Ausstellungsbesprechungen

Camille Corot – Natur und Traum, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, bis 20. Januar 2013

»Père Corot« – nannten ihn die Pariser Künstler des 19. Jahrhunderts. Denn Camille Corot war – den Kunstströmungen zum Trotz – mit seinem eigenen Stil so erfolgreich, dass er anderen Malern finanziell und sozial unter die Arme griff. Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe widmet dem französischen Vorbild nun eine einzigartige Schau, die Günter Baumann besucht hat.

Es gelingt in Karlsruhe immer wieder, Sonderausstellungen auszurichten, wie man sie im süddeutschen Raum in staatlichen Museen nur noch selten antrifft – selbst in München spürt man ein gebremstes Engagement. Mit einer wuchtigen Werkschau des französischen Malers Camille Corot (1796–1875), die ganze 180 Arbeiten aufzubieten hat, setzt die Kunsthalle einmal mehr einen Meilenstein in die Ausstellungslandschaft in der Badenmetropole.

Die Gemälde, Zeichnungen und Grafiken kommen aus großen Häusern in New York, Paris, London u.a., wobei auch die Kunsthalle selbst auf einen kleinen, aber feinen Bestand an Corot-Arbeiten zurückgreifen konnte. Noch nie allerdings war der Schöpfer poetischer Landschaften, illustrer Szenerien sowie einfühlsamer Bildnisse beziehungsweise Typenporträts so umfangreich in Deutschland zu sehen. Im Überblick wird deutlich, dass man seinem Werk mit Begriffen wie klassizistisch, romantisch oder realistisch nicht richtig beikommt. Hier ist eine »hochinteressante eigenständige Künstlerpersönlichkeit« – so die Museumsdirektorin Pia Müller-Tamm – zu entdecken, der eine historisch-klassizistische Ausbildung genossen hat, aber im Laufe seines Schaffens weit über sich und die zeitgenössischen Strömungen hinauswies – wenn er nicht sogar, und sei es unbewusst, die Moderne vorausgeahnt hat.

Modern muss man jedenfalls seinen zunehmend freien, ja ungebändigten Stil bezeichnen, der am innovativsten in den Zeichnungen durchscheint. Dabei ist festzuhalten, dass Corot eben nicht im Vorhof des Impressionismus gespielt hat, sondern auf der Bühne seiner Zeit eine Sonderrolle innehatte. Bei allem Vorausweisenden vergaß er wohl nie, dass er in Rom und mit Blick auf Poussin zum Künstler reifte. Der Erfolg der Ausstellung, die am Ende wohl deutlich über 40000 Besucher zählen wird, rührt sicher vom Konzept her, zugute kommt ihr wohl auch die Nähe zum Elsass – die Kunsthalle hat über Jahre hinweg seinen Frankreich-Schwerpunkt gepflegt und kann getrost die Früchte ihrer Ambitionen ernten.

Mit beeindruckendem Weitblick haben die Kuratorinnen Dorit Schäfer und Margret Stuffmann Vorgänger und Nachläufer ausgewählt, die Camille Corot positionieren – zwischen Pierre-Henri de Valenciennes und Camille Pissarro. Vielleicht gehen die Bezüge zuweilen doch zu weit, wenn auf Redon oder Cézanne verwiesen wird; das wird den Lockungen des Museumsbestandes geschuldet sein. Wahr ist allerdings, dass gerade die modernen Künstler spürten, was in Corot steckte.

Was die Bühne angeht, haben die Ausstellungsmacher ganze Arbeit geleistet und im fast 500-seitigen Katalog nicht nur die verschiedenen Schauplätze der Stimmungen beschrieben, sondern auch die tatsächliche Nähe zum Theater und vor allem zur Musik entschlüsselt (unterstrichen wird die ›Musikalität‹ der Gemälde durch das tönende Begleitprogramm). Dass Corot seine Inspiration auch aus der Literatur bezog, ist lange verborgen geblieben. Nun kann man parallel zu seiner Bildwelt Charles Baudelaire lesen und muss nicht einmal vor Marcel Proust zurückschrecken.

Das Klangbild seiner Landschaften macht Camille Corot zu einem der stimmungsvollsten Vertreter eines naturnahen, aber auch subjektivierten Stils. Zum einen zeigt dieser sich träumerisch, zum andern melancholisch, aber stets lebensbejahend. In der Rezeption hat das zu einem Markt kitschiger Imitate und corothafter, romantisch verklärter oder präimpressionistischer Stimmungsbilder geführt, die das Genie des Künstlers etwas verwässert haben. Die Karlsruher Schau vermittelt den lupenreinen, im späteren Werk ins Symbolistische driftenden Corot, der auch die Schule von Fontainebleau in neuem Licht sehen lässt.