Buchrezensionen

Christoph Wetzel: Ovids Metamorphosen und die bildende Kunst, Reclam 2017

Bloß ein Nachschlagewerk? Oder doch eine angenehme Lektüre? Christoph Wetzels Nacherzählung von Ovids »Metamorphosen« mit Blick auf die bildende Kunst hat Stefan Diebitz gelesen.

Es mag schon sein, dass das für die bildende Kunst Europas wichtigste Buch die Bibel ist, aber dicht auf den Fersen sind ihr Ovids »Metamorphosen«, die die antike heidnische Mythologie in kunstvoller Weise zusammenfassen. Ein Buch, das von Geschichten geradezu überquillt, das nicht nur unvergessliche Figuren, Bilder und Schicksale irgendwie aneinanderreiht, sondern mit einer prachtvollen Rhetorik in eine sinnvolle, tief durchdachte Reihenfolge bringt.

Es waren nicht allein Bildhauer und Maler, die sich von Ovids Werk anregen ließen, sondern seit dem höfischen Mittelalter auch Dichter und gelegentlich sogar Musiker. So besitzen die »Metamorphosen« eine unmöglich zu überschätzende Bedeutung für die europäische Hochkultur der Vergangenheit. Und wer jetzt sagt, dass Literatur in einer toten Sprache und noch dazu in Hexametern für uns längst nicht mehr wichtig sein kann, der mag sich nur daran erinnern, dass vor kaum mehr als dreißig Jahren Christoph Ransmayr mit seinem Ovid-Roman »Die verlorene Welt« einen gigantischen Erfolg feierte, von dem sein Ruhm bis heute zehrt. Und es gibt da noch ganz andere, vor allem weniger klassizistische (und allein deshalb weniger beachtete?) Werke wie etwa »Das Maskenspiel der Genien« des großen Fritz von Herzmanovsky-Orlando, ein ebenfalls von den »Metamorphosen« inspirierter Roman über die Abenteuer eines gewissen Cyriakus von Pizzicolli. Am Ende seiner Irrfahrten wird Cyriakus wie Aktaion aus den »Metamorphosen« in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerrissen.

Trotz dieser beiden und noch anderer Romane: Für die bildende Kunst war und ist Ovid zweifellos viel wichtiger als für die Literatur. Buchstäblich unzählige Male seit der Renaissance dienten seine Geschichten als Stoff für Maler und Bildhauer, und die »Metamorphosen« erwiesen sich über die Jahrhunderte hinweg als eine buchstäblich unerschöpfliche Quelle für die bedeutendsten Künstler der Vergangenheit. So kann es nicht verkehrt sein, unter dem Aspekt einer Stoffgeschichte über eines der ganz großen Werke der Weltliteratur zu schreiben. Das Buch variiert ja nicht mehr als ein einziges Thema, den Gestaltwandel seiner Figuren, aber in immer und immer neuen, oft überraschenden und meist sehr einprägsamen Varianten. Dazu kommt die geschickte formale Verzahnung der so unterschiedlichen Episoden mit der Hilfe einer unglaublich reichen Sprache.

Der Autor zeichnet Ovids Buch Kapitel für Kapitel, Episode für Episode nach; zuerst kommt ein Überblick über das jeweilige Kapitel (es sind deren 15), und dann folgt eine detaillierte Erzählung der einzelnen Episoden, immer eingeleitet von einer längeren Passage aus einer versgetreuen deutschen Übertragung sowie, eingearbeitet in den Fließtext, Zitaten aus einer Prosaübersetzung. Dazu kommen Abbildungen von fast ausnahmslos sehr berühmten Werken der Kunstgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart – allerdings dem Format des Buches entsprechend klein und schwarzweiß, meist eine Abbildung pro Episode. Der immer zurückhaltende Kommentar des hochgebildeten Autors beschränkt sich darauf, das Erzählte einzuordnen oder Hinweise auf andere antike Texte zu geben. Das alles geschieht seriös, man könnte auch sagen: ziemlich trocken und in einem sachlichen Ton.

In seiner vorausgeschickten Einführung erzählt Wetzel vom Leben des Ovid, das bekanntlich in einem bitteren Exil endete (das eben ist das Thema von Ransmayrs Roman) – unter dem sittenstrengen, sogar bigotten Augustus war Ovid mit seinem freizügigen Werk nicht wohlgelitten. Seinem Nachruhm hat das kaum schaden können, sowenig wie das Gebot des Augustus, seine Werke aus den öffentlichen Bibliotheken zu entfernen, irgendwelche nachteiligen Folgen hatte. Ganz im Gegenteil! Hier wie auch sonst war das Verbotene besonders interessant, und so folgte man nicht dem Gebot des Imperators, sondern fand Ovids Bücher umso anziehender. Aber trotz dieser effektiven Werbemaßnahme des Augustus begann eine lebhafte Rezeption des Werkes eigentlich erst im Mittelalter. Unter anderem in Dantes »Göttlicher Komödie« spielt Ovid eine gewisse Rolle. Wirklich wichtig wurde er in der Renaissance – von da an erscheinen Motive, die den »Metamorphosen« entnommen wurden, immer wieder in den Bildern der großen Meister.

Am Ende von Ransmayrs Roman findet sich unter dem Titel »Ein ovidisches Repertoire« ein Index, der die »Gestalten der Letzten Welt« (die Romanfiguren) den »Gestalten der Alten Welt« (den Figuren Ovids) in alphabetischer Ordnung gegenüberstellt. Die erste dieser Figuren ist (in Ransmayrs Transkription) Actaeon, dessen Schicksal ebenfalls Fritz von Herzmanovsky-Orlando in seinem »Maskenspiel der Genien« erzählt, wenngleich in einer sehr freien Weise. Sein Held Cyriakus wird wie Aktaion (Wetzels von Ovid übernommener Transkription) aus den »Metamorphosen« am Ende seiner Irrfahrten in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerrissen.

Hilft mir nun das Buch Wetzels, die beiden Romane oder die Gemälde Tizians, Rembrandts oder anderer mit demselben Thema zu verstehen? Ransmayr gibt ja seine Hinweise auf Ovid selbst, wogegen Herzmanovsky-Orlando ihn verschweigt. Wenn ich aber bereits selbstständig herausgefunden haben sollte, dass auch Cyriakus nach dem Vorbild des Aktaion gestaltet wurde, oder wenn ich den Titel unter Tizians, Parmigianinos oder Cervellis Bild gelesen habe, kann ich die entsprechende Episode leider nicht in diesem Buch nachschlagen, weil es dem Leser keinen Index bietet, geschweige denn verschiedene Indices. Dass diese fehlen, ist ganz und gar unverständlich: wie könnte man ohne sie mit diesem Buch arbeiten?

Es bedürfte eines Index für die Figuren Ovids, eines zweiten für die Orte, eines dritten für die Künstler, eines vierten für die Motive… Wäre das eine so große Sache gewesen? Dann hätte man viel besser mit dem Buch arbeiten können, ja nur dann hätte man das überhaupt tun können. So muss man erst einmal herausfinden, in welchem Kapitel Ovid beziehungsweise Wetzel etwas über das Thema sagt, und das wird man höchstwahrscheinlich mit Hilfe des Internets tun. Dann braucht man nur noch nach den entsprechenden Bildern zu suchen – und Voilà!

Kunsthistoriker dagegen interessieren sich für die »Metamorphosen« vom Bild her. Ein besonders lehrreiches Beispiel bietet Werner Busch in seinem Buch »Das unklassische Bild«, in dem er das Gemälde »Diana und Aktaion« Tizians interpretiert und zeigt, dass Tizian in seiner Darstellung der Grotte »den Ovid’schen Text in sein Gegenteil« verkehrt. So gelingt ihm der Nachweis von »Tizians Verfahren einer paradoxen Textreferenz«. Auch verweist Busch noch auf ein anderes Gemälde des Malers, »Diana verfolgt Aktaion«, in dem Tizian aber nicht Ovid, sondern der Beschreibung des Apuleius wörtlich folgt.

Bei Wetzel finden sich weder detaillierte Interpretationen dieser Art noch Hinweise auf die wissenschaftliche Literatur, aber doch weiterführende, meist nur andeutende Kommentare. Beispielsweise stellt er Benvenuto Cellinis »Perseus mit dem Haupt der Medusa« in einen Zusammenhang mit Donatellos Gruppe »Judith enthauptet den Holofernes«, oder bei Gelegenheit des Himmelssturzes von Ikarus betont er lakonisch die Bedeutung der Mitte und verweist bei der Gelegenheit noch einmal auf den Phaeton-Mythos. An einer noch anderen Stelle vergleicht er das Bad des Midas im Fluss – auf diese Weise kann er den Fluch loswerden, dass alles, was er anfasst, sich in Gold verwandelt – mit einem Reinigungsbad im Alten Testament. So erhält der Leser doch einige, oft überraschende Hinweise und Anregungen durch den sehr belesenen Autor.

Aber seine Kommentare sind eigentlich immer von der Dichtung Ovids, niemals von der Kunst aus gesehen – sie gliedern die »Metamorphosen« in die antike Mythologie ein, demonstrieren die Wirkungsgeschichte des berühmten Buches oder illustrieren das Geschehen, ohne sich um eine Ausdeutung der Gemälde und Plastiken zu bemühen. Vollständigkeit, die man ohnehin niemals erreichen könnte, wird gar nicht erst angestrebt, sondern in aller Regel begnügt sich der Autor mit dem Hinweis auf ein einziges, naturgemäß meist herausragendes Kunstwerk, mit dem er das Thema illustriert. So kann dieses Buch Kunsthistorikern kaum weiterhelfen.