Buchrezensionen

Catherine Grenier, Ulf Küster, Michael Peppiatt für die Fondation Beyeler (Hrsg.): Bacon / Giacometti, Hatje Cantz Verlag 2018

Die Fondation Beyeler hat mit Giacometti und Bacon zwei der einflussreichsten Künstler des letzten Jahrhunderts in einer Doppelausstellung miteinander in Dialog treten lassen. Den Katalog zu der Ausstellung hat sich Verena Paul angesehen.

Der anlässlich der Ausstellung »Bacon. Giacometti« jüngst im Hatje Cantz Verlag erschienene Katalog ist eine Wucht. Und das meint ganz gewiss nicht nur Format und Gewicht, sondern zuvorderst die ästhetische Gestaltung der Publikation sowie die in Texten dargebotene andere Perspektive auf die Werke zweier Meister des 20. Jahrhunderts.
Nun gut, die äußere Gestalt lässt einen Prachtband nicht leugnen, aber was erwartet die Leserinnen und Leser beim Aufeinandertreffen zweier auf den ersten Blick so unterschiedlich wirkender Künstlerpersönlichkeiten und ihrer Werke? Da begegnet uns auf der einen Seite Alberto Giacometti (1901-1966), der die Farbe scheut, sich in seinen Ölgemälden lieber in Grauvariationen zurückzieht und dessen plastische Werke – zumal die Figurationen des Spätwerks – filigran und zerbrechlich erscheinen. Und auf der anderen Seite treffen wir auf Francis Bacon (1909-1992), der sich in seinen großformatigen Gemälden regelrecht in die Flut kraftvoller Farben stürzt.
Beim Durchblättern lässt sich in der Gegenüberstellung der rote Faden rasch erahnen, der zwischen Giacomettis und Bacons Werken gesponnen ist. So fallen beispielsweise das klare Bekenntnis beider Künstler zur Figuration und die damit verbundene Ablehnung der zu ihrer Zeit vorherrschenden Abstraktion auf. Aber auch der Umgang mit Raum, der sowohl bei Giacometti als auch bei Bacon als Käfig umschrieben wird, lässt die gedankliche Verbundenheit erahnen. Bereits diese erste Erkundung macht Freude: eine wunderbare Bildqualität, anregende Dialoge zwischen den künstlerischen Arbeiten und besonders die Präsentation von Bacons Triptychen, die durch eine entfaltbare Seite sehr gut wirken können, bremsen ein hektisches Überfliegen der Seiten aus und geben Spielraum zum Entdecken.
Wer danach mehr erfahren möchte, findet in den beiden von Sylvie Felber geschriebenen Biografien Informationen über die beiden Künstlerpersönlichkeiten und ihr persönliches Kennenlernen in den 60er Jahren. Zudem geben die leserfreundlich geschriebenen Texte, deren einziges Manko in partiellen Wiederholungen besteht, Anregungen zur Neuentdeckung der Werke Giacomettis und Bacons. Ulf Küster weist in seiner pointierten »Einführung in die Ausstellung« zunächst auf die Verbindungslinie in Leben und Werk der Künstler hin, etwa die Bedeutung der gemeinsamen Freundin Isabel Rawsthorne, die Auseinandersetzung mit Bewegung, Raum und Zeit, Nähe und Ferne oder die ähnlich gearteten Zweifel »an der menschlichen Existenz und Individualität nach dem Zweiten Weltkrieg«. Eine weitere Konstante bestehe, so der Autor, in der verstörenden Zerrissenheit, die die Künstler ihren Werken einprägen. Beide beherrschen die Ausdrucksmittel, weisen, wie Küster es formuliert, »künstlerische Brillanz, Leidenschaft, Intensität« auf. Aber gleichzeitig findet sich ein schmaler Grat hin zur Zerstörung des soeben Erschaffenen – zu denken wäre an die Narben, die Giacometti seinen Gipsbüsten mit dem Modelliermesser zufügt oder die bisweilen brutal anmutende Deformation, die Bacon den Körpern auf seiner Leinwand abverlangt.
Catherine Grenier, Michael Peppiatt und Hugo Daniel schließlich arbeiten in ihren Beiträgen die Unterschiede sowie die frappanten Gemeinsamkeiten in Leben und Werk Giacomettis und Bacons weiter heraus. Grenier richtet ihr Augenmerk auf »Gewalt und Zwang«, erkundet unter Zuhilfenahme von Selbstaussagen Giacomettis und Bacons etwa deren Arbeitsweise oder beleuchtet ihre markanten Arbeitsstätten. Dadurch vermittelt uns die Autorin ein besseres Verständnis für den inneren Kraftakt, den die Künstler erbringen mussten, bevor unter ihren Händen das Werk seine jeweilige Form annehmen konnte.
Michael Peppiatt rückt in seinem Text Giacomettis und Bacons »Parallele Sichtweisen einer schrecklichen Wahrheit« ins Zentrum. Dabei zeigt er, wie stark Giacometti und Bacon vom Geist ihrer Zeit (Kunst, Literatur, Politik) geprägt wurden: »das Gefühl der Entfremdung und der Isolation, das der Mensch der Nachkriegszeit geerbt hatte, das Bedürfnis das Menschenbild zu verzerren, damit es eine neue, schreckliche Wahrheit vermitteln konnte«. Das sind, wie Peppiatt abschließend schreibt, »die stärksten Bande zwischen ihnen, und das ist letztlich sicherlich auch das, was von jedem Vergleich ihrer Werke am nachhaltigsten ausstrahlt.«
Hugo Daniel konzentriert sich in seinem Beitrag »Das Menschenbild wieder neu formen« auf das Verhältnis Giacomettis und Bacons zur Wirklichkeit, wobei der Fotografie eine wichtige Rolle zukommt. Auch wenn beider Verhältnis zur Fotografie gleichermaßen »eine neue Sichtweise der Welt begründete, so war dies«, wie der Autor resümiert, »bei Giacometti doch weniger häufig und weniger obsessiv.« Giacomettis Blick sei angesichts des fotografischen Bildes »fasziniert und introspektiv« gewesen, der Blick von Bacon hingegen »kombinatorisch«. Gerade diese Sehweise erlaubte es Bacon, die äußeren »Erscheinungen in eine Form von Exorzismus im und durch das Bild zu übertragen.«
Die opulente Publikation »Bacon. Giacometti«, die der Hatje Cantz Verlag in diesem Jahr vorgelegt hat, ist fraglos ein Wagnis hinsichtlich des Preises von immerhin 58 Euro. Aber es ist eine lohnenswerte Investition für Wissensdurstige und Kunsthungrige, Bibliophile, Neugierige und für jeden, den die Kunst Giacomettis und Bacons irgendwann einmal verstört, berührt oder gefangen hat. Denn dieser Band überzeugt durch: ein gelungenes Layout, eine einfühlsame und gleichzeitig profunde Annäherung an zwei großartige Künstler und deren vielschichtiges Werk sowie die dialogisch geschickt angelegte Werkpräsentation.