Ausstellungsbesprechungen

Christus an Rhein und Ruhr. Zur Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne, Niederrheinische Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte Kevelaer, bis 2. Oktober 2011

Ecce homo: Die industrielle Entwicklung und die Greuel des 1. Weltkrieges führten zu einer Fülle christlicher Heilssymbolik in Kunst und Literatur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Den Herangehensweisen der Künstler an ein verändertes Christusbild ist Franz Siepe für PKG gefolgt.

Der Niederrhein ist katholisches Stammland. Die Kleinstadt Kevelaer, dicht an der holländischen Grenze gelegen und neben Altötting die bedeutendste Marienwallfahrtsstätte in Deutschland, ist auch Standort des Niederrheinischen Museums für Volkskunde und Kulturgeschichte. Auf Initiative des Museumsleiters, Burkhard Schwering, sowie der beiden Kuratorinnen, Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande, wurde die Ausstellung »Christus an Rhein und Ruhr. Zur Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne 1910-1930« hierher gebracht. Sie war bereits 2009 im August Macke Haus Bonn zu sehen, wo die Schau aufgrund der geringen Grundfläche des Hauses vertikal angeordnet war.

Das Kevelaerer Museum verfügt seit den Umbauarbeiten der 1990er über einen großflächigen Raum für Sonderausstellungen, der jetzt mit den gut siebzig rheinischen Exponaten aus der Zeit des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit horizontal bestückt worden ist. Daher stehen bzw. hängen die Exponate in einer großen Halle, die der Besucher ad libitum frei durchschreiten kann. Das einzelne Objekt beansprucht folglich kaum auratische Singularität und erscheint vielmehr als Moment eines quasisakralen Großensembles.

Nicht zuletzt deshalb, weil die beiden Kuratorinnen von Haus aus Literaturwissenschaftlerinnen sind, ist der Besucher gut beraten, den Wandtexten (z. T. beschriftete Fahnen) besondere Bedeutung beizumessen. Es handelt sich hierbei um Zitate von Dichtern jener Zeit, die sowohl die jeweiligen Kunstwerke explizieren als auch den Ideenhorizont der Epoche konturieren, welche von den Kulturbrüchen der Jahrhundertwende, besonders aber vom 1. Weltkrieg traumatisiert war und dann in die nationalsozialistische Katastrophe münden sollte.

So etwa ist neben dem großformatigen Gemälde »Christus am Ölberg« (Heinrich Nauen, 1921) ein Kriegsgedicht des Düsseldorfers Kurt Heynicke mit dem Titel »Gethsemane« an die Wand geschrieben:

»Alle Menschen sind der Heiland.
In dem dunklen Garten trinken wir den Kelch.
Vater, lass ihn nicht vorübergehn.
Wir sind alle einer Liebe.
Wir sind alle tiefes Leid.
Alle wollen sich erlösen.
Vater, deine Welt ist unser Kreuz.
Lass sie nicht vorübergehn«.

Der Katalog, in dem diese Texte wie auch die allermeisten der in Kevelaer gezeigten Kunstwerke (Gemälde, Druckgrafiken, Skulpturen und Glasfenster) zu finden sind, dient der inhaltlichen Orientierung, ist jedoch nur noch beim August Macke Haus in Bonn in geringer Stückzahl vorrätig. Er beinhaltet Aufsätze zum »Christusbild in der Malerei der rheinischen Moderne« (Adam C. Oellers), zum westdeutschen Sakralbau (Wolfgang Pehnt), zur Christusfigur auf der expressionistischen Bühne (Gerald Köhler), zur Pietà, der Mutter mit dem toten Sohn (Gabriele Broens), zur »christlichen Semantik in der Druckgraphik rheinischer Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts« (Gast Mannes) und schließlich – von Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande selbst – einen höchst gehaltreichen Aufsatz über die »Gottessuche in der Literatur«.

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Auf dem Weg der Annäherung an das von der Ausstellung hauptsächlich Intendierte wären wohl zwei vorrangige Gesichtspunkte anzusprechen:
1. das spezifisch rheinländische (Kunst-) Klima zwischen 1910 und 1930 sowie – damit verbunden –
2. der übergreifende Gedanke des Gottes- und Menschensohns Christus als des »Neuen Menschen«.

Ad 1.: Dieses Thema gehört zum originären Forschungsspektrum des Düsseldorfer Instituts »Moderne im Rheinland« und wird überdies ausführlich verhandelt in dem Buch »Uebergaenge. Beiträge zur Kunst und Architektur im Rheinland« des Kunsthistorikers Adam C. Oellers, an das sich der hiesige Katalogbeitrag des Autors wesentlich anlehnt.

Wenn Cepl-Kaufmann und Grande das Rheinland mit dem Ehrentitel »westeuropäisches Kraftzentrum« versehen, so ist das sicherlich von Regionalstolz getragen, trifft jedoch immerhin die Tatsache, dass in der »Rhein-Region, dem mittelalterlichen Reichszentrum entlang der ›Pfaffengasse‹ mit ihren stolzen Städten, Kirchen und Kathedralen«, eine erst recht in Krisenzeiten sich revitalisierende, katholisch tingierte Glaubensintensität Bestand hat, die sich auch in der Zwischenkriegszeit in vielfältigen künstlerischen Manifestationen entfaltete.

Der »rheinische Europäer« Alfons Paquet postulierte eine Rückkehr zur Liebespraxis des Urchristentums und fand 1919/20 in seiner Rede »Der Rhein als Schicksal« zu prophetischem Pathos: »Aus der Erkenntnis des europäischen Schicksals wird uns das Mysterium Europas lebendig, dieses Aufblühen der Rose immer wieder aus ihrer Entblätterung, immer wieder dieses Aufblühen nach der Zeit des Untergangs«.

Als ein markantes Datum hat die Gründung der Zeitschrift »Der Weiße Reiter. Jungrheinischer Bund für kulturelle Erneuerung« Pfingsten 1919 zu gelten. Herausgeber war Karl Gabriel Pfeill, ein messianischer Dichterphilosoph aus Neuss, der eine kleine Gruppe von Utopisten um sich scharte und von der Notwendigkeit der Rechristianisierung Europas überzeugt war.

Viele der rheinischen bildenden Künstler – zu nennen wären u. a. Herm Dienz, Franz M. Jansen, Will Küpper, August Macke, Carlo Mense, Heinrich Nauen, Walter Ophey, Otto Pankok, Franz W. Seiwert, Anton Wendling oder Emil Zuppke – favorisierten das Motiv des leidenden Christus, dessen Schmerzensantlitz ihnen Ausdruck der Not der Welt, aber auch der Erlösungshoffnung war. Und wenn der Kölner Franz M. Jansen in dem Holzschnitt »Nehmt ihn zum Beispiel« den gemarterten Heiland zwischen einen kantigen Offizier und einen dickleibigen Prälaten platziert und geöffneten Mundes aufschreien lässt, so ist das eine bittersatirische Anklage und zugleich ein Aufruf zur religiös inspirierten Revolution.

Ad 2. Christus als der »Neue Mensch«: Es ist symptomatisch für den revolutionären Geist der Epoche, dass sich die Künstler aller Sparten mit Christus als dem Sohn – antithetisch zum Vater, der für das Alte, für Macht, Herrschaft und Gewalt stand – identifizierten. »Für die Expressionisten«, so Gerald Köhler, »ging es [...] nicht länger um eine imitatio dei, sondern um eine imitatio christi. Christus war damals der ›neue Mensch‹«. Die ausgebreiteten Arme des Gekreuzigten konnten als Umarmungsgeste, als Zeichen der klassenkämpferischen oder anarchistischen Solidarität verstanden und gestaltet werden. Mit dem Aufkommen des Stils der Neuen Sachlichkeit veränderte sich auch das Bild des Erlösers. Man darf es wohl als eine Variante der Identifikation mit dem Aggressor werten, wenn im Zuge des Technikkults die Maschine und der Fabrikarbeiter christifiziert wurden; so auch vom Düsseldorfer Schriftsteller Hannes Küpper: »Die Fabrik ist die Kirche von heute und Morgen! Das Zeichen zur Arbeit: Sirenengeheul ist die Glocke zum Beten / der Mann der Maschine ist unser Messias!«

Als dann 1933 ein »Messias« sui generis die Macht ergriff, erarbeitete Otto Pankok, das Unheil ahnend und spürend, seinen monumentalen Zyklus »Passion«. Im Inneren noch verwundet von dem Entsetzen des 1. Weltkriegs, zeichnete er gegen das aufkommende Böse an und wurde bald als »entartet« verfemt. Pankoks »Maria mit dem Toten« ist Inbild himmelschreienden Elends, starren Schreckens und abgründiger Angst. Man könnte mit Johann Baptist Metz diese Kunst als memoria passionis fassen, als Ausdruck für »jenes negative Mysterium menschlichen Leidens, das sich auf keinen Namen mehr reimen lassen will«.

Weitere Informationen

Der Katalog zur Ausstellung ist nur über das August Macke Haus in Bonn beziehbar.