Call for Papers

Call for Papers: Tagung: Anthropologisches Wissen und zitierbares Schreiben - Walter Benjamins Aphoristik im Kontext, vom 20. - 22. Mai 2010 in Berlin

Aphoristische Formen spielen in Walter Benjamins Schreiben eine zentrale Rolle. Mit ihnen verdichtet Benjamin seine Überlegungen zu prägnanten Aussagen und reflektiert zugleich über die Darstellungsprobleme seines Schreibens. Ein wichtiger Teil dieser Texte steht dabei im Kontext der anthropologischen Reflexion der Zwischenkriegszeit, die versuchen, über die Gegenüberstellung von Natur- und Geisteswissenschaft hinaus, das menschliche Leben als ein Grenzphänomen zwischen Organischem und Historischem, Übernatürlichem und Subhumanen zu denken – als Grenzphänomen, das sich gerade der forcierten Reflexion aphoristischer Formen erschließen kann. Die Tagung will die spezifische Form dieser Denkbewegungen diskutieren und ihren historischen Kontext untersuchen, sowohl jenen der aphoristischen Tradition als auch den der anthropologischen Reflexion. Einreichungen von Abstracts sind bis spätestens 31.01.2010 möglich.

Zu den klassischen Formen der Verbindung von Sprachkunst und theoretischer Reflexion gehört der Aphorismus. Walter Benjamin hat Zeit seines Lebens Aphorismen geschrieben und fast alle seiner Texte zeichnen sich durch eine hohe Dichte von Sentenzen, Thesen und anderen aphoristischen Formen aus. Gershom Scholem meinte sogar, Benjamin habe bewusst Sätze geschrieben, die "von vornherein und ihrem Wesen nach zitierbar" sein sollten. Solche Sätze verbinden, nicht selten als offene und verdeckte Selbstzitate, die verschiedene Teile und Phasen seines Werkes und spielen eine besondere Rolle in der Auffächerung seiner Schreibweisen und Adressierungsformen in den zwanziger Jahren. Benjamins Schreibweise lässt sich mit den bisher in der Forschung dominierenden Begriffskonstruktionen nicht angemessen erklären: weder mit dem frühromantischen Konzept des „Fragments“, das sich negativ an der Idee der Totalität orientiert, noch mit der in der Forschung häufig verwendeten Kategorie des „Denkbildes“. Für eine umfassendere Auseinandersetzung spielt die Gattung des Aphorismus und ihre literarisch und philosophische Tradition eine zentrale Rolle.

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Benjamin hat die 1928 erschienene Einbahnstraße als „Aphorismenbuch“ konzipiert und das Buch in einer Gruppen von Texten fortgesetzt, die später unter dem Titel „Denkbilder“ veröffentlicht worden sind, von Benjamin in Briefen aber als „Nachträge zur Einbahnstraße“ bezeichnet wurden. Hier bezieht er sich explizit auf viele Vertreter der aphoristischen Tradition wie Gracián, Pascal, Lichtenberg, Leopardi, Nietzsche, Valéry, Kraus, Scheerbart und Brecht. Die Auseinander-setzung mit den Beziehungen zwischen Allgemeinem und Besonderem, zwischen Norm und Abweichung sowie zwischen Regel und Einzelfall, die die aphoristische Tradition prägt, wird in diesen und vielen weiteren Texten zu einem zentralen Erkenntnisinstrument.
Der Aphorismen der europäischen Neuzeit entsteht im Rahmen von Verhaltenslehren, für die Stichworte wie Lebensklugheit, Beherrschung von Leidenschaften und Wissen über das Wesen des Menschen stehen können. Es handelt sich um die Vorgeschichte einer Disziplin, die seit dem 18. Jahrhundert als „Anthropologie“ bezeichnet und seit dem 20. Jahrhundert zur Philosophie zugerechnet wird, aber auch Fächer wie Biologie, Ethnologie, Psychologie und Phänomenologie umfasst. All diese Diskurse kreisen um die Spannung zwischen Norm und Individualität, zwischen gesellschaftlicher Ordnung und menschlicher Natur. Zwar werden diese Antagonismuen im 19. Jahrhundert scheinbar
durch die Programme der historisch-hermeneutischen Wissenschaften überwunden, brechen aber seit Beginn des 20. Jahrhunderts wieder auf, da die Veränderungen in der Moderne fraglich werden lassen, was der „Mensch“ denn ist. Die Anthropologie wird damit zu einem Verhandlungsraum verschiedener
Wissenskulturen, der über die Grenzen akademischer Disziplinen und ideologischer Lager hinweggeht.

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Zahlreiche Texte Benjamins können auf diesem Feld anthropologischer Diskurse verortet werden. Er greift auf dabei Wissensformen und Denkfiguren zurück, die in der Rezeption kaum erkannt wurden, da die Forschung in erster Linie an Fragen der Kunst- und Gesellschaftstheorie, der Politik und der Theologie interessiert war. Benjamins Arbeitsprogramm eines „anthropologischen Materialismus“ und
einer Erkundung von „Leib- und Bildraum“ stützt sich aber auf zentrale Kategorien der zeitgenössischen Anthropologie wie „das „Organische“, „das Leben“ und „die Erfahrung“, um Grundfragen der Geschichte, Politik und der Technik neu zu denken. Dabei ist es allerdings charakteristisch für Benjamin, dass er Grenzen des Menschlichen mitdenkt. Seine Überlegungen bewegen sich im Spannungs-feld zwischen dem Übernatürlichen einerseits, das mit theologischen Kategorien wie „Erlösung“ oder „Offenbarung“ angeschrieben wird, sowie einer anarchischen Subwelt, die von so unterschiedlichen Wesen wie Kindern, Abfallsammlern, Buckligen oder den Figuren Kafkas bevölkert werden. Beides, die Verbindung zwischen Mensch, Geschichte, Technik und Politik sowie die kosmische oder auch höllische Entgrenzung des Menschlichen, können durchaus auch als Kritik an einer Anthropologie gelesen werden, die ausschließlich das Humane zur Grundlage des Wissens machen will. Für Benjamin steht der Mensch dagegen an der Grenze verschiedener Wissenskulturen, zu denen auch Grenzgebiete wie Traumdeutung, Handlesekunst, Graphologie und Astrologie gehören.

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Der Aphorismus ist in vielen Fällen die literarische Form Benjamins, um diese Grenzsituation des Menschen zu kennzeichnen. Die Form wird dabei in seinen Schriften erneuert und zu anderen kleinen literarischen Formen wie Rätsel, Parabel, Märchen oder Sage erweitert. Die von Hofmannsthal aufgegriffene Formel „Was nie geschrieben wurde lesen“ schließt an die physiognomischer Tradition an, die Wissen über den Menschen aus seinem Bild ableitet, kann aber auch als Vorwegnahme einer kulturanthropologischen Methode betrachtet werden, für die der Text und der Schreibakt Modell der Kultur ist. Zugleich reflektiert sie das eigene Darstellungsverfahren, das Erkenntnisse im Prozess des Schreiben in Bildern verdichtet. Denn „Bildlichkeit“ ist für Benjamin nicht nur eine anthropologische Gegebenheit, die mimetischen Formen des Verhaltens ebenso bestimmt wie die Sprache, sie ist zugleich ein poetologisches Prinzip seiner Schreibweise: Sie vermittelt Erkenntnisse, die sich einer klaren Kodifizierung entziehen und nimmt Rücksicht auf die fragile Konstitution des menschlichen Wissens.
Aus diesen Gründen sind Benjamins Überlegungen für die gegenwärtige Kulturwissenschaft von zentraler Bedeutung. Das von ihm skizzierte Forschungs-programm einer Anthropologie der Geschichte, der Kunst und der Politik in der Moderne ist in weiten Teilen kaum erkannt und uneingelöst. Auf der Tagung soll dieses Programm, seine historischen Kontexte und seine literarische Spezifik diskutiert werden. Themenbereiche sind unter anderem: Benjamins Auseinander-setzung mit der Tradition der französischen Aphoristik und ihren Verhaltenslehren, mit der frühromantischen Theorie des Fragments und den zugehörigen Kunst- und Lebensvorstellungen, mit Nietzsches aphoristischen Werken und ihrer anthropologischen-psychologischen Überlegungen, mit den aphoristisch schreibenden Autoren der Weimarer Republik und ihren Vorstellungen von Politik, Recht und Geschichte (wie Brecht, Bloch, Carl Schmitt) und nicht zuletzt mit der zeitgenössischen Anthropologie und ihren Darstellungsformen (Klages, Scheler, Plessner und andere).

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Weitere Informationen

Die Organisatoren laden junge Wissenschaftler ein, Vorträge vorzuschlagen, bitte schicken Sie ein abstract (ca. 1000 Zeichen) bis zum 31.01.2010 an: weidner@zfl-berlin.org

Deadline für die Einsendung der Abstracts ist der 31.01.2010.

Leitung
Detlev Schöttker (TU Dresden) und Daniel Weidner (ZfL)
Stellvertretender Direktor
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung,
Schützenstr. 18,
10117 Berlin
www.zfl-berlin.org

Teilnehmer u.a.: Justus Fetscher, Joachim Fischer, Nicola Gess, Werner Helmich, Heinrich Kaulen, Burckhardt Lindner, Reinhard Mehring, Uwe Steiner, Friedemann Spicker

Kontakt
weidner@zfl-berlin.org