Call for Papers

Call for Papers: Hin- und Wegsehen! Erscheinungsformen der Gewalt im Wechselverhältnis von Bild und Betrachter, am 1. und 2. Juni 2018 in Hamburg

Gewalt scheint seit jeher ein Thema der Kunst zu sein: Märtyrerbilder des Mittelalters, Schlachtengemälde der Neuzeit, Kriegsfotografien und - berichterstattung, und und und. Die Tagung der Forschungsstelle Naturbilder will die Erscheinungsformen der Gewalt im Bild untersuchen und lädt hierzu den wissenschaftlichen Nachwuchs bewusst aus unterschiedlichen Disziplinen ein, Aspekte des Themas vorzustellen. Einsendeschluss für Abstracts: 31. Januar 2018.

Ob christliche Martyrien im Mittelalter, frühneuzeitliche Schlachtengemälde, barocke Vanitas-Bilder, illustrierte Zeitungen des 19. Jhds., frühe Kriegsfotografie oder aktuelle Pressebilder – Gewalt erscheint als anthropologische Grundkonstante und ist seit jeher bildwürdig. Dabei zeichnen sich Gewaltbilder oft durch eine zwiespältige Wirkung aus: sie schrecken ab und verstören, können aber auch faszinieren und erregen oder zur meditativen Versenkung auffordern. Seit der Antike tritt dieses scheinbare Paradoxon der anziehenden Abstoßung und abstoßenden Anziehung laufend in Erscheinung. Betrachtende finden sich hierbei unter moralischem und ästhetischem Selbsteinschätzungsdruck einem Dilemma ausgesetzt: besser hin- oder doch lieber wegsehen?

Angesichts der aktuellen Präsenz von Gewalt in der tagespolitischen Berichterstattung ist es kaum verwunderlich, dass vielerorts der Eindruck eines bislang nie dagewesenen Ausmaßes an Gewalt entsteht. Unbeachtet bleibt dabei aber, dass aktuelle Pressebilder immer auch auf bestimmte Traditionen und Entwicklungen visueller Wissensordnungen und Bildsetzungen in medial transformierten Gewalthandlungszusammenhängen verweisen. Nicht zuletzt drängen – unter Berücksichtigung bildimmanenter Kodierungen – die mediale Massenproduktion und naive Verbreitung in den sozialen Netzwerken durch den sogenannten „Bürgerjournalismus“ danach, sich mit dem historischen, kulturellen, theoretischen und berufspraktischen Umgang mit Gewaltbildern zu beschäftigen.

Ziel der Tagung ist es, nicht nur die Vielfalt der Erscheinungsformen bildlicher Gewalt und ihren motivischen Strang herauszuarbeiten, sondern auch die zwiespältige Wirkkraft bildlicher Gewalt auf den jeweiligen Betrachter in den Blick zu nehmen.

Vorträge zu folgenden Fragestellungen sind erwünscht:

  • Welche Formen der Gewaltrepräsentation lassen sich feststellen; wie, wo und warum werden Gewaltbilder (re)präsentiert?
  • Auf welcher Ebene wird Gewalt erzeugt und wen adressiert sie?
  • Erzeugt das Objekt selbst (durch Suggestion von Augenzeugenschaft/Evidenz, drastischen Naturalismus, Illusionsbrüche mit Authentifizierungsqualität, Dreidimensionalität, Virtualität etc.) eine kraftvolle Wirkung als Bildgewalt, die wiederum eine Gewalt von Betrachtenden am Objekt (Ätzattacken, Statuenzertrümmerung, Wandbeschmierung, Grabschändung etc.) nach sich ziehen kann?
  • Welche Distanzierungsmöglichkeiten werden den Betrachtenden angeboten und wie wirkungsvoll sind diese (z.B. kann eine postproduktive Verpixelung zwar als Schwächungsversuch der Bildkraft intendiert sein, doch zugleich die schreckensorientierte Imaginationsleistung des Betrachters anreizen und steigern)?
  • Können nicht sogar scheinbar harmlose Bilder, die weder die Gewaltakte selbst noch deren Folgen sichtbar vorzeigen, eine Dimension der Gewalt in das Verhältnis zu den Betrachtenden erzeugen, sobald besondere Gebrauchsumstände (Provenienzgeschichte, Auftraggeberschaft, profaner/sakraler Aufstellungsort, Publikationskontext, Handlungsraum juristischer Prozesse etc.) hinzukommen?
  • Welche Rückschlüsse lassen sich aus dem komplexen Verhältnis von Gewalt-Bild-Betrachter über medienhistorische, rezeptions- wie wirkungsästhetische, bildtheoretische, moralphilosophische wie politische Konzepte ziehen?
  • In welchem Verhältnis stehen bildlich gezeigte Gewalt und Text zueinander (bspw. Bildunterschriften)?
  • Wie stark wird Gewalt mit Männlichkeitsidealen assoziiert? Inwiefern gehört die Opferrolle zu herrschenden Weiblichkeitsvorstellungen?

Die Tagung öffnet sich – dem fach- und epochenübergreifenden Thema entsprechend – inhaltlich, zeitlich und methodisch bewusst Nachwuchskräften aller Disziplinen aus Theorie und Praxis (gerne auch fortgeschrittene Studierende). Explizit angesprochen sind damit auch Fotografen und Journalisten. Das Format der Tagung wird sich von der gängigen Struktur vergleichbarer Veranstaltungen insofern absetzen, als Panels mit übergeordnetem Themenbereich drei bis vier Referent*innen zusammenbringen, deren Thesen am Ende in einer längeren Podiumsdiskussion gemeinsam mit dem Publikum besprochen werden.

Vorschläge für zirka 25-30-minütige Beiträge schicken Sie bitte in einem Abstract (max. 3000 Zeichen bzw. 1 Din-A4 Seite) zusammen mit einem kurzen CV bis zum 31.01.2018 an hinundwegsehen@gmail.com. Reise- und Übernachtungskosten können übernommen werden. Tagungsort wird das Warburg-Haus in Hamburg sein. Gefördert wird die Tagung durch die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Eine Publikation der Beiträge ist angedacht.

Idee und Umsetzung:

  • Franca Buss, M.A., Stipendiatin der Gerda-Henkel-Stiftung
  • Philipp Müller, M.A., Stipendiat der Forschungsstelle Naturbilder an der Universität Hamburg