Ausstellungsbesprechungen

Claire Barclay und Tobias Buche im Kunstverein Braunschweig

Zwischen wem steht denn der kleine Junge dort in seiner kurzen Latzlederhose bloß? Das Bild selbst liefert keine Möglichkeiten zur Identifizierung. Es handelt sich um die grobkörnige, stark beschnittene Kopie einer Photographie, die einem irgendwie bekannt vorkommt. Das ist kein Einzelfall.

So geht es den Betrachtern der von Tobias Buche geschaffenen, raumfüllenden Stand-Tableaus immer wieder beim Umschreiten derselben: Es stellt sich ein Widererkennungsmoment nach dem nächsten ein. Tobias Buche versammelt auf seinen Stellwänden Relikte unseres kollektiven Gedächtnisses, ergänzt mit Bildmaterialien, die er irgendwo gefunden oder die er selbst geschaffen hat.

 

Jegliches Bild wird von ihm in einen nivellierenden Zustand versetzt. Interessanterweise versucht er nicht die optimalste Bildqualität herauszuholen — nein, er orientiert sich am schwächsten Glied in seiner Bilderkette, so dass im Endergebnis die Tableaus mit grobkörnigen, unscharfen und zerknitterten schwarz-weiß-Kopien bestückt worden sind. Teilweise wurden die Kopien beschnitten und geraten nun in einen anderen Bedeutungskontext, wie bereits erwähnter kleiner Junge auch. Man sieht noch, dass er zwischen zwei Erwachsenen steht. Wer war das noch gleich? Endlich macht es Klick! Der Junge steht zwischen Adolf Hitler und Paul von Hindenburg — in direkter Umgebung von Giovanni Bellinis Dogen Leonardo Loredan, einem »Cotergankind«, welches sich mit Hilfe seiner Füße einen Pullover über den Kopf zieht sowie dem weltberühmten Logo der ehemaligen Hoechst AG, das abstrahiert Turm und Brücke des von Peter Behrens entworfenen technischen Verwaltungsgebäudes zeigt.

 

Und schon beginnen sich im Gehirn des Betrachters Assoziationsketten auszubreiten. Was haben diese Bilder, die pars pro toto für einen ganz bestimmten historischen Augenblick oder eine ganz bestimmte historische Epoche stehen, miteinander zu tun? Diese Frage wird wohl jeder Betrachter ganz individuell für sich beantworten müssen. Und leicht macht es einem Tobias Buche nicht, denn durch die Kontextverschiebung des Bildmaterials schafft er eine Verunklärung des Sachverhalts, die den Betrachter auf Distanz hält. Und darin liegt das Spannende und Faszinierende der Kunst von Tobias Buche. Mit minimalsten Mitteln schafft er es, Neugier zu wecken und zum Denken anzuregen.  

 

Buches Vorgehen des scheinbar wahllosen Bildersammelns steht in der Tradition eines Mnemosyne-Atlas’ von Aby Warburg. Genau wie einst Warburg betreibt auch er eine Gedächtniskultur in Bildern.

 

Zu sehen sind die mit unterschiedlichsten Bildmaterialien versehenen Stellwände und Paravents im Obergeschoß des Braunschweiger Kunstvereins. Die unteren Räumlichkeiten werden von der schottischen Künstlerin Claire Barclay mit installativen Eingriffen bespielt, die gleichermaßen präzise wie atmosphärisch auf die gegebenen Räumlichkeiten reagieren. Barclay arbeitet mit unterschiedlichsten Materialien und Formen und schafft Skulpturen, die allesamt ihre Energie aus der Spannung der Gegensätzlichkeit heraus ziehen. Da schmiegt sich weiches Leder an kaltes Metall, da verstellt ein voluminöses Holzkreuz den Durchgang von Gartenzimmer zur Empfangsrotunde während andere Zimmer mit fragilen Messingkonstruktionen bestückt sind, die in ihrer Formensprache wie Gerippe, Relikten gleich, von Gebrauchsmöbeln wie Tisch, Schrank oder Bett wirken.

 

Barclays Präsentation im Erdgeschoss bildet einen reizvollen Gegensatz zu der Ausstellung von Tobias Buche im Obergeschoss, die sich mit Ihren Stellwänden weitgehend unabhängig macht von den vorgegebenen Räumlichkeiten des Kunstvereins.

 

Zur Ausstellung von Claire Barclay erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, der die Arbeiten im Haus Salve Hospes ausführlich dokumentiert sowie Barclays Schaffen in einem erläuternden Text von Dominic Eichler und einem Gespräch mit Janneke de Vries vorstellt.

 

Zur Ausstellung von Tobias Buche erscheint ebenfalls ein Katalog mit einer ausführlichen Bilddokumetation der Ausstellung sowie einem Text von André Rottmann und einem Gespräch zwischen Tobias Buche und Janneke de Vries.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Dienstag – Sonntag 11 – 17 Uhr

Donnerstag 11 – 20 Uhr     

Öffentliche Führungen: So 14.30 Uhr, Do 18.30 Uhr und nach Vereinbarung

 

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