Buchrezensionen, Rezensionen

Christian Saehrendt: Kassel. Ist das Kunst oder kann das weg? documenta-Geschichten, Märchen und Mythen, DuMont 2012

Da jeder schon einmal gerätselt hat, warum die documenta ausgerechnet in einer so öden Stadt wie Kassel stattfindet, gibt es nun den Versuch einer Antwort: weil es hier wie im Märchen ist. Den Vergleich erklärt Christian Saehrendt in einem unterhaltsamen Reiseführer. Rowena Fuß hat das Buch mit äußerstem Vergnügen gelesen.

Zunächst gilt zu berücksichtigen, dass sich viele Geschichten um das Land Hessen und die Stadt Kassel ranken: Ob die der blutrünstigen hessischen Soldaten in diversen (amerikanischen) Schlachten oder die der Gebrüder Grimm, welche hier ihre Haus- und Volksmärchen niederschrieben. Nicht zuletzt verläuft ein breiter Streifen der 1975 etablierten deutschen Märchenstraße durch das mitteldeutsche Bundesland.

Diese Verwebungen mit der Märchenwelt nahm Christian Saehrendt zum Anlass, um einen speziellen Reiseführer für den documenta-Besucher zu schreiben. Mit einer großen Portion Witz und einem Augenzwinkern führt er die Märchenstraße mit dem documenta-Standort zusammen. In insgesamt vier Kapiteln leitet er den unerschrockenen Besucher durch den finsteren hessischen Märchenwald an den »damned hessians« vorbei zu Rapunzel & Co, um schließlich zur Kultstadt Kassel und zum Märchen von der documenta zu gelangen.

Es ist nichts weniger als eine Expedition in »verwunschene Landstriche, durch dunkle Wälder, mitten hinein in das finstere Herz Deutschlands«, wenn der Autor die zahlreichen angeblichen Schauplätze von Dornröschen, Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Frau Holle u.v.a.m rekapituliert. Passend dazu präsentiert sich das Layout der Kapitelseiten in einem Waldgrün und ab und zu folgen Schattenrisse der Märchenszenen.

Schauerlich weiß Saehrendt in diesem Kapitel einen Zusammenhang zwischen dem Kannibalismus in Hänsel und Gretel und dem Kannibalen von Rothenburg herzustellen oder den von der harten Arbeit in engen Tunneln geprägten zwergengleichen Bergarbeitern im Kupferabbaugebiet um Kassel, die sich im Märchen von Schneewittchen wieder finden.

Mit einer Gänsehaut tritt der Leser aus dem deutschen Märchenwald und steht nun vor den Toren der ehemaligen Fürstenresidenz. Um uns Kassel schmackhaft zu machen, beschreibt Christian Saehrendt zunächst einige Ausflugsziele wie die Löwenburg, den Bergpark oder Schloss Wilhelmshöhe. Für Grufties empfiehlt er besonders den Zentralfriedhof in Kassel-Nordstadt, wo man am Grab von Arnold Bode, dem Erfinder der documenta, auf selbigen anstoßen soll. Von den künstlichen Grotten und Ruinen der Löwenburg kommt er dann schnell zu den realen Kriegsruinen nach 1945. Hier beginnt auch das Märchen von der documenta, das 2012 seine immerhin 13. Ausgabe erlebt — trotz anhaltender Rüpeleien.

Erst durch die Zerstörung Kassels, so der Autor, war die documenta überhaupt denkbar. Denn: Als Kontrastmittel dienten die städtischen Überreste der Vergegenwärtigung der Modernität, so Saehrendt weiter. Dementsprechend wurde die Ruine des Fridericianums, in der die ersten Kunstwerken präsentiert wurden, zum »Platzhalter der Zukunft«.

Dieser »Platzhalter« ist mittlerweile natürlich wieder aufgebaut worden, beherbergt aber nach wie vor immer wieder Arbeiten der aktuellen Auflage. Als Plattform, auf der die drastischen Folgen einer allzu liberalen Ökonomie mit künstlerischen Mitteln verhandelt werden, konfrontiert uns das Großereignis regelmäßig mit den Leitfragen: Kann Kunst die Welt verändern? Ist sie eine aktive soziale und politische Kraft? Und: Spiegelt sich die verändernde Welt nur in der Kunst?

Wie die einzelnen documentas die Reflexion über Kunst und Gesellschaft umgesetzt haben, erfährt der Leser in Kurzporträts der einzelnen Ausgaben. Überdies schildert Saehrendt, wie man documenta-Chef wird, wer in der Top Ten der Teilnehmer vorhanden ist und welche documenta die beste war. Natürlich fehlt auch der Ausblick auf die aktuelle nicht, die am 9. Juni 2012 unter dem Slogan »Collapse and Recovery« startet.

Zuletzt bietet der Autor einen Serviceteil mit Tipps zur Akklimatisierung in Kassel an. Nicht ohne eine gewisse Bissigkeit empfiehlt er die Übernachtung in möglichst teuren Hotels, den regelmäßigen Besuch von Restaurants, Discos, Kneipen und Cafés oder ausgiebige Shoppingtouren. Die lokale Wirtschaft soll ja auch von diesem Touristenmagnet profitieren.

Nach 100 Tagen des Genusses steuert die Stadt somit einem "happy end" für Kunstfreunde und Stadtwirtschaft entgegen. Das documenta-Märchen offenbart aber auch eine gewisse Spanne zwischen dem realen Kassel und dem documenta-Standort, die wie zwei Paralleluniversen nebeneinander existieren und, wenn das eine am Himmel des anderen steht, Reflexionen über die Gesellschaft sichtbar machen — wie ein Märchen eben.

Alles in allem ergibt sich ein äußerst unterhaltsamer und mit einem handlichen Format versehener Reiseführer, den ich wärmstens empfehlen kann.