Ausstellungsbesprechungen

Christoph M. Gais – Ein malerischer Prozess zur bildnerischen Autonomie, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 10. Mai 2014

Christoph Gais' Kunst bewegt sich zwischen Grenzen: Sie verweigert sich einer Zuordnung zu bestimmten Strömungen, zugleich bewegt sich der Künstler zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Die Galerie Schlichtenmaier zeigt derzeit Gemälde, Aquarelle und Plastiken vor allem aus den letzten fünf Jahren. Günter Baumann hat sie sich angesehen.

Noch bis zum 10. Mai macht der Grenzgänger Christoph M. Gais Station in Stuttgart, wo seine Gemälde, Aquarelle samt bislang wenig gezeigten Plastiken in einer repräsentativen Auswahl gezeigt werden: Die Galerie Schlichtenmaier, die sein Schaffen seit Jahren verfolgt, legt den Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung in die Arbeiten der letzten fünf Jahre. Seine meist titellosen Gemälde geben eine hochkomplexe Gedankenwelt wieder, die gleichsam abstrakt wie gegenständlich, wenn nicht gar greifbar ist. Als habe dies eines Nachweises bedurft, übersetzte er seine vielschichtigen Strukturbilder jüngst in dreidimensionale Bronzeobjekte, welche sinnigerweise Reisigbündeln ähneln: Als reine Abstraktionen scheinen die Gussstäbe leichtförmig dahinzuschweben, oder sie drehen sich von der Wand weg in den Raum, beschwingt allemal – und in gewissen Augenblicken der Betrachtung wird die Form konkret, drängen sich Assoziationen ins Blickfeld, etwa ein Korbgeflecht, eine Reuse und anderes mehr. Da passt es, dass der 1951 in Stuttgart geborene Maler nicht nur in Berlin, sondern auch in Italien wohnt und arbeitet – immer wieder tauchen mediterrane Stimmungsmomente auf, wechseln südliche Lichtfülle und mitteleuropäischer Schimmer. Die Stimmungsmotivik mag man auch vermuten bei den palimpsestartigen Mittelformaten, denen Glasplatten mit floralen Zeichnungen vorgeblendet sind; auch hier sucht Gais’ Malerei handgreiflich die dritte Dimension. Ausgehend von seinen Lehrern K. R. H. Sonderborg und Raimund Girke, entwickelte der Künstler eine singuläre, teils gestisch anmutende, teils ornamental gesetzte Position innerhalb der Folgegeneration des Informel. Keineswegs darf man ihn jedoch unter irgendwelchen Strömungen subsumieren, die Gais bewusst hinter sich lässt: »Zu allem Handeln gehört Vergessen.« Mit diesem Dictum entdeckt er den Raum in der Fläche von Bild zu Bild aufs Neue und lotet dabei die Möglichkeiten des Malerischen aus. Die ornamentalen Motive scheinen Musterbüchern zu folgen, doch täuscht das Kalkül über den freien Lauf des Zufalls hinweg, den der Maler souverän zu nutzen weiß. Pflanzliches mischt sich mit autonomen Formen, lineare Strukturen treten in Dialog mit hintergründigen oder vorgelagerten Flächen.

Diese hochkultivierte Peinture im Werk von Christoph M. Gais zeigt sich weniger in einer breiten Farbskala als in feinsinnigen Nuancen einer Palette, die der Leinwand eine schier unergründliche Tiefe verleiht. Entwickelte er in den späten 1980ern noch linear dominierte Netzwerke, traten zunehmend räumliche Körper ins Bild, deren Farbschattierungen eine nahezu fotorealistische Wirkung erzielen. Dieses Grenzgängertum zwischen abstrakt und gegenständlich, zwischen Malerei und dreidimensionalem Objekt eröffnet jedoch ganz andere Dimensionen, die Gais zu einem der spannendsten Künstler unsrer Zeit werden lässt: die des Denkraums. Mal kristallin zugespitzt, mal aus changierenden Erinnerungsfetzen und –spuren zusammengebaut, mal im Zusammenspiel von zeitlich empfundenem Vorder- und Hintergrund, sprich einem Vorher und Nachher, mal als konkrete Empfindung aus einem dichten Vorhang des Vergessens hervorbrechend – nie versteigt sich Gais in einem modischen Surrealismus, sondern er erfasst die gedankliche Welt gewissermaßen in ihrer biologischen Transportbahn von Ganglien, Nervenfasern oder Strukturhaufen, die sich der Vorstellungskraft eigentlich entziehen. Doch auch hier beruft sich der Künstler nicht allein auf die letztlich formlose bzw. nicht formatierbare Fantasie, indem er sich realen Strukturen entzieht. Glaubwürdig wird seine Bildsprache durch die Verwendung des Ornaments, das einmal der Erinnerungskultur angehört – von symbolhaften Kreisbildungen außereuropäischer Provenienz bis hin zu rokokohaft verschnörkelten Wandtapetenmustern –, und zum anderen die Verrätselung der Kunst beflügelt. Denn keineswegs handelt es sich um schablonenhaft regelmäßige Strukturen, vielmehr geht es um die Verstörung einer Ordnung, die mit der industriellen, medialen und digitalen Revolution verloren ging oder zur Oberfläche verkam. Gais ist als kunsthistorisch geschulter Maler mit der Glorifizierung wie der Denunziation des Ornaments zu sehr vertraut, als dass er es als pures Zitat einsetzt. Wohl aber weiß er, dass es gleichermaßen abstrakt und gegenständlich ist – somit drückt es genau das aus, was Gais sichtbar machen will. Auf den oft monumentalen Stil bezogen, gelingt ihm dabei eine Koinzidenz von Chaos und Kosmos. So fängt er kulturhistorische Größen wie Zerstörung und Wiederkehr, von Entstehen und Vergehen, auch von Erinnern und Vergessen ein. Von da ist kein weiter Weg zu einer Mystik der Gleichzeitigkeit und Dinglichkeit komplexer wie abstrakter Elemente. Ist Gais das Pathos der großen Geste nicht fremd, so ist es jedoch fern von jeglichem Getöse, im Gegenteil: kaum merklich, scheint auf einem labyrinthisch angelegten Aquarell das sinnfällige Wort „Demut“ auf. Das erklärt auch die Faszination und Irritation, die das ganze Werk von Christoph M. Gais ausmacht.