Ausstellungsbesprechungen

Computer Grrrls, Hartware MedienKunstVerein Dortmund, bis 24. Februar 2019

Schon der Name der Ausstellung erinnert an die feministische Subkultur-Bewegung „Riot Grrrl“, die in den 1990er-Jahren in den USA entstanden ist. Das kommt sicherlich nicht von ungefähr. Denn auch die Ausstellung im Dortmunder U präsentiert ausschließlich Arbeiten von Künstlerinnen, die ihren Blick auf eine eher männlich dominierte Tech-Szene formulieren. Susanne Braun hat eine über weite Strecken sehr humorvolle Aus-stellung erlebt, die ganz unterschiedlichen Positionen Raum gibt.

Mit ihren aufgeblasenen Körpern ragen sie fast bis zur Decke, die beiden ballonartigen Figuren aus Plastik. Die Designerin und Wissenschaftlerin Simone C. Niquille hat die Herstellung der männlichen Figuren bei zwei unterschiedlichen Firmen in Auftrag gege-ben. Beiden hat sie denselben Datensatz zur Verfügung gestellt, doch das Endergebnis ist nicht identisch. Entstanden sind zwei, in den Details sogar recht unterschiedliche, aufblasbare Körper aus Plastik. „Die Künstlerin möchte damit darauf aufmerksam ma-chen, wie unterschiedlich ein und derselbe Datensatz interpretiert werden kann“, erklärt Kuratorin Dr. Inke Arns beim Rundgang durch die Ausstellung.

Nicht weit davon entfernt läuft die 4-Kanal-Videoinstallation „I’m here to learn so :)))))“ von Zach Blas und Jemima Wyman. Zu sehen ist der Avatar des Chat-Bots „Tay“. Diese künstliche Intelligenz war im Jahr 2016 ein Experiment von Microsoft, an das hohe Er-wartungen geknüpft waren. „Tay“ sollte sich automatisiert mit Menschen auf Twitter un-terhalten und sogar selbst Profile erstellen und authentisch darüber kommunizieren. Doch nach nur sechzehn Stunden musste „Tay“ wieder vom Netz genommen werden. Die KI war von Trollen mit rassistischen, sexistischen und homophoben Äußerungen gefüttert und innerhalb kürzester Zeit zu einem handfesten Extremisten trainiert worden. Zach Blas und Jemima Wyman lassen „Tay“ in ihrem Video mit pixelig-entstelltem Ge-sicht und blecherner Stimme wiederauferstehen. Als der nur noch entfernt an eine Frau erinnernde Avatar den Song „Rhythm of the Night“ von Corona anstimmt, scheint der One-Hit-Wonder-Song auch der künstlichen Intelligenz „Tay“ dieses Prädikat aufzudrü-cken.

In Sichtweite des entstellten Porträts von „Tay“ ist das HD-Video „Body Scan“ von Erica Scourti zu sehen. Hier sind zum Beispiel weibliche Lippen zu sehen, die offensichtlich zu unterschiedlichen Personen gehören und vollkommen isoliert vom Rest des Körpers gezeigt werden. Die Künstlerin hat ihren Körper mit einem Smartphone fotografiert und die Bilder dann von Suchmaschinen und Apps mit ähnlichen Bildern verknüpfen lassen. Im direkten Vergleich zu den anderen verlieren auch die am perfektesten modellierten Körperteile jeden persönlichen Charakter. Sie werden austauschbar und gehen in der Masse der Ähnlichkeiten unter.

Mit den Anfängen der Computerindustrie beschäftigt sich Nadja Buttendorf in der Y-ouTube-Serie „Robotron - A Tech Opera“ über den VEB Robotron. Nadja Buttendorf er-zählt vom Arbeiten, Leben und Lieben mit und in dem ehemals volkseigenen Betrieb „Robotron“, dem größten Computerhersteller der ehemaligen DDR. Im Stil einer Seifen-oper berichtet sie mit viel Humor, wie die Mitarbeiter im Schichtbetrieb gearbeitet und zum Beispiel einen IBM-Computer, der damals als der leistungsfähigste galt, einfach kopiert haben. Buttendorfs Eltern haben beim „VEB Robotron“ gearbeitet und sie nimmt deren Liebesgeschichte und Trennung als Ausgangspunkt für ihre Geschichte über die ersten Computer, die in der DDR hergestellt worden sind. Der Refrain eines Rap-Songs - „Ro-botron - das kommt davon“ -, der zu Beginn jeder Episode gespielt wird, wirkt wie ein Hinweis auf die unausweichliche Schicksalhaftigkeit der dargestellten Ereignisse.

Zu den Anfängen der elektronischen Musik begleitet Darsha Hewitt die Besucher mit der hinter Glas ausgestellten „Side Man 5000“. 1959 von der Wurlitzer Company gebaut, ist sie die erste Drum-Machine der Welt. In mehreren Videos erklärt Hewitt, wie sie die Ma-schine in einem Hamburger Keller gefunden, wieder flottgemacht und mit den Funktio-nen experimentiert hat. Die Erklär-Videos tauchen tief in die Technik der Maschine ein und machen Lust zum Basteln. Damit knüpft Hewitt auch an die Selbstermächtigungs- und DIY-Kultur der Riot Grrrl-Bewegung an. Protagonistinnen wie Bikini Kill, Bratmobile, L7 oder in der Folge auch Beth Ditto konnten sich einen Platz in der bis in die 1990er-Jahre noch weitestgehend männlich dominierten Musikszene erkämpfen.

Einen kritischen Blick auf das Genre des Video-Tutorials und auf digitale Anwendungen generell zeigt Elisabeth Caravella in „Howto“. Unsicher navigiert sich die Protagonistin im Video durch eine Art Bildbearbeitungsprogramm. Es bieten sich ihr dermaßen viele Ge-staltungsmöglichkeiten, dass sie schon wieder den Überblick verliert und ganz willkürli-che Entscheidungen trifft. Zu ihrer Überforderung gesellt sich irgendwann auch noch ein Bug in Gestalt eines körperlos umherschwirrenden weißen Überwurfs, der an ein Gespenst erinnert. Letztlich gelingt es dem Tutorial nur, zu vermitteln, wie die Probandin an dem Computerprogramm scheitert.

Ebenso kritisch setzt sich Tabita Rezaire in dem HD-Video „Premium Connect“ mit sozia-len Netzwerken und der Digitalisierung auseinander. Die Afrikanerin empfindet die dort stattfindende Kommunikation als extrem unbefriedigend. Sie rät dazu, eher auf traditio-nell afrikanische Modelle zurückzugreifen. Ihrer Meinung nach kann ein Gefühl von Verbundenheit eher entstehen, wenn Afrikaner sich auf althergebrachte spirituelle Mo-delle verlassen. Ausführlich erklärt sie unter Hinzuziehung von Experten, dass afrikani-sche Spiritualität zum Beispiel sogar ähnlich binäre Strukturen aufweist wie die Digitali-tät. Deswegen ist die afrikanische Tradition aus ihrer Sicht mindestens als Vorläufer, wenn nicht sogar als praxistauglicheres Original dieser Technik zu verstehen.

Das Virtual-Reality-Set „Neurospeculative Afrofeminism“ von Hyphen-Labs stellt Mög-lichkeiten bereit, mit denen Menschen sich vor Diskriminierungen schützen können. Da-zu gehört ein Schal, der eine Gesichtserkennung unmöglich machen soll, oder Ohrringe, die die Umgebung der Trägerin filmen und bei Übergriffen wie Blackboxes fungieren können. Das Set ist für dunkelhäutige Menschen entwickelt worden. Tatsächlich ist die Diskriminierung von Schwarzen auch in der digitalen Sphäre Realität. Die Mathematike-rin Cathy O’Neill beschreibt in ihrem Buch Angriff der Algorithmen, dass beispielsweise Systeme, die die Kreditwürdigkeit einer Person einschätzen sollen, oft sogar ungewollt die Denkmuster der analogen Welt reproduzieren. In vielen Fällen haben die Entwickler sogar eigentlich beabsichtigt, ein besonders neutrales und diskriminierungsfreies Analy-setool bereitzustellen. Doch es lässt sich in bestimmten Fällen nachweisen, dass trotz-dem direkt oder indirekt Faktoren für die Bewertung ausschlaggebend sind, die sich als diskriminierend bezeichnen lassen müssen.

Auf die Prozesse, die für die meisten Nutzer digitaler Anwendungen unsichtbar ablau-fen, weist auch Manetta Berends mit „Grrrrrrrrrrrls, A Sticky Algo-Vocabulary for Techn-ofeminist Writing“ hin. Mit Hilfe ihres Aufklebersets werden Begriffe sichtbar, die etwa für die Algorithmen von Suchmaschinen relevant sind. Anhand dieser Begriffe kann die Suchmaschine die für den Nutzer sichtbaren Ergebnisse aus der Masse an Informatio-nen filtern. Berends möchte so zu einer Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Suchanfragen einladen.

Die Ausstellung „Computer Grrrls“ hat ihre Stärken und Schwächen. Manche Exponate scheinen letztlich doch etwas zu einseitig geraten zu sein. Dennoch ist die Ausstellung sehr zu empfehlen, da sie einen umfassenden Einblick in die Computergeschichte und aktuelle Probleme gewährt. Und sie zeigt, dass Frauen im Bereich Mathematik und Technik die Entwicklungen immer schon zum Teil maßgeblich geprägt haben, auch wenn sie dabei für die Öffentlichkeit meist unsichtbar geblieben sind.