Ausstellungsbesprechungen

Constantin Luser – Seismograd, Kunstsammlung im Stadtmuseum Jena, bis 6. März 2011

Constantin Lusers grafische Arbeiten sind „Gewächse“, die schon einmal den ganzen Raum einnehmen können. Sie zu beschreiben fällt schwer, da sie aus Worten, Chiffren, Symbolen, abstrakten und figurativen Elementen versehene Systeme darstellen. Am ehesten sind sie mit Weltkarten zu vergleichen. Rowena Fuß hat trotzdem versucht, sich zurechtzufinden.

Der Titel der Ausstellung »Seismograd« gibt bereits einen ersten Hinweis auf die Arbeiten. Ähnlich wie in der Seismik macht Constantin Luser Bewegungen mittels seines Fineliners auf dem jeweiligen Malgrund grafisch sichtbar. Die dabei entstehenden Linien und Wellen finden ihr Pendant in der Musik bzw. in Instrumenten, die gestalterisch bearbeitet werden. So kann man beispielsweise einen »Vibrosaurus« (allerdings nur im Modell) betrachten. Luser hat hier Trompeten in Form eines Brachiosaurus (?) gebogen. Der Clou bei der Riesen-Variante, die während der Aktion »Urschrei im Katerloch« 2008 Verwendung fand, ist, dass man an den jeweiligen Füßen die Mundstücke der Blechbläser findet und selbst zum Musiker werden kann.

Etwas verspielter ist das »Rotationsquintett«. Hier hat Luser ein drehbares Kinderkarussell entworfen, an dessen vertikale Verstrebungen Hörner und Trompeten gewickelt wurden, die verschiedene Töne erzeugen — vom tiefen dröhnenden Ton eines Nebelhorns bis zu einem hellen, klaren Laut. Passend dazu hängen im Raum nebenan zwei an den Stegen verflochtene Gitarren. Um diese gleichzeitig zu spielen, müsste man allerdings akrobatisches Können an den Tag legen.

Ebenfalls zum Mitmachen lädt der »Trommeliglu« ein. Höhlenartig sind hier viele Tamburine mit Kabelbinder fixiert worden. Zusätzlich findet man im Innern weitere Trommeln, mit denen man Krach machen kann.

Als Ende (oder Anfang) des Rundgangs stößt man anschließend auf die »Conversationscollagen«. Am Türrahmen liest sich die Erklärung dazu: »Die Collagen bestehen jeweils aus 40 Einzelteilen, die der 8. Ausgabe von Meyers Lexikon entnommen sind«. Neben den diversen Seitenzahlen, von denen die Lehrzeichnungen stammen, wurden bei einer Arbeit u.a. ein Pinguin, ein spätmittelalterlicher Gelehrter im Profil, eine Zeichnung zu einem Automobil nebst Motor, eine Brücke und ein Dachdecker bei der Arbeit aufgeklebt.

Wie das Titelblatt der ersten Ausgabe des Lexikons davon kündete, das der Ausgabe »die Bildnisse der bedeutendsten Menschen aller Zeiten, die Ansichten der merkwürdigsten Orte, die Pläne der größten Städte, einhundert Karten für alte und neue Erdbeschreibung, für Statistik, Geschichte und Religion usw. und viele tausend Abbildungen naturgeschichtlicher und gewerblicher Gegenstände« beigegeben wurden, so blieb die 8. Auflage durch den 2. Weltkrieg unvollendet. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass auch Lusers Darstellungen der Welt noch nicht erschöpft sind.

Verpassen Sie daher auch nicht das Werbevideo für ein Reisebüro im zweiten Raum gegenüber der Tür: Ein fliegender Gandhi, Wolkenkratzer, die aus einer Baustelle erwachsen und vieles mehr erwarten Sie!