Buchrezensionen, Rezensionen

Cathrin Klingsöhr-Leroy/Andrea Firmenich (Hgg.): Franz Marc und Joseph Beuys. Im Einklang mit der Natur. Schirmer/Mosel Verlag 2011

Den Gemeinsamkeiten im Werk und Denken von Franz Marc und Joseph Beuys geht der Schirmer/Mosel Verlag mit diesem Katalog nach. Ihre Naturverbundenheit und ihre christlich bestimmte Weltanschauung setzen beide Künstler in Werke um, die alles kreatürliche Leben in den großen Zusammenhang der Natur stellen. Günter Baumann warf einen Blick in das Buch.

Es ist keine Sensation, aber doch eine Überraschung, zwei Künstler in einem Buch vereint zu sehen, die auf den ersten Blick nichts gemein zu haben scheinen. Natürlich weiß jeder, der sich mit der Vita von Joseph Beuys beschäftigt, dass der Mataré-Schüler von der klassischen Moderne herkommt, dass er sich mit dem Genre des Tierbildes beschäftigt hat, und dass er über die Anthroposophie Kontakt zu den »geistig« orientierten Künsten, insbesondere auch mit archaischen Denkmustern hielt. Dazu muss man den anderen Protagonisten Franz Marc im Kontext des Blauen Reiters sehen, der wesentlich in die abstrakte Malerei führte – man denke nur an den Hauptvertreter Wassily Kandinsky. Das widerspricht nicht der Hinwendung Marcs zum figurativen Tiermotiv, geht er doch auch hier zuweilen hart an die Grenze zum extrem abstrahierten Farbklang, die seine ganze Malerei dominiert. Und es passt auch zur Tradition der Romantik und deren durchgeistigten Naturphilosophie, in der sich Franz Marc – und freilich auch Joseph Beuys – sahen.

Wie nahe sich beide Künstler aber tatsächlich kommen, macht erst das Buch »Franz Marc und Joseph Beuys. Im Einklang mit der Natur«, erschienen im Schirmer/Mosel Verlag, deutlich. Um es gleich vorweg zu sagen: Der Katalog, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellungen in Kochel am See (Franz-Marc-Museum) und in Bad Homburg (Sinclair Haus) entstand, macht beim Blättern nachvollziehbar, was eine Ausstellung im besten Falle leisten kann. Er bettet die Seh-Erlebnisse ein in ganz vorzügliche Beiträge von acht Autoren, sodass die leider nur temporär erfahrbare Schau kenntnisreich wettgemacht wird und der bilderreiche Band zur Nachbearbeitung und sogar zur Neuentdeckung einlädt.

Nimmt man das Buch als Bilder-Reise, taucht man nach und nach in die optisch vermittelte Gedankenwelt zweier Künstler ein, um deren geistige Nähe am Ende tatsächlich sinnlich zu spüren. Als Lesebuch lernt man in jeweils erfreulich kurzen Essays diese Welt aus theoretischer Sicht kennen, mal mit der Gewichtung auf dem einen, mal auf dem anderen Künstler, dazwischen immer wieder auch auf die gedankliche Korrespondenz bzw. die »Seelen- und Geistesverwandtschaft« beider bezogen. Ein stiller Dritter im Bunde ist der oben kurz erwähnte Ewald Mataré, der zeitgleich 2011/12 mit Beuys im Sinclair Haus auftrat – nicht von ungefähr heißt das Buch über ihn, erschienen im Wienand Verlag, auch »Im Einklang mit der Natur«: Der Gleichklang ist gewollt.

Das metaphysische Netzwerk über Personen und Epochen hinweg macht auch die lakonische Doppelseite zu Beginn des Marc/Beuys-Buchs deutlich, auf der der Scherenschnitt »Mispelzweig« von Philipp Otto Runge auf eine Textstelle aus Novalis’ »Die Lehrlinge zu Sais« – zwei Kleinode der Romantik – trifft: »Mannichfache Wege gehen die Menschen«, so Novalis, man will hinzufügen: auch die Tiere, die Natur (pantheistisch aufgefasst) insgesamt. Mannigfache Wege gehen auch Franz Marc und Joseph Beuys, nur das Ziel scheint dasselbe zu sein.

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Der erste Textbeitrag legt den Tenor des Ganzen vor: Eugen Blume schreibt über Beuys und das Thema »Wenn das Tier zum Menschen erlöst wird«. Beuys, der mitunter wegen seines Auftritts berühmt wurde, »Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt«, ging es – so Blume – in seiner »Tierarbeit« um die Heilung der »materialistischen Disparität, um eine spirituelle Weltaneignung, die sich im Sinne einer als plastischen Prozess verstandenen anthroposophischen Kosmogonie einen umfassenden Freiheitsbegriff schafft«. Sieht man vom plastischen Prozess ab und bezieht die Aussage auch auf das zeichnerische Werk, was Blume hier ausdrücklich tut, schwingt das Schaffen von Franz Marc mit, ohne dass sein Name an dieser Stelle erwähnt wird. Die wunderbaren Bildstrecken zwischen den Texten tun das ihre, um den Worten jeweils von der Hand beider Künstler optische Untermalungen in vergleichbarem Tonfall folgen zu lassen. Das Buch strahlt das aus, was Erich Franz im Untertitel seines Beitrags über »Das Geistige im Leiblichen« ausführt: »Prozesse der Einfühlung bei Marc und Beuys«. Es geht nicht um Deckungsgleichheit, durchaus aber um überraschend kleine Nuancen zwischen dem energetischen »Hineinversenken« bei Beuys und dem vermenschlichten »Sichhineinfühlen« bei Marc.

Die feinen Unterschiede thematisiert auch Cathrin Klingsöhr-Leroy (»Der Strich hat aber auch Temperatur. Gedanken zur Zeichnung bei Joseph Beuys und Franz Marc«): »Marcs Attitüde als Zeichner ist«, so meint die Autorin sehr feinsinnig, »vergleichbar mit dem zeichnerischen ›Denken‹ von Joseph Beuys«, was nicht heißt, dass beide keinen unterschiedlich temperierten Strich hätten. Die weiteren brillanten Aufsätze, die facettenreich zum Gesamtbild der Beziehung dieser in unterschiedlichen Zeiten lebenden Künstler beitragen, stammen von Isabelle Malz (»Das Wesen der Plastik. Bienenköniginnen I–III als Wegbereiterinnen der Plastischen Theorie«), Heike Fuhlbrügge (»Pet Utopia. Politisches Bewusstsein und Alteritätsvorstellungen am Beispiel des Tiermotivs bei Joseph Beuys und Franz Marc«), Andreas Röder (»Tod wird Leben. Bildekräfte und inneres Sehen im Werk von Franz Marc und Joseph Beuys«) – der den wichtigen Gedanken über den Tod als Übergang, nicht als Ende ausführt. Desweiteren Johannes Janssen (»Deine glückseligen, blauen Pferde. Franz Marc und die Animalisierung der Kunst«) sowie abschließend Barbara Strieder (»Eine Tierdarstellung im Frühwerk von Joseph Beuys im Vergleich zu Tierdarstellungen von Franz Marc«). Letztere stellt unter anderem die Darstellung von Schafen bei Marc, Beuys – und Mataré – gegenüber, mit atemberaubenden Parallelen, die allerdings bei den verschiedenen Vorlieben für besondere Tiere wie dem Reh und der Kuh (bei Marc) oder dem Kojoten (bei Beuys) so freilich nicht zu treffen sind.

Dennoch sprechen die Bilder für sich. Das Buch »Franz Marc und Joseph Beuys« ist prall gefüllt mit 135 Tafeln in Farbe und Duotone und weiteren 21 Abbildungen, die anschaulich machen, dass der einvernehmliche »Einklang mit der Natur« kein Konstrukt übereifriger Kuratoren ist, sondern ein tatsächlich gemeinsamer Wesenszug beider Künstler. Nicht zuletzt geht es um zwei postromantische Kapitel zum Verständnis der christlichen Schöpfung.