Buchrezensionen, Rezensionen

Cornel Wachter (Hg.): „Ich fand Kunst doof und gemein“. Mein erstes Kunsterlebnis, E. A. Seemann Verlag 2012

Wie kommt man zur Kunst? Cornel Wachter ging dieser Frage nach. Anfangs im Rahmen eines Museumsprojektes des Wallraf-Richartz-Museums Köln — 4 Jahre später in einer Buchpublikation des E.A. Seemann Verlags. Yi-Ji Lu hat sich das Buch für Sie angesehen.

Es begann mit einer interaktiven Installation, die der Bildhauer und Maler Cornel Wachter sowie der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums Andreas Blühm mit der Intention aufbauten, den Besucher stärker in den Museumsbetrieb zu involvieren. Eine stählerne Drehtür vor einem ausgestellten Munch sollte — gemäß Wachters Anspruch von Kunst — Irritation auslösen. Es war dem Besucher überlassen, ob er einfach drum herum geht, um sich das Munch-Gemälde anzusehen, oder sich in einem daneben stehenden Büchlein verewigt. Letztere Handlung hieß sodann, zu einem Teil der Installation zu werden und einen Beitrag zur Kunst zu leisten.

Später erwuchs daraus die Idee, an Größen des Kultur- und Kunstbetriebes heranzutreten. Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Film- und Theaterregisseure, aber auch Kuratoren, Musiker, Moderatoren, Kunstexperten und Journalisten wurden die Fragen gestellt: Wann haben Sie das erste Mal bewusst Kunst erlebt? Und: War das eine Begegnung die Einfluss auf Ihr weiteres leben hatte? Eine Auswahl der Antworten, die Wachter in Briefform erhielt, hat er in einem Buch unter dem provokanten Titel »Ich fand Kunst doof und gemein« zusammengefasst. Ihnen vorangestellt ist ein Interview mit Wachter und Blühm.

Die Befragten, überwiegend Prominente, erzählen von ihren ersten Kunsterfahrungen, von Museumsbesuchen, Vernissagen oder eindrucksvoller Performance-Kunst, wie der Beitrag des Kunsthistorikers Robert Fleck. Er schildert eine Aktion in den 1960er Jahren — Künstler, die sich tagelang eingemauerten, die Wände einschlugen, ein Lamm schlachteten und es gleichzeitig als Materialspender und Ausstellungsobjekt verwendeten.

Einige Beiträge bieten Einblicke in Werdegang und künstlerische Positionierung der Künstler (Bildhauer Klaus Heuser), geben die damaligen kulturellen und politischen Kontexte der 50er und 60er Jahre wieder (u.a. Dietmar Schneider und Walter Vitt) oder sind schlichtweg nur poetisch, wie Christoph Geisers Erinnerung an die Betrachtung von Edward Munchs »Der Schrei«: »In Oslo kam ich zum Stillstand [...]. Vor einem Bild. Ich bin heimgekehrt, aber nicht in mein Studium zurückgekehrt, sondern zum Schriftsteller geworden. Weil Der Schrei – der Natur aller Bilder gemäß – stumm ist«.

Von einigen Beiträgen hätte man mehr erwartet und wird enttäuscht. So bei Dirk Bach. Er bekundet, kein Schreiber zu sein und auch kein wirkliches Kunsterlebnis gehabt zu haben, weil Happenings und Ausstellungskataloge für ihn die ersten Kunsterfahrungen gewesen seien.

In einem Mix aus Profanem, Banalem, Esprit und Witz blicken Prominente zurück und erzählen über ihre ersten Erfahrungen mit Kunst. Rundum bietet das Buch einen interessanten und lesenswerten Querschnitt durch die deutsche Kunst-, Kultur und Intellektuellenlandschaft.