Ausstellungsbesprechungen

Connected by Art. Zeitgenössische Kunst aus dem Ostseeraum, Staatliches Museum Schwerin, bis 16. September 2012

In Kassel findet die »documenta« statt, in Schwerin »Connected by Art«; ist die »documenta« global orientiert und präsentiert aktuelle Kunst aus buchstäblich aller Welt, so ist »Connected by art« doch immerhin dem Ostseeraum und damit einer ganzen Vielzahl sehr verschiedener Kulturen verpflichtet. Stefan Diebitz hat sich die anregende und vielseitige Schau angesehen.

Ostseeraum kann mitunter ein recht weitläufiger Begriff sein – manch Erdkundelehrer wird wohl kritisch die Stirn runzeln, wenn in Schwerin selbst Island und Grönland dazu gezählt werden. Nicht einmal Norwegen grenzt doch an die Ostsee! Und wenn die russische Position von einer Moskauerin vertreten wird, dann ist die Ostsee ebenso weit weg wie für Island. Aber wen schert das? »Connected by Art«, eine Ausstellung des Staatlichen Museums Schwerin in Verbindung mit dem Ozeaneum in Stralsund, will keine Grenzen setzen, sondern sucht Gemeinsamkeiten auf – meistens in spielerischer, gelegentlich auch in ernsthafter Weise mit Installationen und Videos.

Ein Beispiel für Humor ist die dänische Videokünstlerin Lilibeth Cuenca Rasmussen mit ihrer Installation »Absolute exotic«, in der sie ihre Doppel-Identität als Tochter einer dänisch-philippinischen Verbindung mit einem Rap vorführt, bei dem die üblichen Machoallüren dieses Genres umgedreht werden: es ist kein Gangsta, der von zwei hübschen Mädchen begleitet wird, sondern sie selbst rappt, während zwei Tänzer um sie herumhüpfen. Daneben steht eine kunterbunte Bühne, die ein wenig ans Kasperletheater erinnert und mit ihrem Pappmaché die Klischees in schönster Weise ein weiteres Mal karikiert.

Ganz anders wieder die fünf Diptychen Sven Johnes, eines auf Rügen geborenen deutschen Künstlers, der die vor Peenemünde gelegene Insel Oie in Vinta umbenannte und dort fünf Schicksale in je zwei Fotos mit einem knapp gehaltenen sachlichen Text dokumentiert. Das linke Foto ist das Porträt eines Mannes, das rechte deutet seinen gescheiterten Lebenstraum an. Diese Arbeit wurde in der Einführung als »fiktionaler Realismus« bezeichnet, aber fiktiv ist an ihr eigentlich nicht viel, denn lediglich der Name des Inselchens stimmt nicht länger mit der Wirklichkeit überein. So wird etwa das Porträt des großen Filmregisseurs Fritz Lang mit dem Bild einer Rakete zusammen gezeigt, weil Lang auf Oie »Frau im Mond« 1929 als einen der letzten deutschen Stummfilme realisiert und dort unter anderem mit gigantischen Mengen Sand gearbeitet hatte, welche die tote Mondlandschaft darstellen sollten. Und gleich daneben das Foto Wernher von Brauns mit seinem Raketenprojekt. Dieser Herr scheiterte in Peenemünde aber nur vorläufig, denn irgendwie schoss er ja doch noch sein Projektil in den Mond und fand dann – zu seiner Überraschung? – eine Landschaft wie auf Oie vor. Johne zielt, wenn er das Scheitern von Brauns anspricht, wohl auch eher auf seinen charakterlosen Opportunismus: sein Wirken auf Oie war ein menschliches Desaster.

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Spaßig wiederum »Vom Kindergarten auf die Barrikaden!« der jüngsten Teilnehmerin, der aus Moskau stammenden Anastasia Ryabova, die kunterbuntes Plastikspielzeug umfunktioniert hat; drückt man einen Knopf, verkünden die merkwürdigen Geräte Parolen, die, geht es nach der traditionellen Kindergartenpädagogik, im Kindergarten absolut nichts zu suchen haben, weil sie zu Ungehorsam aller Art aufstacheln. Wie uns der Katalog verrät, strebt Ryabovas Kunst danach, »selbst politisch zu sein, das heißt, das Leben der Leute durch alltägliche Praktiken zu beeinflussen«. Nur eine Seite später allerdings wird schon wieder eine flotte Kehrwendung vollzogen: »Es ist unmöglich zu sagen, ob Ryabovas Spielzeuge praktische Anwendung finden werden; das ist jedoch nicht so wichtig, da die Kunst außerhalb der praktischen Logik existiert«.

Etwas ernsthafter suchen der Isländer Unnar Örn Auðarson mit seinen alten Fotos oder das litauische Künstlerpaar Nomeda und Gediminas Urbonas mit ihrer Installation eine solche praktische Verbindung der Kunst mit der sozialen und ökonomischen Realität. Die Installation erinnert im ersten Augenblick an ein Mobile, denn verschiedene Kästen scheinen an Fäden zu hängen, aber tatsächlich steht die ganze Anlage sicher und unbeweglich auf dem Boden. Sie dokumentiert mit Videofilmen den Versuch der Künstler, in den Schären vor dem finnischen Turku die Herstellung von Schafskäse erneut einzuführen. »Die Künstler«, heißt es im Katalog, »organisierten einen Workshop, in dem ansässige Schaffarmer in die Grundregeln der Käseherstellung eingeführt wurden und Rezepte für eine Vielfalt milder Schafskäsesorten erhielten«. Dieses Projekt wurde verknüpft mit der Wiederbelebung der Weltkriegsbunker, die zuvor sinnlos auf den Schären herumstanden und in denen nun, was gewiss viel sinnvoller ist, der Camembert reift.

Verknüpft werden in Schwerin nicht allein die Kulturen verschiedener Länder, sondern auch Wissenschaft und Kunst; besonders deshalb ist die Zusammenarbeit mit dem Ozeanum in Stralsund wichtig, und so firmiert ein Teil der Ausstellung unter dem Titel »Art and Science Lab«. Udo Ratke hat eine Videoinstallation »Flut« aufgebaut und in seinem Video die verschiedensten Video- und Fotoschnippsel stark verfremdet und dann neu montiert. »Unter Wahrung ihrer visuellen Autonomie verbinden, verdichten und intensivieren sich die acht unterschiedlich konzipierten moving paintings unter dem sie verbindenden Titel Flut. In ihrem vernetzten Zusammenspiel eröffnen sie komplexe Denk- und Kontemplationsräume«.

Die Ausstellung interessiert sich auch für die viel beredete Bedeutung von bildgebenden Verfahren und ihre Suggestivkraft. In seinem Katalogbeitrag erinnert Andreas Tanschus an den Stralsunder Hermann Burmeister, einen bedeutenden Biologen des 19. Jahrhunderts, nicht an Ernst Haeckel, dessen manchmal fast unwirklich schöne Bilder von seiner künstlerischen Begabung, nicht unbedingt aber von seiner wissenschaftlichen Redlichkeit kündeten und die Fragwürdigkeit von Bildern für die Wissenschaft veranschaulichen. Tanschus stellt seine kritischen Fragen allein zu dem künstlerischen Wert dieser akkuraten Zeichnungen nach der Natur: »Welche Kriterien helfen uns bei der Beurteilung? Gibt es überhaupt welche? Kommt es auf das Objekt an oder auf die Art und Weise der Darstellung? Sind Stil und Technik ausschlaggebend? Stehen Wahrnehmung, Vorstellungskraft, Intuition, Fertigkeit, Wissen und Kreativität nicht gleichermaßen als Eigenschaften für Künstler und Wissenschaftler? Ist nicht die Natur selbst die größte Künstlerin, und das schon seit Ewigkeiten?« Wie man sieht, schreckt diese Ausstellung auch nicht vor sehr weit und tief schürfenden Fragen zurück.