Ausstellungsbesprechungen

Carl Spitzweg und Wilhelm Busch. Zwei Künstlerjubiläen.

Das Zusammentreffen des 200. Geburtstags Carl Spitzwegs mit dem 100. Todestag Wilhelm Buschs ist Anlass dieser Ausstellung im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, dessen hochrenommierte Sammlung deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts den weltweit größten Spitzweg-Bestand enthält.

Kuratiert wird die wunderbar lehrreiche und vorbildlich schöne Doppeljubiläumspräsentation von Jens Christian Jensen, dem langjährigen Berater des Schweinfurter Hauses und Spitzwegkenner par excellence, der auch das Wilhelm-Busch-Museum Hannover als Partner gewinnen konnte.

Die rund 200 Exponate (Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik) entstammen den beiden genannten Museen; einzig »Der arme Poet« ist eine Leihgabe, und zwar aus dem Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg.

Absicht der Schweinfurter Ausstellung ist es erstens, das Werk dieser beiden populären Künstler in ihrer je eigenen Entwicklung vorzustellen, und zweitens, die Parallelen und Differenzen im Œuvre der beiden Solitäre zu veranschaulichen. So finden sich beider Arbeiten für die »Fliegenden Blätter« in einem der sieben Ausstellungsräume einander gegenübergestellt. Es war dieses 1844 gegründete Münchener Satiremagazin - Spitzweg gehörte zu den Beiträgern der Gründungszeit -, für das Busch, Mitarbeiter ab 1858, ein neues Genre erdachte, das er schließlich zu einem eigenen Medium entwickeln wird: die »Bildergeschichten«. In Schweinfurt werden u. a. »Der Virtuos« und »Diogenes und die bösen Buben von Korinth« als Drucke gezeigt. Für Busch, der als junger Mann eigentlich hatte Maler werden wollen, wird das Produzieren dieser Geschichten zum Brotberuf, mit dem er berühmt und schließlich wohlhabend genug wird, um ihn 1884 wieder aufgeben zu können.

Spitzweg, der sich als bereits ausgebildeter Apotheker 1833 entschließt, Maler zu werden, erlernt die Kunst völlig autodidaktisch, während der junge Busch immerhin drei Kunstakademien einen Kurzbesuch abstattete. Die Spitzwegsche Popularität basiert auf seinen sogenannten Pointenbildern, die häufig als biedermeierliche Idyllen missverstanden werden.

Beide, Spitzweg wie Busch, führen uns urmenschliche Leidenschaften, Ängste und Träume vor Augen, und es begegnen im Werk der beiden Szenen von frappierender motivischer Verwandtschaft: Im Raum »Themenparallelen bei Spitzweg und Busch« findet sich etwa Spitzwegs »Gratulant überreicht Blumenbouquet. (Der ewig Hochzeiter)« neben einer Szene aus Buschs »Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter«.

Hier kommt es auf die nahezu identische Pose der werbenden Männer an. Spitzweg aber hält die Situation ironisch distanziert in der Schwebe, während bei Busch die Sache bös endet: Der Heiratslustige fängt sich eine Ohrfeige ein.
Spitzweg malt »Ein Ständchen vom Boot aus«; in Buschs »Julchen« steht der Minnesänger unterm Fenster der Umworbenen, sieht sich aber bald von einem Kübel Wasser überschüttet. »Es baut sich eine Spannung auf zwischen Spitzwegs Zustandsbildern und Buschs Bildfolgen, die ironische, auch witzige Effekte hervorbringt.« (Kat. S. 122) Zugleich wird die Differenz der beiden Satiriker deutlich: »Der Maler Spitzweg ist nachsichtig mit den von ihm dargestellten Figuren. […] Der Zeichner Busch hingegen lässt keine Gnade zu. Seine Akteure […] treibt er unnachsichtig in die Katastrophe.« (Kat. S. 15)

Busch, so Hans Ries, der Herausgeber der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Bildergeschichten Buschs und Bearbeiter des Busch-Teils der Ausstellung, »nennt das Böse und zeigt es auch« (Kat. S. 20).

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Hierin unterscheidet er sich von dem mild-ironischen Spitzweg; und so ist es klar, dass man für den Ausstellungsraum »Wilhelm Buschs böse Geschichten« kein Spitzweg-Pendant einrichten konnte. Der Raum präsentiert in erster Linie »Münchener Bilderbögen« mit boshaften, oft tödlich endenden Geschichten wie »Enten und Frosch« oder »Diogenes und die bösen Buben von Korinth«. Wenn die Ausstellung letztere hier als kolorierte »Bilderbogen«-Fassung bringt, so ist das auch ein Hinweis auf die für Buschs Verleger lukrative Mehrfachverwertung der einmal vorhandenen Druckstöcke.

Auch als Zeichner mit »Studien nach der Natur und nach Modell« werden Busch und Spitzweg einander vergleichend gegenübergestellt. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt aber in der Würdigung ihres malerischen Werks. »Carl Spitzweg als Maler: Vom Pointenbild zur Landschaftsidylle« zeigt, wie Spitzweg vom »Bildregisseur, der für den Betrachter einen Bühnenraum zubereitet« (Kat. S. 38), in dessen Zentrum eine Figur in Szene gesetzt wird, unter dem Einfluss einer Studienreise nach Barbizon mehr und mehr zum Landschaftsmaler wird: Die Figuren werden immer kleiner und verlieren an Bedeutung, bis sie oft nur noch kleine Farbpunkte im Bild sind. Wenn man bei Spitzweg Idyllisches sucht, so findet man es am ehesten hier in diesen arkadisch anmutenden Naturgestaltungen. Gleichwohl: Das Malen seiner »Pointenbilder« gibt er nie auf.

Die Polarität von Busch als Zeichner und Busch als Maler ist zugleich die von öffentlichem und privatem Busch. Dieser hat, wie Hans Ries schreibt: »[…] nicht nur sich selbst hinter seinem Werk allzeit zu verstecken versucht, sondern […] über weite Strecken hin dieses Werk selbst jeglicher Mitwelt« entzogen. (Kat. S. 19). Erst nach seinem Tod entdeckt man den Maler Busch, dem der Raum »Wilhelm Busch als Maler: Studien von Menschen und Landschaften« mit 21 Gemälden gewidmet ist; darunter neben Landschaften auch Genreszenen, Porträts und Interieurs. Der Einfluss der von Busch bewunderten Niederländer des 17. Jh. ist ebenso erkennbar wie Einflüsse der zeitgenössischen Münchener Landschaftsmalerei.

Der zentrale und größte Raum führt Busch und Spitzweg mit »Kleine Landschaften der späten Jahre« wieder zusammen und bietet von beiden Malern je 15 Ölbilder in kleinsten Formaten. Spitzweg, passionierter Raucher wie Busch, malte diese Bilder (datiert zwischen 1860 und 1880) vorzugsweise auf das Holz seiner Zigarrenkistchen. Busch verwendete für seine Miniaturlandschaften, die durchgängig den 1890er Jahren zugewiesen werden, kleine Pappen als Bildträger.

Spitzwegs Kleinstformate sind durch das Hervorstrahlen des Lichts und das Herausleuchten der Farben charakterisiert.

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Sie scheinen Freilichtstudien nach französischem Vorbild zu sein; doch in Wirklichkeit sind sie, wie fast alle seine Gemälde, Atelierbilder. Jensen versteht sie als »Bilder der Erinnerung und der Sehnsucht«, als »die Summe eines geglückten Künstlerlebens« (Kat. S. 73).

Der Malduktus des späten Busch: der entschlossen-spontane Pinselstrich und die expressive Farbgebung, lässt Naturansichten von intensivster Modernität entstehen. Wie monomanisch emanzipiert er sich von allen Traditionen und variiert, »als wolle er noch einmal alle koloristischen Möglichkeiten durchspielen« (Kat. S. 85), über lange Jahre ein einziges Thema: Waldrand mit Blick ins Offene.

Fünf Elemente sind es, aus denen er seine kleinen Landschaftsbilder komponiert: Wald/Baum-Busch-Feld-Himmel. Und immer kehrt ein Detail wieder: die »Rotjacke«. Hierzu gibt es eine biographische Erklärung: Als Busch 1853 krank und künstlerisch desillusioniert in sein Elternhaus nach Wiedensahl zurückkehrte, gaben ihm seine Antwerpener Wirtsleute eine rote Jacke als Geschenk mit.

(Eine Sonderausstellung mit dem Titel »Landschaft mit Rotjacke« zeigt das Wilhelm-Busch-Museum Hannover vom 9.6. bis zum 24.8.2008.)

Die rote Jacke in Wilhelm Buschs Landschaften interpretiert der Literaturwissenschaftler Gert Ueding (»Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature«, erw. und rev. Neuausgabe (von 1977), Insel Verlag 2007) in einer feinsinnigen Bemerkung als Zeichen des Gefühls, »einsam in einer verlassenen Welt übriggeblieben zu sein. […] Sie zeugen von der Sehnsucht des Malers nach dem Exodus ins Bild […] nach dem Auszug ins gemalte Leben, der in der Konsequenz der ästhetischen Utopie Schopenhauers liegt.« (S. 326)

Dass die vielbesprochene pessimistische Weltsicht des Vaters von »Max und Moritz« der Philosophie Schopenhauers verwandt sei, ist Gemeingut. Dass jedoch hier, in den späten, intimen Landschaftsmeditationen des Privatiers Busch der Schopenhauersche Erlösungsgedanke: Versöhnung mit der Welt qua Aufgabe individueller Selbstbehauptungsansprüche, aufscheint, das ist eine Wahrnehmung, zu der die Schweinfurter Ausstellung aufs schönste und gediegenste einlädt.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag - Sonntag: 10 - 17 Uhr
Donnerstag: 10 - 21 Uhr
Samstag: 10 - 20 Uhr
Montags geschlossen

Das Museum Georg Schäfer verlängert anlässlich des Jubiläums seine Öffnungszeiten an den Samstagen bis 20.00 Uhr.

Die Ausstellung wird – leicht verändert – vom 23. November 2008 bis zum 19. April 2009 im Wilhelm-Busch-Museum zu Hannover zu sehen sein.