Call for Papers

Call for Papers: Präsenz und Sichtbarkeit von Künstlern, Zünften und Bruderschaften in der Vormoderne, vom 24. bis 28. Februar 2016 in München

Die soziale Einbindung von Künstlern in die Stadtgesellschaft der Vormoderne ist das Forschungsthema des Projekts »artifex«. In ihrer internationalen Tagung wollen die Wissenschaftler daher die Einbindung von Künstlern in die Struktur der städtischen Gesellschaft untersuchen und wie diese in der materiellen Kultur der Stadt sichtbar wird. Einsendeschluss für Abstracts: 15. April 2015.

In den vergangenen Jahren hat der „material turn“ in zahlreichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen zur Stimulanz neuer Fragen, neuer Forschungsbereiche und neuer Forschungsperspektiven geführt. Das vielzitierte „thinking through things“ ist gerade im Bereich der Sammlungs- und Museumsgeschichte essentiell. Dennoch sind trotz der dem Fach Kunstgeschichte immanenten Objektgebundenheit – etwa im Vergleich zu Archäologie und Kulturanthropologie – erstaunlicherweise zahlreiche Forschungsthemen noch kaum bearbeitet, obgleich sie einen zentralen Bereich des vormodernen Künstlerselbstverständnisses bilden: Die Rede ist von jenen Objekten materieller Kultur, die die städtischen Berufsverbände im Handwerk und Gewerbe repräsentierten und so das Zunft-, Gilde- und Bruderschaftswesen im städtischen Kontext visualisierten. Sämtliche in diesem Bereich angesiedelten Objekte stehen hierbei im Zentrum des Interesses, der Begriff ‚material culture‘ des Zunft- und Gildewesens wird auf der Tagung in breitest möglicher Dimension verstanden, vom mehrflügeligen Altar bis zum schlichten Zunftschrank, der die Kerzen für die städtischen Prozessionen beherbergte. Von Interesse sind die Form, Wirkung und Funktion dieses Objekt in seinem sakralen oder profanen Umfeld.

Die wichtigsten Akteure sind hierbei vor allem die städtischen Gilden. In ähnlicher Weise agieren die zünftischen Bruderschaften, die sich um die sozialen und religiösen Belange ihrer Gilde kümmern. Auch die offiziellen Vertreter der Stadt konnten auf in der Gestaltung ihres Rathauses und des Stadtbildes Einfluss nehmen, um die soziale Struktur ihrer Gemeinschaft ins Blickfeld zu rücken. Wann kommt es zu konkurrierenden Projekten zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen? Inwieweit wird dem Individuum Raum für persönliche Stiftungen gewährt? Der Bildende Künstler oder auch der Architekt spielt bei der Selbstdarstellung der Zünfte, aber auch von Einzelpersonen und generell bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes eine zentrale Rolle. Er ist derjenige, der Gemälde, Fahnen, Glasfenster, Handschriften, etc. nach den Vorgaben des Auftraggebers entwirft und ausführt. Seine Kunstfertigkeit verleiht den Gilden Glanz, seine visuellen Angebote übersetzen den Darstellungswillen der Gruppe in konkrete Bildbotschaften. Wer ist für die Ausgestaltung zünftischer Räume verantwortlich? Welche Künstler werden für diese Aufträge herangezogen und wie gehen sie mit der jeweiligen Aufgabe um?

Die Räume, in denen sich die gemeinschaftlichen Aktivitäten abspielen, können unterschiedlichster Art sein. Der städtische Raum bildet quasi die Bühne, auf der sich die Handwerksverbände bewegen und ihre Realien zur Schau stellen können. Hierbei kann es sich um den zentralen Platz, das Rathaus, die Kirche mit verschiedenen Gildenkapellen oder auch das individuelle Zunfthaus handeln. Neben diesen verortbaren Räumen bilden die unterschiedlichsten ephemeren Räume einen ebenso zentralen Bereich: ob kommunale Festzüge, kirchliche Prozessionen, festliche Herrschereinzüge oder Totenfeierlichkeiten, wann immer die verschiedenen städtischen Gruppen in der Öffentlichkeit auftraten, mussten sie als Vertreter ihres Standes erkennbar sein. Hierbei spielten Realien wie Zunftkerzen, berufsspezifische Wappen und Standarten mit Zunftmotiven eine wichtige Rolle. Ebenso konnte die Reihenfolge, in der die jeweilige Gruppe an einer Prozession teilnahm, den Status der Zunft im städtischen Kontext signalisieren. Hierbei handelt es sich um ephemere Prozesse, die in schriftlicher oder bildlicher Form festgehalten werden konnten. Die Zunftkapellen dienten als öffentlich zugängliche Bereiche, in denen die Gemeinschaft ihr Erscheinungsbild nach eignen Vorstellungen prägen konnte.

Neben den unterschiedlichen Akteuren und Räumen soll die Tagung herausarbeiten, inwieweit das spezifische Objekt in der Vormoderne zur Repräsentation, zur Machtsicherung aber auch zum Wissenstransfer eingesetzt wurde und inwieweit es heute – oftmals seines Kontextes vollständig beraubt – zum Verständnis des Gilde- und Zunftswesens dienen kann. Die interdisziplinär angelegte Tagung möchte hierbei die visuellen und haptischen Dimensionen des Objekts ebenso einbeziehen wie etwa auch wissenschaftsgeschichtliche Fragen an das Thema.

Zu den möglichen Themenkomplexen der Tagung zählen etwa:

  • Gilde-, Bruderschafts - und Zunfthäuser im Zentrum der Stadt (Standort, Architekturformen, Ausstattung).
  • Rathäuser und zünftische Ausstattungsstücke (z.B.: Meisterstücke, Geschenke einzelner Künstler).
  • Sakralräume im Kirchenschiff (Zunftaltäre/ Ausstattung, Bruderschaftskapellen, etc.).
  • Glasfensterzyklen für städtische Berufsgruppen
  • Zünfte und konfessionelle Ausrichtung
  • Städtische Prozessionen /ephemere Kunst
  • Künstler als Mitglieder religiöser Bruderschaften
  • Künstler in kommunalen Organisationen
  • Künstlerfeste der Vormoderne
  • Künstlerbegräbnis innerhalb der Gilde / Zunft
  • Namen und Bezeichnungen von Bruderschaften
  • Wettbewerbe
  • Zunftheilige und kultische Verehrung
  • Theorien zu Material Culture und Material Turn
  • Topographie der Material Culture des Zunftwesens (Inventare, Klapptafeln, Zunftruhen, Willkom-Kannen)
  • Sammlungsgeschichte der Objekte
  • Wissenschaftsgeschichtliche Fragen im inner- wie intradisziplinären Kontext (u.a. Zunftforschung 19./20. Jahrhundert; Material Culture Studies und Begrifflichkeit(en) in Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland und den USA)

Die Konferenz wird vom ERC-Projekt artifex (www.kuenstlersozialgeschichte-trier.de/tak-sharc/artifex/) veranstaltet. Als idealer Tagungsort konnte das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München gewonnen werden, ist doch hier die "Forschungsstelle Realienkunde" angesiedelt, welche sich ausdrücklich der materiellen Kultur in vielfältigen Dimensionen widmet.

RAHMENBEDINGUNGEN: Der Veranstalter wird für Transport und Unterkunft der Sprecher aufkommen. Nähere Informationen werden nach der Auswahl der Vortragenden und der Zusammenstellung des Programms bekanntgegeben.

VORAUSSETZUNG FÜR DIE TEILNAHME: Eine zeitnahe Publikation der Tagungsergebnisse ist beabsichtigt. Aus diesem Grund wird erwartet, dass die ausgewählten Sprecher bereits zum Zeitpunkt der Konferenz einen druckreifen Text mit Fußnoten, Bibliographie und Bildvorlagen vorlegen werden. An diesem Text können im Anschluss an die Konferenz nur wenige Anpassungen vorgenommen werden, bevor das Manuskript im Sommer 2016 beim Imhof Verlag Petersberg in Druck gehen wird. Revidierte Texte mit druckfähigen Abbildungen müssen den Veranstaltern somit bis spätestens am 31. März vorliegen.

EINSENDESCHLUSS FÜR ABSTRACTS: 15. April 2015
Die Vorträge sollen eine Länge von 30 Minuten umfassen. Wir erbitten Abstracts von max. einer Seite Länge plus eines Kurzlebenslaufs mit den wichtigsten Publikationen an:
guilds@uni-trier.de

ORGANISATIONSTEAM:
Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke / Prof. Dr. Dagmar Eichberger / Dr. Birgit Ulrike Münch