Ausstellungsbesprechungen

Carel Fabritius (1622-1654). Der junge Meister

"Ein kleines Nichts, aber ein exzellentes" - Das Mauritshuis in Den Haag zeigt bis 9. Januar 2005 das überschaubare Oeuvre von Carel Fabritius.

Manchmal ist ein Ende gleichzeitig ein Anfang. Als am 12. Oktober 1654 das große Pulvermagazin der niederländischen Stadt Delft explodierte, arbeitete Carel Fabritius, ehedem begabtester Rembrandt-Schüler und inzwischen als Maler in Delft ansässig, in seinem Atelier an einem Porträt des Küsters der Oude Kerk. Die Explosion legte ein Drittel der Stadt in Schutt und Asche, darunter auch die Doelenstraat, in der der Künstler wohnte. Nach sechstündiger Suche wurde Fabritius halbtot aus den Trümmern seines Hauses gezogen. Am folgenden Tag starb er, im Alter von gerade einmal 32 Jahren. Ein vielversprechender Maler war gestorben, ein Mythos war geboren.

Denn obwohl Fabritius (1622-1654) von seinen Zeitgenossen als "größter Künstler Hollands" gerühmt wurde, weiß man so gut wie nichts über sein Leben und waren bis vor zwanzig Jahren nur sieben Gemälde von ihm bekannt. Dank sorgfältiger Forschung und neuer Zuschreibungen ist ihre Zahl inzwischen auf zwölf gestiegen - auch nicht gerade ein umfangreiches Werk für jemanden, der mindestens zehn Jahre lang als Maler tätig war. Noch immer rätseln die Kunsthistoriker, wieso nicht mehr Gemälde erhalten sind. Wurde Fabritius vielleicht doch nicht so sehr geschätzt, wie manche Quellen behaupten? Hat er so wenig gemalt? Sind Teile seines Oeuvres noch immer fälschlicherweise seinen zwei ebenfalls malenden Brüdern oder Rembrandt zugeschrieben?

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Das Mauritshuis in Den Haag widmet Fabritius nun die wahrscheinlich kleinste Übersichtsausstellung aller Zeiten. In zwei Sälen sind die zwölf Gemälde ausgestellt, von denen drei in den Niederlanden und neun in Museen in aller Welt bewahrt werden. Eines der bedeutendsten Werke, die "Torwache" (1654), gehört dem Staatlichen Museum in Schwerin, das die Ausstellung ursprünglich organisieren wollte. Da jedoch die gnadenlos veraltete Klima- und Verdunklungstechnik des mecklenburgischen Museums erst einmal erneuert werden musste, konnte das Mauritshuis ihm zuvorkommen. Nach der Premiere in Den Haag wird die Retrospektive im Januar nach Schwerin weiterreisen.

 

Die Verteilung der zwölf Gemälde über zwei Räume war nicht schwierig, denn in Fabritius' spärlichem Oeuvre ist deutlich eine "rembrandteske" und eine "post-rembrandteske" Phase zu unterscheiden. Neben einem herrlich gruseligen Stilleben mit einem geschlachteten Ochsen und einer blutaufwischenden Magd, machen dement-sprechend einige großformatige, brauntonige Historiengemälde den Anfang, die nicht mehr und nicht weniger als tüchtige Helldunkelmalerei im Stile des Meisters sind. Man kann den frühen Kunsthistorikern kaum verdenken, dass sie die Gemälde Rembrandt zuschrieben. Selbst die Gesichter der Figuren ähneln jenen des Meisters: In der "Auferweckung des Lazarus" (1643) schart sich eine Ansammlung von lockigen Knubbelnasenträgern mit staunenden Rosenmündchen um einen Jesus, der dem Hauptmann von Rembrandts "Nachtwache" wie aus dem Gesicht geschnitten scheint.

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Als Fabritius 1650 von Amsterdam nach Delft zog, fand ein tiefgreifender Stilwandel statt, der sich in der Ausstellung sehr schön an drei Selbstporträts nachvollziehen lässt. Um 1645 blickt der junge Maler eitel unter einem pilzförmigen Hut hervor, sein halbes Gesicht verschattet, sein langes Haar fluffig gebauscht. Zwei Jahre später ist der weichpinselige Rembrandt-Stil bereits einer schnelleren, trockeneren Maltechnik gewichen. Auf seinem 1647 entstandenen Selbstporträt sitzt Fabritius viel zu tief, als habe er den Drehstuhl im Passfotoautomaten nicht richtig eingestellt. Das Hemd steht verwegen offen, das hervorquellende Brusthaar besteht aus ein paar rasanten Pinselstrichen. Schließlich tritt er uns 1654 noch einmal entgegen, nun jedoch in reiferer Gestalt und Ausführung. Das Bild mit dem hellen Hintergrund ist eine einfache Komposition in Crèmeweiß und Schokobraun, die viel Ruhe ausstrahlt und Gesichts-, Geschmacks- und Tastsinn gleichzeitig anspricht.

 

Wie dieses Selbstporträt, sind alle überlieferten Gemälde aus der Delfter Zeit schlicht, aber virtuos gemalt und in hellen Farben gehalten. Verständlich, dass man schon seit dem 17. Jahrhundert in Fabritius einen Vorläufer von Vermeer erkennen will. Weshalb der Maler jedoch zu Lebzeiten als Meister der Perspektive gefeiert wurde, lässt sich höchstens am räumlich komplexen Blick durchs Stadttor in der "Torwache" und an einer kleinen, konvex verzerrten Stadtansicht von Delft nachvollziehen, die ursprünglich für einen Guckkasten gemalt wurde.

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Sein wahres Können offenbart Fabritius im wohl bescheidensten Meisterwerk des holländischen Goldenen Zeitalters, dem "Stieglitz" (1654). Vor dem Hintergrund einer Wand, die früher gelb war, sich aber bei der jüngsten Restaurierung als bläulich-weiß herausgestellt hat, sitzt ein täuschend echter, lebensgroßer Stieglitz angekettet auf einer von zwei Sitzstangen vor seinem Futternapf. Ein einziger simpler Kunstgriff half, den Piepmatz von der zweiten in die dritte Dimension zu befördern: Fabritius setzte die gelbe Flügelfeder als pastosen Farbstreifen auf die Leinwand. Kunsthistorisch ist das Vögelchen bedeutsam, weil es das allererste Trompe-l'Oeil-Gemälde ist, das ein lebendiges Haustier darstellt. Viel faszinierender ist jedoch, wie in diesem kleinen Gemälde Täuschungskraft, Schlichtheit und Anmut miteinander verschmelzen. Es ist ein ungewöhnlich charmantes, beinahe rührend einfaches Bild. Schon 1867 ließ es den französischen Kunstkenner Thoré-Bürger, der als Wiederentdecker von Fabritius ebenso wie von Vermeer gilt, jubilieren: "Ist mein 'Stieglitz' nicht ein Wunder? Er ist ein kleines Nichts, aber ein exzellentes!"

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Mit dem exzellenten Nichts endet die Ausstellung ebenso abrupt wie Fabritius' Leben. Lediglich einige wenige historische Dokumente - Heiratsregister, Meisterbuch der St. Lukasgilde, Darstellungen von Delft nach der Explosion, Sterberegister - erwarten den Besucher noch in einem folgenden Saal. Sie werfen jedoch mehr Fragen auf als sie beantworten können.

 

Gerade dann, wenn man Lust auf mehr bekommen hat, ist man schon am Ende der Schau angelangt. Fabritius' bruchstückhaftes Oeuvre ist ein Amuse-Gueule, auf das kein Hauptgericht folgt. Was den Vorteil hat, dass man sich daran niemals satt essen kann.

Im Anschluss ist die Ausstellung im Museum Schwerin zu sehen (29. Januar bis 1. Mai 2005).

Weitere Informationen

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Samstag 10-17 Uhr
Sonntag und in den Ferien 11-17 Uhr

Eintritt (inkl. Audio-Guide):

Erwachsene 9,- €
Kinder bis 18 Jahre haben freien Eintritt

 

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