Ausstellungsbesprechungen

Christine Reinckens – Variationen des Wartens. Galerie Gottschick, Tübingen, bis 18. Juni 2010

Auf den ersten Blick ist man fast konsterniert: ein zehn Meter langer malerischer Fries zeigt 20 junge Menschen auf der langen Bank sitzen. Und das soll alles gewesen sein? Günter Baumann war vor Ort.

Aber damit nicht genug: Christine Reinckens zeigt gruppenweise, paarweise und auch mal in Einzelbildnissen ihre Altersgenossen, auch Kinder, darüber hinaus Alte. Und alle scheinen zu warten. Die 1962 in Hannover geborene Künstlerin pflegt in ihren Arbeiten eine Entschleunigung, die irritiert, nicht so sehr wegen des auf Null hin gebremsten Aktionismus – denn das ist durchaus ein Trend in der gegenwärtigen Kunst – , was allerdings verwundert, ist der figurative Zugang. Wo sonst eher die Zeit in ihrer Verlangsamung hinterfragt wird, nimmt Reinckens die Protagonisten selbst unter die Lupe. Ob es sich um Porträts handelt, ist zweitrangig, auf jeden Fall sind die realistisch aufgefassten Personen Typen, aus dem Leben gegriffen. Damit kommen auch die Fragen auf, die dort virulent sind: Worauf warten die Menschen? Der Titel »Variationen« legt ein formales Interesse nahe, aber die Malerin könnte auch einem symptomatischen Phänomen auf der Spur sein. Dazu muss man nicht Becketts »Warten auf Godot« bemühen, das ginge zu wohl zu weit. Doch eines scheint sicher: Irgendwie warten wir alle auf irgend etwas... Kennen sich die Leute auf den Gemälden? Man wird den Verdacht nicht los, dass in den Szenen keine Kommunikation stattfindet. Warten ist also offenbar kein gemeinsamer Zeitvertreib, eher noch eine Art Schicksalsgemeinschaft der schlicht, vielleicht sogar perspektivlos Wartenden: Kinder wie die kleine »Lotta«, um die sich womöglich niemand kümmert; Jugendliche und junge Erwachsene, die sicher auch gern tätig sein würden, wenn sie denn die Gelegenheit bekämen; Greise, die ihre Illusionen bereits abgegeben haben. Ironischerweise sind sie es, die das Warten, dieses Nichtstun, aufbrechen: Titel dieser Serie sind etwa »Johanna geht« oder »Ende des Wartens« – kein Grund zur Freude, dort lauert der Tod. Oder ist es am Ende alles nur so etwas wie ein Stell- bzw. Sitzprobe? Eine Bank kann es kaum sein, worauf die Personen sitzen, was uns am Realitätscharakter zweifeln lässt. Wie auch immer, es mag durchaus sein, dass all die Gezeichneten im nächsten Augenblick aufstehen und verschwinden, es mag auch sein, dass das figurative Motiv sich im gesteigerten Nahblick im bloßen Farbspiel auflöst. Sicherheit ist nirgends, allenfalls: Hier ist alles nur gemalt.

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Öffnungszeiten
Mittwoch bis Freitag 15.30 bis 19 Uhr
Samstag 11-15 Uhr

Katalog
Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen, er ist in der Galerie erhältlich.