Kataloge, Rezensionen

Catalogue Foster and Partners, Einführung von Norman Foster, Foster and Partners und Prestel Verlag München u.a. 2005

Der vorliegende Band enthält mehr als 70 Gebäude und Projekte von Sir Norman Foster, mit Fotos, Skizzen und Texten, die hier in einer komplett überarbeiteten Neuausgabe zusammengestellt wurden. Inhaltlich spannt sich der Bogen über ein Schaffen von vier Jahrzehnten, legt jedoch den Schwerpunkt auf die jüngsten Projekte und gibt einen Ausblick auf neue, atemberaubende Pläne des großen Architekten. Zudem zollt Foster seinem umfangreichen Mitarbeiterstab Tribut: das Architekturbüro Foster and Partners, das 1967 als kleines Unternehmen unter dem Namen Foster Associates gegründet wurde, betreut heute Projekte in 50 Ländern und beschäftigt 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein kreatives „Großunternehmen“, das allerdings nicht wie ein solches strukturiert ist; vielmehr setzt Foster auf die Arbeitsteilung durch flexible Teams.

Der Architekt selbst zieht es übrigens vor, in Zusammenhang mit seiner Arbeit von „design“ zu sprechen, doch dieser Begriff, der im Englischen soviel wie Plan oder Entwurf bedeutet, sollte hier auf gar keinen Fall mit der dekorativen Ausstattung von Häusern verwechselt werden: Design steht bei Foster vielmehr für etwas Allumfassendes und bedeutet die Verantwortung für vernünftiges Planen in sämtlichen Lebensbereichen, von der Türklinke bis zum City-Masterplan. Es sei eine moralische Pflicht, gute und verantwortungsvolle Entwürfe zu entwickeln, mehr noch, „Design ist ein Akt der Menschlichkeit – eine Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen, sowohl materiell als auch spirituell“, so Fosters Credo.

In dieser zutiefst humanistischen Auffassung liegt wohl der Schlüssel zu der ungeheuren Vielseitigkeit der Foster’schen Architektur, die immer in Einklang mit ihrer Umgebung steht und sich dennoch unverwechselbar hervorhebt. Viele seiner Bauwerke sind dadurch bereits längst zu Wahrzeichen ihres Standortes geworden. Die architektonische Form ist dennoch niemals Selbstzweck, sondern wird jeweils in Hinsicht auf die speziellen Bedürfnisse und Anforderungen der Bauaufgabe entwickelt. Für die Erhebung der technologischen, soziologischen und ökonomischen Grundmuster, die der Baustruktur zugrunde liegen, arbeiten spezielle Expertenteams, die umfangreiche Beobachtungen und Untersuchungen anstellen, ehe die eigentliche Planungsarbeit beginnt.

Als Foster etwa 1981 die Planungen für Stansted Airport übernahm, beschloß er, die Praxis der damaligen Flughafenarchitektur radikal umzustoßen und zu der Klarheit und Übersichtlichkeit der Terminals aus den frühen Tagen der Luftfahrt zurückzukehren. Er entwarf deshalb ein Konzept, in dem sich die Passagiere einfach und problemlos zurecht finden konnten – geleitet durch die Form des Gebäudes selbst, ohne auf Orientierungssysteme durch Zonen und Farben zurückgreifen zu müssen. Die dortigen Erfahrungen verwertete er für die Konzeption von Chek Lap Kok/ Hongkong, dem derzeit größten Flughafen der Welt, der demnächst von Peking übertroffen werden soll. Einfachheit und Lesbarkeit der architektonischen Strukturen stand auch im Falle des Metrosystems von Bilbao im Vordergrund. Die Routen führen direkt zu den weit und großzügig dimensionierten Untergrundstationen. An der Oberfläche weisen elegante Glasstrukturen, die mittlerweile unter dem Namen „Fosteritos“ berühmt geworden sind, auf die Zugänge hin.

Bei seinen Bildungsbauten, wo Foster ebenfalls maßgebliche Standards setzte, stellte er fest, dass die Möglichkeit für soziale Begegnungszonen und Treffpunkte ebenso wichtig war wie die Schaffung von Arbeitsräumen. Offen, lichtdurchflutet, demokratisch und flexibel sollten diese Einrichtungen sein, ohne Korridore und institutionelle Barrieren. Diesen Grundsatz, den Foster bereits in den späten 60-er Jahren vertrat, konnte er in den vergangenen Jahren in einer Reihe von Schulen, Akademie- und Universitätsgebäuden verwirklichen. Auch in seinen Bankgebäuden integrierte er öffentliche Plätze, was ihm im Falle der Hongkong and Shanghai Bank so erfolgreich gelang, dass sich die Plaza überraschenderweise als beliebter Treffpunkt für Wochenendausflüge entwickelte.

Ein weiterer Schlüsselbegriff Fosters lautet „sustainability“, was mit Dauerhaftigkeit oder Nachhaltigkeit übersetzt werden könnte. Damit ist gemeint, die Gebäude ökologisch verträglich und energiesparend zu gestalten – keine Frage von Moden und Trends, sondern eine Überlebensnotwendigkeit, wie der Architekt betont. Immerhin wird derzeit in der industrialisierten Welt die Hälfte aller generierten Energiemengen von Gebäuden verschlungen. Beim Umbau des Berliner Reichstags wurde deshalb dessen Energiesystem radikal umgestellt, womit Foster den Beweis erbrachte, dass sich seine Maßnahmen auch an einem alten Bauwerk umsetzen lassen.

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Die Erfahrungen aus dem Reichstagsprojekt entwickelte er beim Bau der Londoner City Hall weiter, wo er ebenfalls auf ein ökologisches Energiesystem setzte. Die ungewöhnliche, kugelsegmentartige Gestalt des Gebäudes unterstützt dabei die natürliche Ventilation und bietet dazu den Vorteil, ein Maximum an Raum unter einem Minimum an Oberfläche unterzubringen. Ähnliche Überlegungen leiteten Foster bei der Gestaltung des spektakulären zigarrenförmigen Wolkenkratzers des Swiss Re Headquarter in London, dessen Konzept auf einem theoretischen Projekt seines Vorbilds und Mentors Buckminster Fuller beruht. Die Form lässt das Gebäude schlanker erscheinen, als es ein rechteckiger Block von gleichem Umfang wäre, besitzt bessere Windresistenz und unterstützt die Luftventilation außerhalb und innerhalb des Baus.

Im Falle des Millau Viaduct ging es darum, die Brücke mit minimalsten Eingriffen in die Landschaft zu realisieren. Deshalb entschloß sich Foster dazu, mit seiner Konstruktion zwei hockgelegene Plateaus zu verbinden, um das dazwischen liegende Tal zu schonen. So entstand eine Hängebrücke von 2,5 Kilometern Länge und einer Höhe bis zu 253 Metern, die trotz ihrer atemberaubenden Dimensionen mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit in die Landschaftskulisse eingebunden ist.

Respekt vor dem Bestehenden zeigte Foster vor allem auch im Umgang mit alter Bausubstanz. Er bewies auf diesem heiklen Terrain höchste Sensibilität gegenüber historischen Kontexten, indem er sich dem genius loci verpflichtete und dennoch moderne Architekturen schuf. Davon zeugen, um nur einige der berühmtesten Beispiele zu nennen, die gläserne Kuppel über dem Berliner Reichstag, der glasüberdachte Innenhof des British Museums, der erst dank Fosters Intervention der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte, oder das Ambiente des römisch-antiken Maison Carrée in Nîmes, dem er ein modernes Kulturzentrum gegenüberstellte.
Der neue Foster-Katalog ist keine beschauliche Retrospektive, sondern eine scharfsinnige Analyse der Gegenwart, in der der Architekt die Öffentlichkeit an seinen reichen Erfahrungen teilhaben lässt. Er will darlegen, dass nicht notwendigerweise ein Widerspruch bestehen muß zwischen Alt und Neu, zwischen Großarchitektur und Umweltverträglichkeit, zwischen modernem Leben und menschengerechter Raumplanung. In Ergänzung dazu hat der Prestel-Verlag für diesen Herbst einen weiteren Band mit dem Titel „Reflections“ angekündigt, in dem Foster auf einer mehr theoretischen Ebene seine Sichtweise bezüglich des Wahrnehmens und Verstehens von Architektur beschreibt, was zweifellos eine sinnvolle Weiterführung beziehungsweise Vertiefung nach der Lektüre des „Katalogs“ darstellen dürfte.