Ausstellungsbesprechungen

Conrad Felixmüller – Zwischen Kunst und Politik, Museum Gunzenhauser, Chemnitz, bis 7. April 2013

Conrad Felixmüller (1897-1977) war ein ostdeutscher Maler und Grafiker, der nicht so recht ins Bild passen wollte – den Nazis passte er nicht und der DDR-Obrigkeit auch nicht. Selbst heute ignoriert man ihn im Ausstellungsreigen zur DDR-Kunst in Erfurt, Weimar und Gera. Die Chemnitzer Kunstsammlungen schaffen jedoch Abhilfe. Rowena Fuß hat die sehenswerte Ausstellung besucht.

»Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: / Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern / des wütenden Geschicks erdulden oder, / sich waffnend gegen eine See von Plagen, / durch Widerstand sie enden?«, überlegte Shakespeares Hamlet. Doch nicht nur er, auch bei Conrad Felixmüller könnte man solcherlei Gedanken vermuten. Das Dresdner Wunderkind, das bereits mit 15 Jahren in die Malklasse von Carl Bantzer an der Königlichen Kunstakademie eintrat, ab 1915 als freischaffender Künstler tätig war und gleich in den renommierten Galerien Sturm und Gurlitt in Berlin ausstellte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der ostdeutschen Kulturpolitik nur wenig geschätzt – man könnte auch sagen: ignoriert. Denn bedauerlicherweise ließen sich seine realistischen Bilder aus der Arbeiterwelt nicht für eine sozialistische Propaganda nutzen.

Für das Bildnis eines Maschinisten in der Brikettfabrik Neukirchen-Wyhrda, wählte er 1951 beispielsweise einen einfachen, engen Bildausschnitt: Im Vordergrund der von der Hüfte aufwärts abgebildete Arbeiter, der sich an ein Geländer lehnt; hinter ihm blickt man auf die riesigen Maschinen in der Werkhalle. Vorder- und Hintergrund sind wie zwei Ebenen hintereinander gelegt: Der Arbeiter scheint Teil der Halle zu sein und auch wieder nicht. Aus den vorherrschenden dunkelblauen Tönen hebt sich besonders sein markantes helles Gesicht hervor: Der Arbeiter ist einfach nur Part des maschinellen Makrokosmos – nicht etwa ein Kapitalismusopfer oder gar ein medaillenverdächtiger Held der Arbeit.

Einen ebenso wenig spektakulären Blick wählte Felixmüller im selben Jahr auch für drei Bilder aus einem Kohlenwerk. Sie zeigen die Öfen vor den Feuerungen und Arbeiter an der Brikettpresse bzw. auf dem Kohlenbunker. Blaue, graue, grüne und braune Farbtöne spiegeln die dreckige, nüchterne aber auch natürliche Atmosphäre dieses Arbeitsortes wider.

Felixmüllers Spagat zwischen Staat, offizieller Politik und persönlicher Überzeugung bildet den Hintergrund für die Ausstellung. Sie ist in fünf Kapitel unterteilt, die in 200 Werken die wesentlichen inhaltlichen Aspekte seines Schaffens vorstellen: Familie, Lebensstationen, Freunde, Arbeitswelten und Felixmüller in der DDR. Inhaltlich liegt der Fokus auf dem späteren künstlerischen Schaffen, das erstmals explizit thematisiert wird. Bereits 1937 von den Nazis als „entarteter“ Künstler gebrandmarkt, werden Felixmüllers eingereichte Arbeiten für die Deutsche Kunstausstellung in Dresden 1953 ebenso abgelehnt wie diejenigen für die Leipziger Bezirkskunstausstellung im folgenden Jahr.

Ideologien liegen ihm fern. 1961 unterbindet er ein Buchprojekt im Verlag der Kunst wegen zu starker inhaltlicher Eingriffe seitens des Lektors. Am Herzen liegen ihm die Familie und seine Freunde sowie Bekannte zu denen Größen wie Max Liebermann, Raoul Hausmann oder Lovis Corinth zählen. Es finden sich zahlreiche Bilder seiner Söhne Titus und Luca in der Schau: Flöte spielend, aus dem Fenster schauend oder eine Apfelsine schälend. Ebenso finden sich liebevolle Bildnisse seiner Frau Londa: als Halbakt oder mit ihrem Mann tanzend. Des Weiteren erblickt man Grafiken und Gemälde seiner Förderer Maria von Haugk-Crusius und Hanns-Conon von der Gabelentz. Schon in den 1920er Jahren hatte letzter Felixmüller immer wieder protegiert, ihm von 1933 bis 1945 sogar Porträtaufträge verschafft, damit er sich über Wasser halten konnte. Und auch in der Zeit der DDR bemühte sich von der Gabelentz, mittlerweile Leiter des Lindenau-Museums in Altenburg, um Ausstellungen für seinen Künstlerfreund.

Sein Auskommen fand Felixmüller bis zu seiner Emeritierung als Zeichenlehrer an der Universität Halle. Ein Selbstbildnis von 1960 zeigt ihn umringt von seinen Studenten im Atelier, denen er – ganz Hamlet – anhand eines Totenschädels die Physiognomie des menschlichen Kopfes erklärt.

Immerhin war dem Shakespearschen Protagonisten der Nachruhm sicher. Was Felixmüller angeht, gilt dies wenigstens für seinen Beitrag im »Netzwerk der Moderne«. Ob er auch darüber hinaus Gültigkeit besitzt, wird sich zeigen. Den Besuch der Ausstellung kann ich jedoch nur absolut empfehlen! Gleiches gilt für den Katalog. In substanziellen Beiträgen und vielen hochwertigen Abbildungen haben die Chemnitzer Kunstsammlungen dem Spätwerk des Künstlers ein Denkmal gesetzt.