Buchrezensionen

Carmen Aus der Au: Theodor Fontane als Kunstkritiker, De Gruyter 2017

»Effi Briest«, »Frau Jenny Treibel« und die Wanderungen durch die Mark Brandenburg – dafür ist der Schriftsteller Theodor Fontane weithin bekannt und hat vielleicht auch die ein oder andere Generation Schüler zur Verzweifelung getrieben. Dass er aber auch Kunstkritiken schrieb, das ist in Vergessenheit geraten. Carmen aus der Au hat sie in ihrer Dissertation untersucht und Susanne Gierczynski hat ihre Arbeit gelesen.

Theodor Fontanes (1819-1898) Kunstkritiken aus dem Schattendasein seines literarischen Werkes herauszuführen hat sich die jüngst erschienene Dissertation Carmen Aus der Aus zur Aufgabe gestellt. Interdisziplinär, zwischen Germanistik und Kunstgeschichte angesiedelt, unternimmt die Studie die Anstrengung, Fontanes Beitrag als Kunstkritiker herauszudestillieren.

In einem ersten, der Bestandsaufnahme gewidmeten Schritt, werden Fontanes kunstkritische Texte, die sowohl in der Tagespresse als auch in Fachzeitschriften erschienen, von der Autorin in sechs Themenbereiche unterteilt: Ausstellungsberichte, Museumsbeschreibungen, Künstlerbiografien, Buchrezensionen, Architektur und Bildhauerei. Bei der Textanalyse werden Fontanes Äußerungen zur bildenden Kunst nicht nur auf journalistische Organe konzentriert, sondern auf seine Reiseberichte, den »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«, seine Briefwechsel, Kriegsberichte und nicht zuletzt auf seine Romane hin ausgeweitet.

In einem zweiten Schritt beleuchtet Aus der Au institutionelle Kontexte, wie Vereinsmitgliedschaften Fontanes und persönliche Kontakte zu Künstlern, Kritikern und Kunsthistorikern, die an Fontanes eigener kunstkritischer Meinungsbildung Anteil hatten.

Die insinuierte Einschätzung, Fontanes Kunstkritiken als »implizite Poetiken« zu lesen, sucht die Untersuchung im dritten Teil zu belegen, indem sie Fontanes Stellungnahmen zu zeitgenössischen Kunstdebatten, seine Haltung zur Genremalerei und seine sehr eigene Versprachlichung bildhafter Befunde aufblättert.

Der Anhang listet in einem kommentierten Verzeichnis sämtliche kunstkritische Titel Fontanes auf, die in den Jahren zwischen 1850 und 1895 in insgesamt zehn Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind. Mit der Schilderung »Ein Tag in einer englischen Familie. Reise-Erinnerung« setzt Fontanes kunstkritisches Schreiben im Mai 1850 für die Zeitschrift Deutsche Reform ein. Im Jahr 1895 wird Fontane seine journalistische Tätigkeit mit einem Artikel über Adolf Menzel einstellen und bis dahin über 150 Texte kunstkritischen Inhalts verfasst haben. Er berichtete tagesaktuell, vorherrschend von subjektiven Kriterien motiviert, und nutzte seinen jeweiligen Standort (1850-1859 London, danach Berlin). Prägend für den stilistischen Charakter seiner Kunstkritiken war Fontanes Selbstverständnis, sich als Dilettant und nicht als Kunstwissenschaftler zu verorten, wie die Autorin bemerkt. Daraus ergab sich Fontanes Freiheit, seine auf künstlerische Produktion ausgerichteten Textbeiträge mit einer »durchkomponierten literarischen« Ambition auszustatten, die aus kunsthistorischer Sicht, wie die Autorin resümiert, wenig ergiebig erscheint, sich dafür durch humoristische Einlagen und narrative Passagen auszeichnet und demzufolge überwiegend leserorientiert präsentiert.

Fontanes Verhältnis zur Kunst seiner Zeit ist als dezidiert eigenwillig zu nennen. Entgegen der vorherrschenden Meinung und der soeben sich formierenden Kunstwissenschaft, huldigte er nicht der italienischen Renaissance-Kunst, sondern setzte einen Schwerpunkt auf die ihm geläufigere angelsächsische Kunst, namentlich auf William Hogarth (1697-1764), die Präraffaeliten und William Turner (1775-1851). Beim so genannten Kostümstreit plädierte er für die zeitgenössische und gegen eine antikisierende Kleidung. Seine Beschreibungen öffentlicher Denkmäler weisen soziologisch motivierte Aspekte auf und befragen auf ihre öffentliche Wirksamkeit hin. In quantitativer Hinsicht beschäftigte sich Fontane in seinen Kritiken vorrangig mit der Malerei, seltener mit der Bildhauerei oder der Architektur.

Die materialreiche Untersuchung versteht Fontanes Kunstkritiken als Texte, die sich »weg von der Kunstbeschreibung hin zu einer Beschreibungskunst« bewegen und so ganz ihren »Ursprung in Fontanes Beschäftigung mit der bildenden Kunst« haben. Interdisziplinäre Studien benötigen in besonderer Weise eine begriffliche Schärfe, da sie sonst in die Falle der Beliebigkeit geraten. An die vorliegende Studie bleibt die Frage zu richten, warum sie sich nicht auf die im Anhang genuin ausgewiesenen Kunstkritiken Fontanes als Quellenmaterial beschränken mochte.