Buchrezensionen

Claus Grimm: Das Rätsel der »Kunst« ist gelöst. Ein neuer Blick auf die Kunstgeschichte, Novum Verlag 2016

Auf eine mehr als 200 Jahre zählende Geschichte kann die Kunstgeschichte als institutionelle Wissenschaft bisher zurückblicken. Aber was ist eigentlich genau ihr Forschungsobjekt? Was ist Kunst denn nun und was bedeutet ihre Rolle für die Wissenschaft, die sich mit ihr beschäftigt? Claus Grimm

Die Welt der Kunst und der Kunstgeschichte steckt voller Geheimnisse. Das Größte dabei ist wahrscheinlich schon im Namen selbst, bzw. im Begriff Kunst verborgen – denn: Was ist »Kunst«, ab wann ist etwas Kunst und wie definiert man Kunst? Kann es dafür eine Antwort geben, und wenn ja: Möchte man diese wirklich wissen? Der Kunsthistoriker und Kultursoziologe Claus Grimm behauptet nicht nur im Titel seiner neuen Publikation mutig: »Das Rätsel der Kunst ist gelöst«, sondern schickt auf dem Rücken des Schriftwerkes gleich noch die Warnung hinterher: »Dieses Buch könnte ihre Ansichten über Kunst und Kunstgeschichte für immer verändern«.

Grimms Suche nach einem neuen Erklärungsrahmen für das, was bisher als Kunst oder eigenständige Kunstgeschichte bezeichnet wurde, begann bereits während seiner Studienzeit. Zwar erkannte er, laut eigener Aussage, schon damals das historisch Unleugbare und Eindeutige, welches die Kunst wie eine Aura umgab, jedoch fehlten ihm die passenden Begriffe, um die Materie wirklich (er)fassen zu können. Schließlich erschien ihm die Hinnahme einer eigenmächtigen Kunst-Dynamik nicht länger akzeptabel. Ähnlich einem Kriminalisten fing er an die bisher bekannten Aussagen, Befunde und Indizien der Kunstgeschichte auf ihre Plausibilität zu prüfen, die Fakten herauszuarbeiten, bisher außer Acht Gelassenes miteinzubeziehen, um so aus der neu entstandenen Sachlage seine Hypothesen und Erkenntnisse zu formen.

Was in der Theorie einfach klingt, dauerte in der Praxis aber fast fünfzig Jahre. Bis über das Ende seiner Berufstätigkeit hinaus suchte Grimm, der ehemalige Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, nach passenden Synonymen, die seine Beurteilungen und Forschungen greifbar und formulierbar machen sollten. Seine Schlussfolgerung: Kunst, sogenannte Kunst-Werke und Kunst-Geschichte, so wie sie traditionell bei uns verstanden werden, nämlich als eigene Ausdrucksformen, hat es nie gegeben.

Unweigerlich drängt sich dabei die Frage in den Vordergrund: Wenn es sich bei diesen Kunst-Gegenständen aber nicht um Kunst in unserem Sinne handelt, was sind sie dann? Auch hierzu liefert Grimm die passende Antwort: Es handelt sich dabei lediglich um die Darstellungen geistiger Inhalte in verschiedenen Kulturen und Epochen. Die Werke der Vergangenheit sind demzufolge nicht als Kunst für eine ästhetische Betrachtung zu verstehen, sondern vielmehr kann das Wort »Kunst« in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten etwas ganz Unterschiedliches bedeuten. Infolgedessen lässt sich auch eine eigenständige Geschichte der Kunst nicht nachweisen.

Den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels fand Grimm versteckt in der Umbruchszeit des 18. Jahrhunderts: Mit dem kritischen Denken und Wahrnehmen der Aufklärung entstand nämlich unsere bis heute gültige Vorstellung von Kunst als nicht mehr rein anschauliches Gestalten, sondern als eine universale und selbständige Kommunikationsform, welche eine zeitlose Wirkung und eigenständige Geschichte besitzt. Das Wort bezeichnete also nicht mehr nur Wissen und Können, sondern vielmehr ein utopisches Gebilde mit einem eigengesetzlichen Streben nach Qualitäten wie anschaulicher Schönheit und Wahrheit. Obwohl seitdem zweieinhalb Jahrhunderte historischer Forschung stetig mit einer neuen Ausdruckssuche beschäftigt waren, gelang es bis dato nicht verbindlich festzulegen, was Kunst genau ist, warum und wie sie entstand ist und welche Objekte dieser Qualität endgültig zuzuordnen sind.

Heutzutage mehren sich in den Reihen der Kunsthistoriker/innen die Stimmen, welche die Kategorie Kunst als abgrenzbaren Handlungsbereich in Frage stellen und damit eine autonome Geschichte der Kunst bezweifeln. Denn: Eine Wissenschaft ohne geklärten Untersuchungsgegenstand ist fragwürdig, zudem würde eine solche Eigengesetzlichkeit kultureller Mentalität und schöpferischer Motivation dem sonstigen eher methodischen Verstehen menschlicher Handlungen und aller neuerer Kulturtheorie widersprechen – das fand auch Claus Grimm und nahm die Witterung auf.

Wer den schweren Band zur Hand nimmt, und aufgrund des freundlich gestalteten Umschlages auf flott zu lesende Einblicke und Erkenntnisserweiterungen hofft, der wird bei diesem Buch aber leider enttäuscht werden. Denn ähnlich Panninis Architektur-Capriccio, welches auf dem Umschlag abgebildet ist, baut Grimm in dieser Publikation, auch inhaltlich, ein sehr dicht gezimmertes Text-Bauwerk mit unzähligen Querverstrebungen. Zwar versucht der Autor schon ab dem einleitenden Vorspann seinen Leser/innen eine Fährte zum schrittweisen Abwenden von der einen Kunst zu legen, leicht zu verfolgen sind diese Spuren jedoch nicht immer. Ins Stocken gerät der Lesefluss zusätzlich durch den Verzicht auf Fußnoten, wodurch Literaturangaben einfach an die im Text eingebundenen Zitate und Querverweise angehängt wurden.

Dennoch: Äußerst geschickt verbindet der über die Grenzen Deutschlands bekannte Autor die auf den Seiten behandelten Kunstwerke bzw. Gestaltungsleistungen der Künstler zu einem Lehrkabinett früherer Weltbilder. Zeitgenössische Bilderbuchvorstellungen versucht er durch abstrakte Begriffe und rationale Erklärungen abzulösen, und so dem/der Leser/in ein tieferes Verständnis der Gestaltungstraditionen in Vergangenheit und Gegenwart zu eröffnen. Vielleicht für besonders eilige Kunsthistoriker/innen wurden den einzelnen Über- und Unterkapiteln jeweils optisch hervorgehobene kurze Einleitungen vorangestellt, welche in den darauffolgenden Texten breitere Ausführungen erfahren. Zwischendurch werden wichtige Thesen oder Argumente sogar noch einmal visuell hervorgehoben, fast so, als wolle Grimm mit dem Finger abermals auf die extrem wichtige Bedeutung des eben Gelesenen verweisen. Lobenswert muss auch darauf hingewiesen werden, dass die langen Erläuterungen zu den Abbildungen bei der Textgestaltung immer auf der gleichen Seite wie das zugehörige Kunst-Objekt zu finden sind, und nicht, wie in anderen Publikationen, zum ständigen (lästigen) Hin- und Herblättern nötigen.

Unbestreitbar liefert der Autor mit diesem Werk einen wichtigen Beitrag zum Verständnis unserer Kultur und dem Begriff der Kunst – so zeugt etwa auch das über 50 (!) Seiten lange Literaturverzeichnis von Grimms akribischer Suche nach des Rätsels Lösung. Wahrlich scheint das Geheimnis um die eingewurzelten Begriffe wie Kunst und Kunstgeschichte gelöst, und auch die als Kunst beanspruchten und im Buch erwähnten Gegenstände wurden von Grimm wieder in ihre historische Wirklichkeit zurückversetzt. Bleibt am Schluss nur noch die Frage, ob man beim Betrachten eines Gemäldes von Caravaggio oder einer Plastik von Michelangelo wirklich an deren Kontext in der Geschichte und ihre dadurch bedingte Erscheinungsform nachdenken will, oder sich lieber ganz der Magie dieser Kunst-Werke hingibt und vielleicht allein durch sie die Präsenz des Göttlichen erahnt?!