Ausstellungsbesprechungen

CoBrA International – Momente einer Utopie, Sammlung Hurrle Durbach, Museum für aktuelle Kunst, bis 6. Januar 2013

Im November 1948 trafen sich zwei Dänen, drei Holländer und zwei Belgier in einem Pariser Café. Aus diesem Zusammentreffen ging die Künstlergruppe CoBrA hervor, die für wenige Jahre die Kunstszene Mitteleuropas in Aufruhr versetzte, nur um nach ihrem Ende beinah wieder in Vergessenheit zu geraten. Dem wirkt jetzt die umfangreiche und einmalige Ausstellung der Sammlung Hurrle Durbach entgegen, von der Günter Baumann begeistert war.

Man muss sich den Zustand Mitteleuropas Ende der 1940er Jahre vorstellen: Eine Welt lag in Trümmern. Was die Kunst angeht, mussten die Künstler erst einmal Anschluss finden an eine Tradition, die auch in den von den Deutschen besetzten Ländern durchbrochen war. Dies war freilich in Deutschland ungleich schwerer als in den Nachbarländern – die Strukturen waren hier erst mühsam aufzubauen, Willi Baumeister und andere übernahmen die Kärrnerarbeit. Kaum denkbar wäre hier eine regelrechte Gruppenbildung gewesen. Da war es aber auch in anderen Ländern eine Herausforderung, zumal im internationalen Kontext: Es dürfte daher damals einmalig gewesen sein, dass sich Künstler aus Dänemark, Belgien und den Niederlanden zusammentun, um nichts weniger zu machen, als Europa neu zu definieren mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Die Dänen Asger Jorn und Carl-Henning Pedersen, die Holländer Karel Appel, Corneille und Constant Nieuwenhuys sowie Joseph Noiret und Christian Dotremont aus Belgien gründeten 1948 die Gruppe, nebenbei bemerkt in Paris, die nach den Anfangsbuchstaben ihrer kulturellen Hauptstädte benannt wurde: Co(penhagen)Br(üssel)A(msterdam) – CoBrA, wobei die Assoziation mit der gefährlichen (oder besser: aggressiv-angriffslustigen) Schlange durchaus gewollt war. Keine Gründungsmitglieder, aber wichtige CoBrA-Aktivisten sind Lucebert und Pierre Alechinsky, und als eine Art »Special Guest« tritt bei späteren Ausstellungen der Informelle Karl Otto Götz auf – neben dem weniger geläufigen Heinz Trökes der wichtigste »Import« aus Deutschland. Von den Ausstellungen dieser Gruppe, die nach nur wenigen Jahren 1951 unterging, zogen sich Spuren über die Grenzen. Nicht von ungefähr nannte sich eine Münchner Gruppe aus den 1950ern »Spur«, mit deutlichen Anspielungen auf die Nordwest-Connection. Die feste Einbindung von Götz macht deutlich, dass das Informel wichtige Impulse aus Amsterdam & Co. bekam.

Der Sammler Rüdiger Hurrle aus Durbach hat die Gruppe in ihrer ganzen Tragweite erkannt und mit Nachdruck in sein Haus (besser gesagt: ins Tagungshotel) geholt. So kann er aktuell eine dicht gehängte Übersichtsschau zeigen, die gewinnt durch das Engagement und die profunden Dokumentations- und Archivmaterialien des Kurators Axel Heil. Über 150 Exponate lassen kaum Wünsche offen (die Hälfte etwa aus dem Sammlungsbestand), zumal wenn man bedenkt, dass die Gruppe selbst in den Niederlanden nicht allzu viel Präsenz hat, vom CoBrA-Museum in Amstelveen mal abgesehen, von wo manche Leihgabe stammt. Selbst für Kenner der Benelux- und südskandinavischen Kunstszene sind von den rund 30 vertretenen Namen nicht mehr alle bekannt – in ihren Glanzzeiten standen der Gruppe 50, fast ausschließlich männliche Künstler aus einem Dutzend Länder nahe. Rühmliche Ausnahme im Männerclub ist etwa Sonja Ferlov-Mancoba, eine dänische Bildhauerin, die hierzulande leider viel zu wenig bekannt ist. Zwischen Surrealismus und Art brut, zwischen kindlicher Spontaneität und Volksmagie sind hier also alle Positionen vertreten, die man sich denken kann. Eine größere – und bessere – Präsentation der utopistischen, kindlich ungestümen und experimentierfreudigen Bewegung dürfte es in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben haben.

Es mag zu weit gehen, wenn man den Utopie-Gehalt der länderübergreifenden Nachkriegsgruppe auf aktuelle Erneuerungsbestrebungen im erstarrungsbedrohten Europa unserer Tage überträgt. Aber es liegt schon ein Bedürfnis in der Luft, wenn man zur Zeit die Retro-Veranstaltungen in der Kunstszene betrachtet, als wolle man ausloten, ob denn nun die figurativ-realistische oder die abstrakt-expressive Richtung weiterführt. CoBrA hat das Zeug für beide, zumindest die vorwiegend neoexpressive, meist provisorische, aber sowohl figurative wie ungegenständliche Tendenz. Das grandios gelungene Konzept der Hurrle-Ausstellung singt auch – ohne Gruppenbindung – ein Loblied des Herkommens und verweist auf die lebendige Weiterführung der Idee in die Gegenwart hinein. Selbst durch die Verbindung von Kunst, Dichtung und Ethnologie könnte die heutige Kunstlandschaft einen frischen Wind verspüren, der ja eine Zeitlang ohnehin im Raum stand. Der Grundsatz war erstaunlich simpel: Über alle Widrigkeiten und Grenzen hinweg miteinander zu reden. Die CoBrA-Leute taten dies teilweise bis zur physischen Überlastung. Größter Triumph war die Schau im Stedelijk Museum 1949, ein Meilenstein in der jüngeren Kunstgeschichte. Die Ausstellung in Durbach macht den »Moment einer Utopie« und eine grundsätzliche Aufbruchsstimmung sichtbar: mit einem atemberaubenden Einfallsreichtum und einer chaotischen Farbigkeit, die die Welt mit Kinderaugen und jenseits allen grauen Alltags sehen lässt.