Ausstellungsbesprechungen

Bucheinbandkunst heute. Designer Bookbinders Competition 2013, Museum für Druckkunst Leipzig, bis 22. Juni 2014

Die aktuelle Ausstellung im Leipziger Museum für Druckkunst zeigt, wie inspirierend Bücher sein können. Rowena Fuß war vor Ort.

Es fängt an mit Notizen: Langsam kratzt eine Feder übers Papier. Später ertönt das leise Klicken der Bleilettern, die aneinandergefügt werden und RUMMS druckt eine Presse das fertige Werk auf unzählige Seiten. Jetzt fehlt nur noch ein Einband, der Lust auf das Geschriebene macht: Leselust. Und die lässt bei der präsentierten Auswahl in Leipzig nicht lange auf sich warten.

Wie Schneeflocken tanzen goldene und grüne Pinselstriche auf dem blauen Bucheinband von Tom McEwan zu »Timon von Athen«. Es ist nur einer von 84 aufregenden Entwürfen der Bookbinder Competition zum Thema »William Shakespeare«. Insgesamt 253 Buchbinder aus 31 Ländern, darunter Großbritannien, die USA, Deutschland, Tschechien, Russland, Argentinien, Spanien und sogar Japan folgten dem Ruf der renommierten britischen Designer Bookbinders Association, Werke für den Wettbewerb einzureichen.

»Bucheinbandkunst ist Architektur in kleinstem Maßstab« wusste schon der später unter Henry van de Velde in Weimar tätige Württemberger Buchbindermeister und Einbandgestalter Otto Dorfner (1885-1955). Und tatsächlich zeugen die gezeigten Bucheinbände gleichermaßen von handwerklichem Können wie von künstlerischen Qualitäten.

Das 450. Geburtstagsjubiläum des wohl berühmtesten englischen Dichters hat Beiträger wie Robert Wu auf jeden Fall beflügelt. Durch ein dichtes Blattwerk dringt der Betrachter zu kleinen Putti vor, die im geheimnisvollen Licht einer Mondsichel zauberhaft funkelnde Pirouetten um rote und gelbe Bänder drehen. Das aufwendige Stück aus grünem Ziegenleder mit mehrfarbigen Ziegenlederauflagen, Prägungen mit farbigen Folien, Palladium und Blattgold wird nur noch von George Kirkpatricks Arbeit übertroffen. Dieser hat sich Shakespeares »Sturm« vorgenommen und ins Bild gesetzt. Aus Epoxidharz formte er ein Diorama aus royalen Marionetten und verzweifelten Schiffbrüchigen. Seine Figuren auf der Vorderseite des Einbands hängen an dünnen Nylonfäden. Vor ihnen ist ein kostbares Schachspiel zu Boden gestürzt. Auf der Rückseite kämpfen Menschen ums Überleben in den wogenden Fluten der See, die ihr Schiff immer weiter forttreibt.

Ein paar bescheidenere, aber dennoch raffinierte Werke erweitern das Kaleidoskop moderner Bucheinbandkunst. Nehmen wir Jacek Tylkowski und Daniel Vray. Erster zeichnete den obligatorischen Schädel mit Tusche auf seinen Einband aus violett-rosafarbenen Ziegenleder, der »Hamlet« enthält. Letzter imitierte einen Sonnenaufgang durch den sparsamen Einsatz von roten Ziegenlederauflagen im schwarzen, blindgeprägten Titel »Macbeth«.

Schlicht ist auch der Siegerentwurf des Briten Dominic Riley. Er hat sich »Pyramus und Thisbe« vorgenommen. Seinen braunen Einband ziert ein kahler Wald im Mondschein. Mit kleinen, funkelnden Steinen sind die Namen der beiden Liebenden in den Himmel gesetzt.

Doch gleichgültig, ob man die Meinung der Jury teilt oder nicht: Hier findet jeder ein Lieblingsstück. Wer das nötige Kleingeld hat, kann es sogar erwerben. Vorausgesetzt, das Buch zählt nicht zu dem Viertel, das bereits vorgemerkt ist, wie Kurator Jean-Claude Lampe verrät. Sein Favorit ist übrigens der an Fantasy-Literatur angelehnte Entwurf von Ann Tout. Ihr »Sommernachtstraum« zeigt eine Lichtung zwischen knorrigen alten Bäumen, in der Kobolde und geisterhafte Elfen um Pilze tanzen. Aus sicherheitstechnischen Gründen befindet sich das Buch, wie alle anderen, hinter Glas und darf leider nicht angefasst werden. Das ist schon ein Manko, aber es schmälert das visuelle Vergnügen beim Betrachten der Werke nicht wirklich. Wer sich mehr für die verwendeten Materialien interessiert, kann sich zudem über einen kleinen ausliegenden Hefter kundig machen.