Kataloge, Rezensionen

Claudia Emmert (Hg.): iRonic. Die feinsinnige Ironie der Kunst, Kerber 2011

Was ist Ironie und wie äußerst sie sich in der Kunst? — So könnte man die Leitfragen des Kataloges fassen. Den Doppeldeutigkeiten in Text und Bild hat Rowena Fuß nachgespürt.

Neben der farbenfrohen Gestaltung spielt die Publikation gern mit der Größe der Schrift, wie es bereits in der Überschrift geschehen ist. Der erste Aufsatz mit dem Titel »Die Sprache der Ironie« besitzt eine Schriftgröße, die man üblicherweise in Vorlesebüchern für Kinder findet. Dagegen sind die nachfolgenden drei Aufsätze in einer normalen Schriftgröße gesetzt. Ein Auf und Ab bietet auch der Inhalt.

Fangen wir beim Anfang an: Was ist Ironie? Die Antwort darauf versuchen gleich drei Autoren zu finden. Im ersten Aufsatz von Claudia Emmert und Isabell Schlenk-Weininger nähert man sich dem Begriff über berühmt gewordene Slogans und Aussagen. Das „Yes we can“ (2008) aus der Kampagne des damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama dient dazu genauso, wie die Aussage „Du hast keine Chance, aber nutze sie“ aus dem Film »Die Atlantikschwimmer« (1976). Beide Male geht es um ein Scheitern von Hoffnungen bzw. dem Erkennen von Ausweglosigkeit. Dies wird von den Autoren auf Protestbewegungen der 1970er bis 1990er Jahre übertragen, die Ironie als Provokation bzw. Konfrontation nutzten und mit rücksichtsloser Härte das Scheitern in und an der Gesellschaft formulierten.

Zwölf Künstler aus acht Nationen wurden gebeten, mit ihren Werken am Diskurs zur Positionsbestimmung von Ironie teilzunehmen. Bei der Kunst ergibt sich nun, dass mit der Ironie im Kunstwerk der Betrachter als Komplize gewonnen wird. Der Künstler solidarisiert sich mit dem Betrachter.

Wie ist nun das Verhältnis von Kunst, Künstler und Betrachter genau bestellt? Darauf versucht der zweite Aufsatz von Claudia Emmert eine Antwort. Demnach begründet sich Ironie auf ein kollektives Gedächtnis, das von Archetypen der Psychologie bis zum Weltkulturerbe reicht. Auch die Kunst besitzt einen großen Raum. Ganz oben steht hier die Mona Lisa, der etwas Doppeldeutiges in ihr Lächeln gelegt wird. Ist die Mona Lisa ein ironisches Bild, nur weil niemand weiß, was es mit ihrem Lächeln auf sich hat, wer die Gioconda ist? Der Antwort wird ausgewichen. Statt dessen widmet man sich Duchamps Verfremdung der Unbekannten durch einen Schnurrbart. So etwas geschieht auch häufig mit Personen auf Wahlplakaten. Allgemein bringt man damit zum Ausdruck, dass die Person eine Witzfigur ist. Ironie paart sich also auch mit einem bestimmten Humor. Sie wirkt, so Emmert, wie eine Katharsis, die vom hohen Ernst einer Sache befreit.

Doch wie kann Ironie in der Kunst entschlüsselt werden? Laut der Autorin nur, wenn Kontext und Erwartungshaltung klar definiert sind. Ein Zitat von Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer über das absurde Theater macht klar, dass der Weg über die Absurdität des Gezeigten führt. Frei nach Hildesheimer vertritt der ironische Künstler die Ansicht, »dass noch kein Kampf der Welt je in der Kunst ausgefochten worden ist, dass die Kunst noch keinen Menschen geläutert und keinen Zustand verbessert hat«. — Wenn das nicht absurd und ironisch zugleich ist.

Ironie in der Kunst äußert sich also darin, dass etwas als absurd erkannt wird und man nach einem Sinn sucht. „Man“ ist dabei der Betrachter. Um diesem etwas als absurd vorzuführen, gibt es unterschiedliche Strategien, die im Aufsatz von Susanne Witzgall behandelt werden. Da haben wir die ironische Verfremdung, das ironische Anzitieren von berühmten Vorbildern und die ironische Metapher. Sie dienen allesamt der Demontage von Ikonen der modernen Kunst. Somit wird der Widerspruch zwischen anspruchsvollen Ideen und der Realität ertragbar. Als letzte Folge begegnet die Kunst mit ironischen Strategien unverrückbaren Normen und Werten mit Skepsis und stellt sie zur Diskussion.

Als Höhepunkt des Ganzen kann der letzte Aufsatz von Ironimus Übelmann alias Prof. Dr. Jens Kulenkampff betrachtet werden. Das »[…] interdisziplinäre Forschungsprojekt mit Vergangenheit und Zukunft« wollte die Begriffe „Kunst“, „Ironie“ und „feinsinnig“ klären. Die Pointe: Das langwierige Durchwühlen von unzähligen Textcorpora zum Ironie-Begriff misslang, der Terminus klärte sich aber schnell beim Espresso. Demnach ist Ironie, kurz und knapp, paradoxale Seriosität. „Feinsinnig“ klärte sich noch schneller mit einem Blick in den Duden.

Der Kunst-Begriff gestaltete sich als ungleich schwieriger. Ein Algorithmus schuf hier Abhilfe. Also: »Kunst ist, was Kunst kann. Was Kunst kann, ist das, was Künstler tun. Was Künstler tun, gehört zu Kunstwelt. Die Kunstwelt lässt sich operational als endliche Liste von bestimmten Ereignissen und Institutionen definieren«. Letztlich hat es Hegel wohl einfacher ausgedrückt: Das Bestreben der Kunst bestehe darin, einen geistigen Gehalt in einem sinnlichen Medium zu verwirklichen. „Geistiger Gehalt“ entspricht der Idee (bei Hegel: Die Welt als Ganzes). Da jeder Mensch teil an der Welt und somit den Ideen hat, kann also (theoretisch) jeder, das, was Kunst ist, begreifen.

Insgesamt muss das Buch selbst mit einem Augenzwinkern betrachtet werden. Als Einstieg für die Beschäftigung mit ironischer Kunst mag es gelten, ich kann es allerdings nur mit gemischten Gefühlen empfehlen.