Rezensionen, Buchrezensionen

Carlotte Bonham-Carter/David Hodge: Die Kunst der Gegenwart. Belser Verlag 2009

Der Versuch, in einem Buch das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Kunst darzustellen und dabei auch das Schaffen avantgardistisch arbeitender Künstler aus den jeweiligen Werken heraus zu erklären und zu kontextualisieren, ist schwierig und gewagt zugleich. Ob genau dies den beiden Autoren mit dem neuen Kunstlexikon gelungen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Jedenfalls basiert der vorliegenden Band, der auf gut 250 Seiten von A wie Abramovic bis Z wie Zhang ebendieses Projekt in Angriff nimmt, auf einem strikt statistisch ausgerichtetem Umgang mit der schwierigen Kanonfrage: Was ist konstitutiv für die Kunst der Gegenwart? Unser Autor Jan Hillgärtner hat das Buch gelesen und kommt zu einem kritischen Schluss.

 Die Kunst der Gegenwart © Cover Belser Verlag
Die Kunst der Gegenwart © Cover Belser Verlag

Die erste Durchsicht durch das Buch lässt den Leser erstaunen und aufmerken: welche andere Publikation vereint ein Lexikon mit teilweise seitenfüllenden Bildern, einem Glossar, einer Zeitleiste und ein Verzeichnis wichtiger internationaler Museen, Ausstellungsforen, Kunstmessen und Kunstpreisen in einem, gemessen an dem Umfang des Themengebiets, so knapp bemessenen Format? Keine! Und für genau diesen Sachverhalt liefert der vorliegende Band eine Erklärung ex negativo.

Die Auswahl der Künstler variiert zwischen eindeutigen Schwergewichten wie Joseph Beuys, Robert Mapplethorpe und Bernd und Hilla Becher für die ältere Gegenwart, Anish Kapoor, Fischli/Weiss und Olafur Eliasson für die aktuelle Gegenwart und, zumindest in der deutschen Szene, so gut wie unbekannte Namen wie Peter Doig und Vija Celmins. Innerhalb dieses illustren Zirkels, das rein auf der Quantität ihrer Ausstellungen basiert, lässt sich nur schwerlich eine Ordnung oder Konzept erkennen, das dem wenig informierten aber interessiertem Leser einen irgendwie gerechtfertigten Überblick über die Gegenwartskunst geben könnte. Würde man den Begriff Gegenwart rein historisch verstehen, wird bereits die Auswahl Bernd und Hilla Bechers oder Roy Lichtensteins klar, da beide für die gegenwärtige Kunst sicherlich noch von Einfluss sind. Setzt man Gegenwart jedoch eher mit zeitgenössisch in eins, wird ebendiese Auswahl fraglich. Dabei ist das Ziel klar, die Autoren wollen sich nicht der Parteinahme für den einen oder anderen Künstler oder einer Künstlergruppe schuldig machen, aber ob damit andererseits das Bedürfnis des allgemeinen Lesepublikums, und an dieses ist das Buch offensichtlich gerichtet, nach einem verlässlichen und ausgewählten Überblick gerecht werden kann, ist fraglich. Vielfach ist es das, genau das gilt es wiederum positiv an dem Buch hervorzuheben, aber die radikale Gleichwertung von Objektkunst, Fotografie, Malerei und Installationen, die gegen einen Trend zur Auf- bzw. Abwertung in vielen Überblicksdarstellungen implizit oder explizit bereits mitgedacht ist.

Doch was gewinnt der Leser, wenn er die Aufmerksamkeit weg von der Struktur, hin zum Text wendet? Die einzelnen Beiträge sind getragen von dem Ansatz, den Künstler aus seinem Werk heraus zu erklären und aus diesem Grund sind es jeweils die repräsentativen Werke, die dargestellt werden. Ein kurzer Text, gefolgt von einer noch kürzeren Biografie des Künstlers setzt das Dargestellte in einen Bezug zu Kunstströmungen der Gegenwart und verortet so das Schaffen. Zusätzliche Querverweise und die Auswahl von Schlagwörtern machen die Navigation innerhalb des Lexikons einfach und Schaffen Vergleichsmöglichkeiten. Fraglich ist nur, ob der Leser jede wichtige Ausstellungsstation eines Künstlers kennen muss, oder ob es sich hierbei nicht eher um die Selbstverständigung der Autoren handelt.

Schmerzlich muss allerdings die teilweise holzschnittartige Behandlung der Künstler bemerkt werden. Sicherlich, ein einziges Bild Joseph Beuys´ oder Roy Lichtensteins gibt im Zweifel aufgrund seiner vielfältigen Bezüge und Ebenen immer genug Stoff für eine Dissertation her, kann in einem Lexikon allerdings nur oberflächlich behandelt werden. Doch oberflächlich bedeutet nicht grob. Was dem Leser in den Artikeln über einen der genannten Künstler mitgeteilt wird, bewegt sich auf einem sehr einfachen Niveau und vermittelt formelhaft einen Eindruck dessen, wofür das Werk charakteristisch sei. So erfahren wir über Lichtenstein: »[er] öffnete […] die hohe Kunst für einen Dialog mit der populären Bildwelt und somit für die Populärkultur im Allgemeinen.« Falsch ist das natürlich nicht, aber es sind erfahrungsgemäß immer diese Eröffnungen, die quasi in Form von Merksätzen daherkommen und eher zu Kategorisierung von Kunst denn zur Auseinandersetzung mit ihr einladen. Ein solches Buch, das sich explizit nicht an ein akademisch vorgebildetes Publikum richtet, könnte hier die Chance ergreifen und einen erfrischenden, unvorbelasteten Zugang zum Werk eines Künstlers in der Beschreibung vorstellen.

Um jedoch versöhnlich zu enden: wahrscheinlich sind es die kulturellen Unterschiede, die das Buch in seiner Form bedingen. Ursprünglich in Großbritannien erschienen, reflektiert die Auswahl der vertretenen Künstler wohl eher die statistische Datenlage des britischen Ausstellungsbetriebs als den des deutschen. Da allgemein der angelsächsische Raum, angeregt vor allem durch die feministische Kritik innerhalb der Literaturwissenschaft der 60er Jahre, ohnehin viel sensibler für Kanonfragen ist, sind es im Europa des Festlands doch eher die tradierten Vorstellungen von Wertesystemen und Hierarchiegefügen, aus denen sich der Anspruch an eine kritische Auswahl der Künstler ableitet. Die mageren Erklärungen zum Werk der Künstler entschuldigt dies allerdings nicht. Aber spätestens, wenn Helen Chadwicks »Piss Flowers« hierzulande zu sehen sein werden, werden wir froh sein, dieses Lexikon zu besitzen.