Ausstellungsbesprechungen

Carlfriedrich Claus. Schrift. Zeichen. Geste - Carlfriedrich Claus im Kontext von Klee bis Pollock

Manche Ausstellungen sind ein Glücksfall, wenige schaffen es zu einem doppelten Glücksfall, und kaum eine Ausstellung wartet mit drei glücklichen Momenten auf. Chemnitz gehört in diesen Tagen zu den happy few: Zum einen gehört Carlfriedrich Claus (1930–1998) zu den großartigsten Künstlern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die leider noch nicht im Bewusstsein der Deutschen angekommen zu sein scheinen, bedenkt man etwa die Welle der Begeisterung, die die Leipziger Schule gerade zur Zeit genießt (man mag es ihr freilich gönnen, hat sie in ihrer jüngsten Auflage nicht weniger als die Malerei wieder ins Gespräch gebracht, die letztlich auch Künstlern wie Claus zugute kommt).

Nachdem das Spendhaus Reutlingen dem Künstler anlässlich der Verleihung des Jerg Ratgeb-Preises 1993 eine größere Ausstellung ausgerichtet hatte, wurde es erst einmal wieder ruhig um Carlfriedrich Claus; nun erinnern die Kunstsammlungen Chemnitz an dessen Werk – nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Schau unter der Schirmherrschaft der Staatsministerin beim Bundeskanzler und Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Dr. Christine Weiss steht. Zum anderen zeigt die Ausstellung neben den 125 Arbeiten von Carlfriedrich Claus nicht weniger als 360 Werke von 110 Künstlern aus 22 Ländern. Damit gehört die Präsentation zu den Großereignissen der Republik, die hoffentlich viele Besucher ansprechen wird – schon allein um das Engagement der Ausstellungsmacher zu unterstützen. Und nicht zum Schluss ist der Katalog zu loben: eine kolossale Anstrengung muss es gewesen sein, um diesen wunderbaren kiloschweren Wälzer herzustellen – die Mühen haben sich gelohnt; um es gleich vorweg zu sagen.

 

 

Carlfriedrich Claus ist nicht einfach Maler oder Zeichner – so wie die Bezeichnung noch für Gerhard Altenbourg oder Cy Twombly, zwei Brüder im Geiste irgendwo, zutreffen würde – , nein: Claus ist ein Wortakrobat, ein Philosoph, der mit Sprache zeichnet, ein Utopist, der die Gedankenwelt Ernst Blochs illustriert. An einer Universität war er nie, aber bereits als 10Jähriger begeisterte sich der Sprach- und Wörternarr im besten Sinne tatsächlich schon für Bloch, dazu noch für Carl Einstein, Heinrich Heine und Karl Marx. Und so zurückgezogen er sein Leben einrichtete, so sehr drängte ihn seine Sprachversessenheit zur Kommunikation, in ein Netzwerk von Briefen und eben auch die so genannten Sprachblätter, die sein Werk charakterisieren. Einerseits entstand ein Korrespondenzwerk von 22000 Briefen, andrerseits die Sprachblätter, die – so Claus – „weniger ästhetisch oder gar nur sprachlos-emotional genossen als vielmehr durchdacht werden“ wollen. Wir müssen uns heute vor Augen führen, unter welchen politischen Verhältnissen der DDR-Künstler arbeitete. Offiziell lehnte der Politapparat diese „Experimente, die versuchen, psychologische Faktoren des zwischenmenschlichen Verkehrs künstlerisch zu gestalten“, als zu „unwissenschaftlich und subjektivistisch“ ab (Brief aus dem Kultusministerium). Dabei war gerade Claus’ Werk wissenschaftlich fundiert und erstaunlich klar durchdacht: „ein philosophischer, ein geschichtlicher, auch tagespolitischer Vorgang, ein psychologisches Phänomen interessiert, erregt, packt mich“, schrieb er vor nunmehr 30 Jahren. „Ich besorge mir einschlägige Literatur oder setze mich in den Lesesaal einer Bibliothek. Ich lese also, mache mir Notizen … Einen eigentlichen Text schreibe ich in diesem Vorbereitungsstadium nicht“ Schicht um Schicht wächst so zunächst einmal ein Gedankengebäude heran, das erst allmählich zum Bild wird. Das Ergebnis ist dann eher ein sprachpsychologischer Akt als eine bloße Kunstverführung. „Das beendete Sprachblatt ist ein Diskontinuum aus ganz unterschiedlichen Schreibgeschwindigkeiten. Ich beginne meist sehr langsam, zögernd, mit ausgedehnten Intervallen. Wie Sie wissen, wird die Hand stets von Sprachdenkimpulsen gesteuert, läuft nicht frei … So entstehen in zäher Mikroarbeit, durch Herstellung dialektischer Beziehungen zwischen vorder- und rückseitig geschriebenen Sätzen … die Figurenbildungen.“ Dieses „geschichtsphilosophische Kombinat“, wie Claus sein Werk umschrieb, bewegt sich zwischen konkreter Poesie, Zeichnung und Metaphysik und ist als solches nicht leicht zu entziffern, doch spürt der Betrachter die Stimme des „Esistenz-Experimentators“ (Wortlaut Claus), der er sich kaum entziehen kann.

 

 

Da es um Korrespondenzen geht, zeichnet die Ausstellung die reichhaltigen Verbindungslinien nach, die zum Werk Carlfriedrich Claus’ führen oder von ihm ausgehen: Hier erweist es sich als ein grandioses Durchkreuzungssystem. Die Liste der diese Denklandschaften-Schau begleitenden Künstler liest sich wie das Who is who der Moderne: Basquiat, Bissier, Broodthaers, Burljiuk, Cage, Darboven, Ernst, Fahlström, Fautrier, Finlay, Gappmayr, Gerz, Götz, Gomringer, Gontscharowa, Haring, Hartung, Hausmann, Höch, Hoehme, Johns, Kabakow, Kippenberger, Klee, Kolár, Kosuth, Lakner, Lissitzky, Malevitsch, Masson, Mathieu, Michaux, Mon, Motherwell, Nay, Pastior, Penck, Polke, Pollock, Roth, Rühm, Schwitters, Tobey, Winter, Wols u.a.m. Viele der Exponate waren noch nie in Chemnitz zu sehen.

 

Zu der Ausstellung, die mit überragenden Bildbeispielen Carlfriedrich Claus – so der Untertitel – im Kontext von Klee bis Pollock positioniert, ist ein Prachtband von Katalog erschienen, der einem nicht nur wegen der Schwere die Stimme verschlägt, sondern auch in fast überbordender Weise Hintergrundinformationen zu und teilweise sogar von den Künstlern bietet. Er wird nach der Ausstellung als Nachschlagewerk für die Aspekte „Schrift. Zeichen. Geste“ innerhalb der modernen Kunst dienen.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag – Sonntag 12–19 Uhr

 

Eintrittspreise

Einzelkarte EURO 7,00 / 4,00

Führung EURO 60,00

 

Führungen

Mittwochs 17 Uhr

Samstags/Sonntags 15 Uhr

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