein Kaleidoskop zu blicken – die von Farben gesättigten Bilder, die vielfältigen Übersetzungen der Künstler von den fernen paradiesischen Orten – Orte der Sehnsucht, der Träume und Wünsche.

Präsentiert wird die Ausstellung – und diese Lösung erscheint wunderbar gelungen – in drei Teilen, die mit unterschiedlichen Wandfarben markiert sind und dem Betrachter eine Orientierung geben. Während der erste Teil Arbeiten der eigentlichen Brücke-Zeit zeigt, obliegt dem zweiten Teil die Präsentation der unmittelbar unter dem Einfluss tatsächlicher oder imaginärer Reisen in exotische Welten entstandener Arbeiten. Im dritten Teil ist schließlich eine Gruppe von Werken zu sehen, die in späterer Zeit als Nachwirkung der Südseefaszination entstanden sind. Dabei tritt ganz offen zu Tage, dass die Künstler letzten Endes bruchlos – trotz oder gerade wegen ihrer Expeditionen – an ihrer Vorstellung von Südsee in der während der Brücke-Zeit angelegten Richtung weitergearbeitet haben.

 

 

Die Künstler der „Brücke“ haben sich bereits in der Gründungsphase um 1905 mit exotischer Kunst beschäftigt und so ist es nicht selten, dass man Beschreibungen afrikanischer und ozeanischer Kunst findet, die jedoch nicht nur als Notizen auf Reisen, sondern auch bei Ausstellungen und Veranstaltungen wie etwa dem Zirkus entstanden sind. Die Künstler projizierten auf die Südsee – fernab des Alltagslebens – ihre Sehnsucht nach Einfachheit und Unverfälschtheit. Gleichzeitig suchten sie bei ihrem Blick über die Grenzen Europas hinaus nach neuen gesellschaftlichen Werten und künstlerischen Bildstrategien.

 

Die Südsee wird für die Brücke-Künstler daher zur Metapher für Natürlichkeit, Reinheit und Ursprünglichkeit. Ralph Melcher formuliert dies in seinem Katalogbeitrag: „[d]ie ‚beste aller Welten‘ [ist] somit für die Maler der ‚Brücke‘ nicht lokalisierbar, sondern nur evozierbar, sie ist in den Werken, die in der erstrebten Ursprünglichkeit und Direktheit geschaffen worden, unmittelbar vorhanden als Ausdruck des unmittelbaren Empfindens ihres Schöpfers. Daher ist die Südsee auch nicht nur in der realen Südsee […], sondern sie findet sich da, wo der utopische Augenblick spürbar, wo in einem Moment die Lösung der äußeren Beziehungen der Dinge zueinander denkbar wird.“ (Ralph Melcher, Ausstellungskatalog, S. 14)

 

Die Südsee-Metapher steht also für ein freies Leben, das eine Wertsteigerung durch das „in Einklang mit der Natur leben“ erfährt. Die Sehnsucht nach dem fernen Paradies ergriff vor allem zwei Brücke-Maler: Zum einen war es Emil Nolde, der 1913/14 als Mitglied einer Expedition nach Neuguinea reiste und zum anderen Max Pechstein, der zusammen mit seiner Frau Lotte 1914 nach Palau fuhr. Doch wie wurde die Südsee den anderen Malern vermittelt? In erster Linie geschah dies – so Lorenz Dittmann – durch die „primitiven“ Skulpturen, die wegen ihrer religiösen Kraft weit über rein ästhetische Aspekte hinausweisen. Durch Kombination von Formprinzipien dieser Skulpturen und einer expressiv gesteigerten Farbgebung erreichen die Werke eine geradezu explosive Ausdruckskraft.

 

 

Besonders stark kommt die Wirkung der Südsee-Metapher in der Gegenüberstellung „realistischer“ Bilder aus der Zeit der Künstlergemeinschaft mit Motiven aus der unmittelbaren Lebenswelt der Maler in Porträts, Interieurs und Landschaften, und jenen mit exotischer Thematik oder einer „exotischen“ Übersetzung zum Ausdruck. Bezeichnenderweise spielte die Südsee nicht nur nach den Reisen und nach dem direkten Erleben von den künstlerischen Arbeiten und kulturellen Eigenheiten der Südseebewohner eine tragende Rolle im Schaffen der Künstler. Die Südsee als Motiv und Metapher wird auch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und auch danach immer wieder aufgegriffen und in die künstlerische Auseinandersetzung integriert.

 

Es ist faszinierend, wie kraft- und geheimnisvoll, bannend und fantastisch die Werke auf den Betrachter wirken. Die Arbeiten scheinen keineswegs nur ein Kunstentwurf zu sein; vielmehr spricht eine Vorstellung von Leben aus ihnen, eine allumfassende Faszination „Südsee“, die von der Suche nach Authentizität und Inspiration geprägt ist.

 

Interessant ist aber auch, dass nicht alle Werke von Glücksgefühl, Harmonie und sehnsuchtsvoller Suche nach dem Paradies der Südsee erfüllt sind. Zum Teil scheint eine dämonische Zerrissenheit aus den Bildern zu sprechen, so dass es plötzlich fraglich erscheint, ob es überhaupt das Paradies in der Einheit von Mensch und Natur gibt. Einhergehend mit einer solchen gedanklichen Wende können vielleicht auch manche Gemälde noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet werden, wodurch eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Werk und seinem Ausdruck entsteht und ein Dialog zwischen den Arbeiten und dem Betrachter zu eigenen Ergebnissen führen kann.

 

 

Insgesamt ist dem Saarlandmuseum mit „Die Brücke in der Südsee – Exotik der Farbe“ eine meisterliche Ausstellung gelungen. Angefangen mit dem richtigen Gespür für eine wirkungsvolle Platzierung der Werke, über die Organisation der Räumlichkeiten, die den Besucher nicht in ein Labyrinth aus Gemälden geraten lässt und schließlich die die ganze Ausstellung einhüllende exotische Atmosphäre. Es nimmt nicht Wunder, dass beim Verlassen der Ausstellungsräume der Besucher von melancholischen Empfindungen ergriffen wird, führte der Weg doch gerade durch ein paradiesisches Szenario, das an Ausdrucks- und Wirkungskraft wohl kaum eine Steigerung hätte erfahren können. Es ist eine Ausstellung, die – als lohnenswertes und vor allem bereicherndes Erlebnis – einen Besuch fordert!

 

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag, Donnerstag – Sonntag 10-18Uhr

Mittwoch 10-22 Uhr

Öffnungszeiten während der Feiertage

24. und 25. Dezember geschlossen, 26. Dezember geöffnet, 31. Dezember bis 16 Uhr geöffnet, 1. und 2. Januar 2006 geschlossen

 

Eintritt

5 €, ermäßigt 3,50 €, Schüler/Studenten 2,50 €

 

Wissenschaftliches Symposion

am 15. und 16. Dezember 2005, 10 bis 17 Uhr: „Die Brücke“ in der Südsee – Exotismus als Fiktion?

Dieses wissenschaftliche Symposion findet in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte, Universität des Saarlandes im Saarlandmuseum statt.

 

http://www.saarlandmuseum.de