Ausstellungsbesprechungen

Claus Bury – Maßstabssprünge. Neues Museum Nürnberg, bis 13. Juni 2010

Der 1946 geborene Claus Bury gehört zu den beeindruckendsten Bildhauern, die wir haben. Das allein wäre schon aller Ehren wert, ihn in einem – innen wie außen so wunderbar zu bespielendem – Museum zu zeigen wie im Neuen Museum in Nürnberg. Dazu kommt noch sein atemberaubendes Entwicklungspotenzial: Größer kann man sich eine Spannweite nicht vorstellen als die zwischen den Schmuckstücken des gelernten Goldschmieds und den Architekturplastiken, die im öffentlichen Raum kaum zu übersehen sind.

In Zeiten, wo dreiviertelsgebildete Gralshüter bei Wikipedia mit saufdummen Kunstnamen wie »Weißbier« tatsächlich keinen Unterschied zwischen Kleinplastiken und Großplastiken wahrnehmen können oder wollen, wo selbst die Fellbacher Triennale für Kleinplastik zumindest 2007 in Definitionsprobleme geriet (in Kürze werden wir sehen, wie sich die im kleinen Format genügende Skulptur in der elften Auflage darzustellen weiß), ist es notwendig, auf die Dimension klar zu verweisen. Mit einigem Recht nannte Bury seine Ausstellung denn auch »Maßstabssprünge«.

Burys Facettenreichtum ist faszinierend: Für gewöhnlich kennt man wohl seine raumfüllenden Plastiken, die sich mit wuchtiger Ästhetik zur Architektur aufwerfen. Berühmt ist sein »Bitterfelder Bogen«, der mit seinen 80 auf 30 Meter zu den größten Außenraumskulpturen gehört, dem allenfalls noch Per Kirkeby nahe kommt. Weniger bekannt sind dagegen seine Schmuckkreationen der 1960er und 1970er Jahre. Damals mauserte sich der junge Schmuckdesigner bereits zum Bildhauer, denn was er unter Einbeziehung von Acrylglas und ungewöhnlichen Legierungen schuf, war nicht Schmuck allein, sondern die Erfindung einer eigenen plastischen Sprache, die sich im Relief oder als skulpturale Form mit Fläche und Raum auseinandersetzte. Dass diese Aufgabe im Großen ganz anders anzugehen ist, sieht man bestens im Vergleich des Unvergleichlichen, wozu die Nürnberger Schau einlädt: hier die Schmuckskizzen und die Schmuck-, um nicht zu sagen Metallobjekte (Anhänger, Armreife, Broschen, Gürtelschließen, Ringe, Ziernadeln), dort Plastiken, die als architektonische Modelle deutbar sind (von Bodenreliefs bis zur Hochhauslandschaft), da überraschende Fotografien von Bauernhäusern und kultivierten Feldern, dort Zeichnungen, und zwischendrin – und auch auf dem Platz vor dem Museum – ausgewachsene Architekturskulpturen. Der gemeinsame Nenner ist dem Titel einer monumentalen Arbeit entlehnt: Gewächshaus für Gedanken – im kleinen Format im Sinne eines gedeihenden Ideenkomplexes, im großen Format als regelrechtes Haus für den kreativen menschlichen Geist. Das eine Kunstwerk kann man (theoretisch) an den Finger stecken, das andere lässt sich begehen. Im gesamten Œuvre bezieht Bury im übrigen die Umgebung bzw. Funktion mit ein: den Schmuck gestaltete er im Hinblick auf den Körper, die Großplastik entsteht im Hinblick auf die topographischen Gegebenheiten, so etwa bei der draußen stehenden »Raststätte Nürnberg«, die formal nicht nur spielerisch, ja ironisch mit der Fassade des Museums umgeht, sondern auch mit der angrenzenden Stadtmauer.

Der schöne, von Bury selbst konzipierte Katalog informiert über die vor allem kleineren, farbig inszenierten Exponate hinaus auch über das Bury'sche Werk im öffentlichen Raum zwischen Sidney und New York – womit man die Bedeutung des Künstlers auch über die temporäre, innerstädtische Situation hinaus erfassen kann. Für den flüchtigen Blick bietet das Haus ein kleines Begleitheft an.

Weitere Informationen für Schnellentschlossene

Öffnungszeiten
Di-Fr 10-20 Uhr
Sa und So 10-18 Uhr

Katalog
Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag für moderne Kunst erschienen.