Call for Papers

Call for Papers: Tagung: Objektivität und Imagination. Naturgeschichte in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, am 19. und 20. Juni 2015 in Hannover

Die Tagung widmet sich dem Nachleben von Darstellungstraditionen der Naturgeschichte durch Aneignungen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und damit dem Austausch und der Differenz naturwissenschaftlicher und ästhetischer Bildstrategien. Ziel der Tagung ist es, die Verbindung von Kunst und Naturgeschichte in ihren verschiedenen Ausprägungen – seien sie kunsttheoretisch, (quasi)wissenschaftlich oder experimentell-künstlerisch – zu untersuchen. Einsendeschluss für Abstracts: 31. Oktober 2014

Mit Blick auf das Spannungsfeld von Objektivität und Imagination in der Naturbeobachtung und -darstellung sollen offene Fragen geklärt werden zu Gemeinsamkeiten von Kunst und Wissenschaft und zu den Grenzen ihres Zusammenwirkens, zum Bild als Vermittlungsinstanz von Wissen, zur Ästhetik von Natur und zum Einfluss der Kunst auf die Naturforschung. Beiträge können zu folgenden Schwerpunkten und Themen eingereicht werden:

Grundlagen
Es geht darum, die Grundlagen für eine Kunst herauszustellen, die sich mit Naturkunde und ihrer Darstellung befasst. Dazu zählen einerseits wissenschaftliche Publikationen, auf die in der Kunst Bezug genommen worden ist und die als grundlegend für Fragestellungen von Kunst und Naturkunde im 20. und 21. Jahrhundert verstanden werden können, andererseits Quellen und Materialien, mit denen die Kunst naturwissenschaftliche Erkenntnisse reflektiert und verarbeitet hat. Der Einfluss von philosophischen Strömungen, Wissenschaftsdiskursen, ökologischen Erkenntnissen oder ideologischen Programmen auf die Auseinandersetzung von Künstlerinnen und Künstlern mit Naturkunde ist ebenfalls zu beleuchten. Darüber hinaus sind auch Künstlerkommentare (z. B. Joseph Beuys) oder konkrete Dialoge zwischen Kunst und Naturkunde von Interesse, wie sie sich auf verschiedenen Ebenen immer wieder ergeben haben, zum Beispiel in der Geschichte des Naturfilms.

Naturbeobachtung / Naturwahrnehmung
Ein wichtiger Bereich bezieht sich auf den Aspekt der Wahrnehmung, des Beobachtens und Sehens. Zu untersuchen sind Analogien und Differenzen zwischen einer auf Objektivität basierenden Naturwissenschaft und einer subjektiven Bildpraxis (u. a. Paul Klee, Willi Baumeister, Wols). Der Wahrnehmungsaspekt umfasst die Frage danach, was und wie die Naturkunde (als Wissenschaft) über ihre Institutionen vermittelt oder von welchem Standort aus Natur erforscht wird, gemeint ist z. B. die künstlerische Arbeit in Naturkundemuseen (u. a. Emil Nolde, Ernst-Ludwig Kirchner), auch in Gegenüberstellung zur Arbeit in der Natur. Die fachkundlichen Ordnungen von Naturmaterialien und ihre Präsentationen können dabei zur Ausgangsbasis für die künstlerische Komposition und Umsetzung werden.

Die Rolle des Künstlers
Mit der Moderne geriet das traditionelle Rollenbild des Künstlers ins Wanken. Insbesondere wenn Wissenschaftlichkeit in der künstlerischen Praxis Anwendung findet, ist diese Rolle neu zu überdenken. Diesen Typus eines ‚Künstler-Forschers‘ gilt es, in seiner Funktion und Konsequenz zu beschreiben und für die Moderne greifbar zu machen (u. a. Eadweard Muybridge, Karl Blossfeldt, Jean Painleve?). Den Strategien der Objektivierung, wie sie die Wissenschaft methodisch einsetzt, steht das (Auto-)Biografische gegenüber, das immer wieder Einzug in Naturzeichnungen bzw. wissenschaftlich-künstlerische Darstellungen genommen hat (u. a. Ernst Haeckel).

Adaption von Ordnungsprinzipien
In Bezug auf das mit dem 19. Jahrhundert entstehende wissenschaftliche Inventar sind künstlerische Auseinandersetzungen mit Ordnungen, Systemen und Methoden der Naturwissenschaft zu behandeln. Ebenso wie Formen naturhistorischer Aufzeichnung (lexikalische, enzyklopädische u.a.) wurden diese von Künstlerinnen und Künstlern bewusst oder unbewusst adaptiert (Marcel Duchamp, Hans Arp, Sol LeWitt, Gerhard Richter, Max Ernst, Marc Dion).

Neuschöpfungen von Naturgeschichte
Zu wichtigen Parametern zählt auch die Nähe zur historia naturalis selbst. Künstlerinnen und Künstler haben sich dieses Wissenskomplexes und seiner Teilbereiche angenommen und immer wieder zu eigenen Naturgeschichten gefunden. Die Werke und ihre Bedeutung, vor allem in direktem Bezug auf Vorbilder, können in den Blick genommen werden (u.a. Max Ernst, Damien Hirst). Nicht ausschließlich zur ‚Naturgeschichte‘, auch über den Aspekt der Schöpfung von Natur und die in ihr wirkenden Kräfte und Gewalten, ihre chaotischen Zustände und Ordnungssysteme haben Künstlerinnen und Künstler zur Natur gearbeitet.

Künstlerische Strategien
Gegenstand einer Analyse kann die Einbeziehung von Fachgebieten der Naturkunde in die künstlerische Praxis sein, z. B. der Anatomie, Morphologie oder Meeresbiologie (u. a. Franz Marc, Jacques Cousteau). Zu fragen ist, inwieweit Interdisziplinarität oder Spezialisierung zur künstlerischen Strategie werden oder Mittel zum Zweck sind.  Das Streben der Avantgarde nach einer Verbindung von Kunst und Leben hat die Analogie von Kunst und Natur bestätigt und u. a. das Zufallsprinzip als tertium comparationis zum Vehikel ihrer Kunstauffassung gemacht. Auch das Prinzip der natura naturans ist im Rahmen künstlerischer Ausdrucksweise näher zu betrachten.

Darstellungsmodi
Augenfällig sind zweierlei Richtungen in der Kunst, die sachliche Naturwiedergabe ebenso wie die Natur als Abstraktion: Naturbilder oszillieren zwischen objektiver Naturbeobachtung und mimetischer Wirklichkeitsaneignung einerseits und Fantasie und Fiktion andererseits. Es ist zu untersuchen, inwieweit Bildprogramme eines Naturwissens ein Spiegel von Welt, Politik und Gesellschaft sind und welchen Denkströmungen sie folgen.

Medium und Technik
Ein weiteres Forschungsfeld bildet das technische Bild, zum Beispiel bei der Sichtbarmachung und Aufzeichnung von Prozessen und naturkundlichen Darstellungen. Welche Bedeutung besitzt das Medium der Aufzeichnung für ein Verständnis, eine Erfahrung und Vorstellung von Natur und ihre künstlerisch-wissenschaftliche Erfassung? Sehr konkret können auch die Rolle von Medien und Instrumenten und ihre Bedeutung für die Entstehung künstlerischer und naturkundlicher Erkenntnisprozesse ins Zentrum der Betrachtung rücken: Welchen Einfluss haben die bildgebenden Verfahren der Wissenschaft auf die Kunst und welchen Einfluss nehmen künstlerische Medien und Techniken auf
wissenschaftliche Bilder der Natur?

Als interdisziplinär angelegte Tagung mit Schwerpunkt auf der Kunstgeschichte sind ausdrücklich auch Beiträge aus assoziierten Fachbereichen erwünscht. Die Tagung steht allen Interessierten offen. Tagungssprache ist deutsch. Eine Publikation der Tagungsbeiträge ist geplant. Vorgesehen sind Vorträge von maximal 30 Minuten.

Bei Interesse an einem Beitrag bitten wir um die Zusendung von einem Arbeitstitel und einem Abstract (max. eine Seite) sowie einer
Kurz-Biografie  per E-Mail an tagung.naturgeschichte@web.de .

Für Rückfragen zur Tagung und weitere Informationen stehen wir gerne
zur Verfügung.

Organisation:
Annerose Keßler M. A., annerosekessler@web.de
Dr. Isabelle Schwarz, Isabelle.Schwarz@Hannover-Stadt.de
Sprengel Museum Hannover,
Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover
T + 49 (0)511 168-43924