Buchrezensionen, Rezensionen

Carl Gustav Carus. Natur und Idee (Katalog) und Carl Gustav Carus. Wahrnehmung und Konstruktion (Essayband), beide hrsg. v. Petra Kuhlmann-Hodick, Gerd Spitzer u. Bernhard Maaz, Deutscher Kunstverlag 2009

Für einen normalen Menschen hätte wohl bereits eines der vielen Talente genügt, die Carl Gustav Carus (1789 – 1869) auszeichneten – er war begabter Arzt, schon in jungen Jahren Professor an der Universität und später Leibarzt seines Landesherrn, aber auch ein angesehener Wissenschaftsautor, der mit Goethe korrespondierte, sich in den Chor der romantischen Naturphilosophie als eigenständige Stimme einordnete, den Blutkreislauf der Insekten erforschte, über Geologie und Anatomie publizierte und Briefe über Landschaftsmalerei schrieb. Und er war nicht zuletzt ein großartiger Maler, seinem Freund Caspar David Friedrich in vielem verwandt. Selbst Goethe konnte Carus die Bewunderung für sein enzyklopädisches Wissen und seine breitgestreuten Interessen nicht versagen. Die große Ausstellung in Dresden, wo Carus den größten Teil seines Lebens verbracht hat, muss deshalb fast notwendig ebenso vielseitig und interessant werden wie Carus selbst; und für die damit verbundenen Publikationen gilt das natürlich auch.

 Der Name des Malers Carl Gustav Carus wird immer zusammen mit jenem Caspar David Friedrichs genannt werden, und Carus wird diesem Vergleich nie ausweichen können, so wenig er dabei gewinnen kann. Carus war vor allem ein Landschaftsmaler, der Eldena und andere Ruinen, das Riesengebirge, die Elbe im Abendlicht oder einen Friedhof unter Schnee malte. Von ihm gibt es auch Fensterbilder in verschiedenen Varianten, und er hat Rügen buchstäblich auf den Spuren Friedrichs besucht und mit einem Freund das Riesen- und Isergebirge durchwandert – alles wie Friedrich.

Doch bereits vor ihrer Bekanntschaft hatte Carus eine ganz ähnliche Richtung wie Friedrich eingeschlagen. Schon das älteste seiner erhaltenen Bilder gibt eine ruhige Stimmung in einem Wald bei Leipzig wieder. Beiden Malern gemeinsam war es, die Natur als das Symbol des Menschenlebens anzusehen. Friedrich aber durchdachte seine Bilder viel tiefer. „Carus“, so urteilt Gerd Spitzer, „fehlt die Konzentration im Formalen wie im Gedanklichen, die Friedrichs Bildsetzungen in so hohem Maße eigen ist. Er illustriert mehr das Ereignishafte der Szene und den stimmungsvollen Augenblick, als dass er seinem Gemälde höhere Bedeutung verleihen kann.“ Trotzdem sind ihm ganz außerordentliche Bilder gelungen, von denen die Autoren besonders die »Frühlingslandschaft im Rosenthal bei Leipzig« vom erst fünfundzwanzigjährigen jungen Arzt im Fronteinsatz und »Erinnerung an eine bewaldete Insel der Ostsee (Eichen am Meer)« hervorheben. Tief beeindrucken können auch seine nächtlichen Szenen oder seine Fensterbilder.

In dem schillernden Begriff der „Erdlebenbildkunst“ wird das angestrebte Zusammenspiel von Kunst und Natur, von Illusion und Wirklichkeit, von Gedanke und  Beobachtung im Werk von Carus greifbar. Hans Joachim Neidhardt nennt es die „Dichotomie von romantischer Geistigkeit und wissenschaftlich ambitionierter Sachlichkeit“. Carus war immer Künstler und Wissenschaftler zugleich, indem er seine eigenen Werke (über die Physis der Menschen und Tiere, über Geologie und zahlreiche andere Themen) illustrierte, aber auch, indem er sorgfältig seiner eigenen zeichnerischen Aufnahme einer Landschaft folgte – ein Konzept, das sich nicht mit der Erhöhung einer Landschaft vertrug, wie Friedrich sie praktizierte.

An zahlreichen Beispielen demonstriert Petra Kuhlmann-Hodick im Detail die verschiedenen Kunstauffassungen von Friedrich und Carus: „Carus folgt Friedrichs Vorbild, indem er den gleichmäßigen Rhythmus der Schraffur zur Gliederung der Flächenkompartimente einsetzt, ohne dessen tektonische Strenge anzustreben. Doch bei Carus scheinen sich derartige Bildelemente weit weniger von ihrer gegenständlichen Bindung zu lösen. Sie bewahren die schlichte Funktion, dem Zeichner ein probates Mittel formelhafter Zusammenfassung zu sein.“

 

Fortsetzung von Seite 1

Wie verschieden Friedrich und Carus bei aller Nähe und Verwandtschaft waren, das zeigt auch der Beitrag von Johannes Grave, in dem der Blick auf das Bild einer Landschaft in Beziehung gesetzt wird zum Erleben der Landschaft in der freien Natur. Dabei ist es der Physiologe und Anthropologe Carus, der bereits den physischen Unterschied zwischen den Sehvorgängen genau zu benennen weiß: „Das Bild, könnte man sagen, ist ein fixierter Blick; das gewöhnliche Sehen als ein bewegliches und stets bewegtes Umschauen in der natürlichen Welt kennt keine Konzentration der Massen und des Lichts, der möglichst festgeheftete Blick dagegen (einen absolut festgehaltenen gibt es nicht wegen der steten inneren Erzitterung des Auges) zeigt uns allemal in der Mitte des Sehfeldes, da, wo die beiden Augenachsen sich vereinigen, die größte Deutlichkeit, das heißt also auch die vollkommenste Lichtwirkung; das Bild folglich, welches als solches die Anschauung bieten soll eines nachgeahmten, aber durch Geistesabstraktion wirklich fixierten Sehfeldes oder Blicks, verlangt ebendarum durchaus teils den ‚geschlossenen Raum’, teils auch objektiv die Konzentration der Lichtwirkung, und unwillkürlich und halb unbewußt fühlt es daher sogleich der Beschauer als einen Mangel, wenn diesen Bedingungen nicht vollständig entsprochen ist.“

Der Katalogband zur großen Carus-Ausstellung trägt den Namen »Natur und Idee«, was diesen beiden Seiten des Malers Carus Rechnung trägt. Er ist thematisch gegliedert; zunächst in die vier Kapitel „Kunst“, „Schriften“, Sammlungen“ und „Dialoge“ und dann zusätzlich in insgesamt 22 Unterkapitel. Die beiden ersten Kapitel erklären sich selbst. „Sammlungen“ meint einerseits Carus’ eigene Sammlungen (Kunst, Naturwissenschaft und Schädel), andererseits die Carus-Sammlung der Städtischen Galerie Dresden, die diesen Titel aber wohl zu Unrecht trägt, weil Carus diese Sammlung nur erworben, nicht aber selbst zusammengestellt hat. Die „Dialoge“ gelten Goethe, Alexander von Humboldt, Caspar David Friedrich, Ludwig Tieck und seinem Landesherrn, Johann von Sachsen. Alle Abschnitte werden von meist drei- bis sechsseitigen Essays eingeleitet, in denen die nachfolgenden Stücke eingeordnet werden. Der Katalog umfasst nahezu dreihundert Seiten, und dazu kommt noch eine erhebliche Zahl von teils großformatigen und farbigen Abbildungen innerhalb der einleitenden Essays.

Den Essayband »Wahrnehmung und Konstruktion« leitet Dietrich von Engelhardt ein und macht den Leser mit der Problematik von romantischer Wissenschaft und Philosophie bekannt. Aber eigentlich kommt es nicht auf eine Übersicht an, sondern auf die sorgfältige Interpretation und Bewertung der einzelnen wissenschaftlichen oder naturphilosophischen Schriften und Konzepte von Carus. Gelegentlich ist hier nämlich Kritik durchaus angebracht, und diese Kritik wird von verschiedenen Autoren auch geäußert. Besonders erwähnenswert ist Carus’ manchmal latenter, manchmal offen zu Tage tretender Rassismus, dem bereits seine Zeitgenossen, etwa Alexander von Humboldt, skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Auch besaß er einen bespöttelten Hang zu allerlei irrationalen und eigentlich bereits zu seiner Zeit überholten Konzepten, etwa dem Mesmerismus.

Aber die Denkfehler von Carus liegen nicht allein und nicht vorwiegend dort. In seinen Arbeiten über »Cranioskopie« (Schädellehre, größtenteils in den 1840er Jahren veröffentlicht) oder in seiner Physiognomik (»Symbolische Bedeutung der menschlichen Gestalt«, 1853) hat er die Fehler Johann Heinrich Lavaters und Franz Joseph Galls aufgegriffen und weitergeführt. Wie diese Autoren den Charakter oder die intellektuelle Leistungsfähigkeit an der Nasenlinie, der Neigung der Stirn oder dem Umfang des Hinterkopfes ablesen zu können glaubten, also an unveränderlichen Merkmalen, so fand Carus Buckel auf dem Schädeldach symptomatisch und schloss von ihnen auf intellektuelle und charakterliche Eigenschaften. Der Fehler dieses Konzeptes ist darin zu suchen, wie schon Jahrzehnte zuvor Lichtenberg erkannt hatte und wie Carus in der »Phänomenologie des Geistes« (1807) hätte nachlesen können, nicht etwa die beweglichen Teile des Gesichts bzw. des Schädels, sondern deren unbewegliche Teile zum Ausgangspunkt seiner Deutungen zu nehmen.

Konstatiert werden muss auf jeden Fall der merkwürdige Widerspruch, dass ein extrem vielseitiger Wissenschaftsautor, der mit Büchern über die Seele (»Psyche«) und über Physiognomik hervortritt, ja der sogar zu den Begründern der wissenschaftlichen Psychologie gezählt werden muss und eine bedeutende Sammlung von Porträts, Totenmasken und Schädeln anlegt, als Maler der Darstellung des menschlichen Gesichts konsequent ausweicht; allenfalls einige Rückenansichten finden sich, aber keine Porträts oder Ansichten im Profil.

Seit langem ist »Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele« (1846) von besonderem Interesse für die Geschichte der Anthropologie, aber auch für die der Psychoanalyse. Ihr erster Satz „Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins.“ (eigenartigerweise im Buch in der neuen Rechtschreibung zitiert), gilt seit langem als eine der wichtigsten Anregungen für Sigmund Freud. Werner Felber zeigt in seinem Beitrag, dass diese Schrift „den Grundstock der Eigentümlichkeiten des Unbewussten bei Sigmund Freud“ enthält – eine Tatsache, die Freud wohlweislich zu verschweigen wusste. Zweifellos ist aber diese Schrift von Carus nicht allein für die Entwicklung der Psychoanalyse bedeutend, denn die Betrachtung der menschlichen Seele unter genetischen Gesichtspunkten eröffnet ein überaus ertragreiches Feld für die Anthropologie.

 

Fortsetzung von Seite 2

Aus der Fülle der gelungenen Beiträge seien noch einige besonders wichtige herausgegriffen. Mit der „Ambivalenz des Atmosphärischen bei Carl Gustav Carus“ beschäftigt sich Hans Joachim Neidhardt. Er schildert zunächst die rein äußerliche Geschichte von Carus’ Interesse an Phänomenen dieser Art und zeigt, worin die Unterschiede zu Caspar David Friedrich einerseits und Johan Christian Dahl andererseits liegen. Carus, so schreibt er, „sieht mehr, tiefer und differenzierter als seine Zeitgenossen, sieht die Transparenz und Festigkeit der Schatten und die Reflexe des Lichtes in ihnen. Er besitzt die Gabe, sich einzufühlen und einzusehen in eine vorübergehende Farb-Licht-Stimmung. Indem er diese aber als ein Transitorisches begreift, durchbricht er die Statik bisheriger Landschaftswiedergabe zugunsten des Fließend-Prozesshaften, wie es sich vornehmlich im raschen Wechsel alles Atmosphärischen darstellt.“

Werner Busch widmet seinen Beitrag den beiden von Carus überlieferten angeblichen Darstellungen von Fingals Cave, späte Frucht seiner England- und Schottlandreise als Begleiter seines Landesherrn. Fingals Cave auf der sturmumtosten Insel Staffa (Hebriden), nach dem vorgeblichen Sänger des »Ossian« benannt, war schon seinerzeit touristisch erschlossen, nämlich mit dem Dampfboot erreichbar. Der Vergleich mit älteren wie mit zeitgenössischen Darstellungen zeigt, dass die beiden Aquarelle nicht naturwahr sind und schon deshalb keinesfalls dem sich sonst streng an der Natur orientierenden Carus hätten genügen können. Der freie Vordergrund wie auch die Bedeutung der Grotte als Element von Parkanlagen und endlich als beliebte Lokalität auf den Bühnen der Zeit entlarvt diese Zeichnungen als Bühnendekorationen. Diese Aquarelle, so das Fazit von Busch, sind zwar von Carus’ Besuch auf der Hebrideninsel beeinflusst, geben Fingals Cave aber keinesfalls wieder.

Johannes Grave zeigt in „Der ‚fixierte Blick’“, wie Carus in seiner Erdlebenbildkunst nach einer Synthese von Kunst und Wissenschaft strebte, wie er also darauf zielte, die objektiv-wahre Darstellung der Natur mit persönlichen Empfindungen zu vereinen. Dieses in den Landschaftsbriefen vertretene Konzept und die sehr differenzierte zeitgenössische Reaktion darauf werden von Henrik Karge dargestellt.

Es finden sich auch einige lesenswerte Aufsätze, die sich mit dem Naturwissenschaftler Carus beschäftigen. Einer der umfangreichsten Beiträge ist jener von Olaf Breidbach über „Carus’ Beiträge zu vergleichenden Anatomie und Zootomie“.

Alles in allem dürften diese beiden wunderschönen, opulent ausgestatteten, ebenso sorgfältig gedruckten wie edierten Bände für viele Jahre die Grundlage einer seriösen Beschäftigung mit Leben und Werk von Carl Gustav Carus abgeben. Und dank einer großzügigen finanziellen Unterstützung sind die beiden Bücher für ihre hohe Qualität keinesfalls zu teuer ausgefallen.