Buchrezensionen

Christian Demand: Die Invasion der Barbaren. Warum ist Kultur eigentlich immer bedroht? Zu Klampen 2014

Christian Demand wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als er 2003 in »Die Beschämung der Philister« die Kunstkritik einer gnadenlosen Kritik unterwarf, ja, sie eigentlich sogar der Lächerlichkeit preisgab. Einen ganz ähnlichen Angriff fährt er jetzt in »Die Invasion der Barbaren«. Stefan Diebitz hat die Essaysammlung mit viel Zustimmung gelesen.

Im Grunde ist das Ziel der Demandschen Kritik dasselbe geblieben: Es sind die hohlen Phrasen der Festredner, die er auf ihre Bedeutung hin abklopft, um sie im Anschluss sarkastisch zu kommentieren. In »Die Beschämung der Philister« diagnostizierte er »enthusiastische Erlebnisaufsätze« und stieß »auf fadenscheinig ausgewaschene Formulierungen und die Simulation von Tiefsinn« (der Untertitel dieses Buches lautet »Wie die Kunst sich der Kritik entledigte«). Ganz ähnlich auch in diesem Buch, in dem er eine »bizarre Mischung aus heiligem Ernst und losem Denken« monieren muss, etwa in seinem ersten Essay, in »Kunstpädagogik im Höhenrausch«.

Den übersteigerten Ansprüchen der Kunstpädagogik tritt er mit einer ganz unverhüllten und entsprechend provozierenden kulturkonservativen Attitüde entgegen. Was er sich nämlich wünscht, ist, dass die Ansprüche ein klein wenig zurückgefahren werden, dass also weder die Rettung der Welt an die Kunstpädagogik geknüpft noch die eigentliche Menschwerdung an die Begegnung mit der Kunst gebunden wird. Stattdessen denkt er an »die Weitergabe traditioneller gestalterischer Kulturtechniken wie etwa des Modellierens oder des Zeichnens nach der Natur«. Ein solcher Vorschlag stößt möglicherweise nicht überall auf Zustimmung. (Um Missverständnissen vorzubeugen: hier ist von Kunsterziehung die Rede, nicht von der Kunst selbst!)

Im Einzelnen greift dieser Eingangsessay zunächst zwei Thesen an. Die erste gehört ursprünglich einem gewissen Jean Jacques Rousseau und geht davon aus, dass uns die Zivilisation derart deformiert hat, dass wir letzten Endes unfähig zu einer Begegnung mit der wahren und schönen Kunst geworden sind. Also müssen wir erzogen werden… Die andere ist zwar wesentlich jünger, erfreut ihr Publikum aber auch schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihren Phrasen, die in der Kunst nichts weniger als die Krönung einer humanen Bildung sehen. Und an dieser Stelle setzt Demands Kritik noch einmal an, und dieses Mal weniger als Sprachkritik als vielmehr als desillusionierter Blick auf den Markt der schönen Künste, auf dem jeder seinen eigenen Weg sucht und gelegentlich ja auch findet.

Seine Entsprechung findet diese Zersplitterung in der akademischen Lehre, in der jeder Hochschullehrer lehrt, was ihm selbst gerade wichtig ist. Wie kann unter diesen Umständen die Kunstpädagogik, fragt Demand, immer noch einen Kompetenzvorsprung behaupten? Sinn hätte dieser ja nur dort, wo es ein kanonisches Wissen gibt. Auf ein solches Wissen – und am Ende seiner Überlegungen kommt er auf diese Provokation zurück – zielte einmal »die höchst anspruchsvolle Weitergabe der höchst anspruchsvollen mimetischen Kulturtechniken, von denen sowohl Kunst und Kunsthandwerk als auch die Kunst- und Werkerziehung ehedem einmal ihren Ausgang nahmen.« Gibt es etwas, das noch weniger en vogue sein könnte?

In seinem zweiten Essay – »Kritik der Kritik der Kritik« greift Demand Motive seines oben erwähnten Buches über die Kunstkritik auf. Besonders überzeugend ist er, wenn er historisch argumentiert, wenn er also die bis heute zentralen Motive der Kritik wie auch die Kontroversen über sie bereits in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts wiederfindet, in der die Kunstkritik erstmals zu einer öffentlichen Veranstaltung mutierte – ein Vorgang, über den nicht jeder Künstler gleichermaßen glücklich war. Und das, wie Demand zeigen kann, obwohl der erste dieser Kunstkritiker, ein gewisser La Font de Saint-Yennes, die ausgestellten Werke keinesfalls in Grund und Boden schrieb, sondern eher wohlwollend besprach.

Fortsetzung von Seite 1

Für den auf die Geschichte der Kunstkritik zurückschauenden Autor allerdings scheint es wichtiger, dass dieser Proto-Kunstkritiker »als erste Amtshandlung« seinem Publikum erklärte, was es gefälligst als Kunst anzusehen habe. Es ging also »nicht darum, welche ästhetischen Präferenzen jemand […] tatsächlich hat, sondern darum, welche er haben sollte«. Im Grunde geriet die Kunstkritik in der Analyse von Demand so bereits in ihren allerersten Anfängen zu einer moralischen Veranstaltung, woraus der Autor den Schluss zieht, dass es unter diesen Umständen keine verbindlichen Kriterien mehr gibt – weder für die Kunst selbst noch für deren Kritik, denn es mangelt ihnen an Normen, Regeln und kanonischen Vorschriften. Muss unter diesen Umständen Kunstkritik nicht notwendig in bloßer Subjektivität versinken? »Kritik ohne verbindliche Standards ist ohne Frage eine brüchige Veranstaltung.«

Das Resümee, das Demand in seiner Eigenschaft als Kritiker der Kritik daraus zieht, wird die meisten Leser wohl schon wegen seiner Milde überraschen. Denn die von ihm so beredt beklagten sprachlichen Entgleisungen mitsamt dem »endemischen Überschuß an Emphase« führt er auf die schwierige Situation eines Kunst- und Kulturkritikers zurück, der auf jede Hilfestellung und Leitung verzichten muss, der also in ähnlicher Weise, wie es der heutige Künstler tut, sich dazu gezwungen sieht, allein aus Eigenem zu schöpfen.

Versammelt in diesem Band sind insgesamt sieben Essays, von denen drei zuvor im »Merkur« erschienen sind, der heute von Demand als Nachfolger von Karl-Heinz Bohrer herausgegeben wird. Einen roten Faden gibt der von Demand scharf kritisierte Alarmismus vor, mit dem der Niedergang der Kultur kommentiert wird, und so ist der Titel des Buches durchaus treffend. Die Lektüre all dieser Essays ist ein Vergnügen, weil der Autor ein geschliffenes Deutsch schreibt und nicht nur gelegentlich die Zuspitzung liebt; langweilig wird es wirklich an keiner Stelle.

Während »Wie kommt Ordnung in die Kunst?« vor wenigen Jahren ein ganz anderes Feld beackerte, ist dieses Buch nur eine Erweiterung der Themenpalette von »Die Beschämung der Philister«. Es argumentiert viel weniger grundsätzlich und systematisch als das Vorgängerbuch und überzeugt am meisten dann, wenn es seinen Schwung aus der Geschichte holt.

An mehreren Stellen wünscht man sich, der Autor hätte sich mit einer Thematik intensiver auseinandergesetzt und sich nicht allein mit dreißig Seiten eleganter Prosa zufriedengegeben. So finde ich den Sarkasmus, mit dem er in dem titelgebenden Aufsatz den behaupteten Zusammenhang von Kultur und (nationaler oder kultureller) Identität bestreitet, mehr als nur angebracht, aber die Frage, ob es mit der Kultur nicht wirklich bergab geht, hätte schon eine ernsthafte und ausführliche Behandlung verdient. Hier wäre ein Blick in die Literatur ebenso angebracht wie hilfreich und anregend gewesen, denn es waren einige der größten Köpfe des 20. Jahrhunderts, die diese These mit ganz guten Gründen vertraten – man denke nur an Oswald Spengler, Werner Sombart oder Ludwig Klages.

Bereits 1911 hat Georg Simmel in einem seiner bekanntesten Essays »die eigentliche Tragödie der Kultur« behandelt und sie darin gesehen, »daß die gegen ein Wesen gerichteten vernichtenden Kräfte aus den tiefsten Schichten eben dieses Wesens selbst entspringen; daß sich mit seiner Zerstörung ein Schicksal vollzieht, das in ihm selbst angelegt ist und sozusagen die logische Entwicklung eben der Struktur ist, mit der das Wesen seine eigene Positivität aufgebaut hat.« Ernst Cassirer hat etliche Jahre später Simmel entgegengehalten, dass die Kultur eben kein sich gleichmäßig vollziehender Prozess sei, sondern ein Vorgang, zu dem das Verschwinden ebenso notwendig wie das Gelingen gehört: »Sie ist kein einfaches Geschehen, kein ruhiger Ablauf, sondern sie ist ein Tun, das stets von neuem einsetzen muß, und das seines Zieles niemals sicher ist.« Es ist ein sich niemals erschöpfender Prozess, den Ernst Cassirer beschreibt, ein Prozess, der in seinem Verständnis mit dem Verlust des Mythos und der Abwendung des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens vom Ausdruck tun hat. Es war eine von Respekt geprägte Auseinandersetzung zwischen zwei großen Denkern, in der die wesentlichen Motive des Kulturpessimismus ganz sachlich und nüchtern erwogen werden.

Demands aktuelles Buch ist unbedingt empfehlenswert, aber wohl nicht unbedingt überlebenswichtig, wogegen »Die Beschämung der Philister« mehr war und ist: Dieses Buch war (und ist sicherlich immer noch) so etwas wie eine Pflichtlektüre für alle, die über Kunst schreiben und denken.