Ausstellungsbesprechungen

Cranach der Ältere

Rund um die Welt waren Städel-Direktor Max Hollein und Kurator Bodo Brinkmann gereist, um Museums- und Sammlungsleute von Darmstadt bis Mexiko, von Kassel bis New York und von Kronberg bis Kromìøíž zur Leihgeberschaft zu bewegen. »Sensationell«, so Hollein, sollte diese »außergewöhnliche Ausstellung« werden, mit der man nichts Geringeres im Sinn hatte als das Beste vom Besten.

Man wollte nämlich, so wieder Hollein, »die Meisterwerke Cranachs versammeln«.

 

Also exponierten sich bei der Pressevorbesichtigung am 21.11.2007 über hundert Gemälde des Luther-Weggefährten Cranach an auberginefarbener Wand in edel-dezentem Goldlicht. Wer dann durch die stillen Säle ging und die wie auf dunklem Samt ausgebreiteten »Schmuckstücke« (Hollein) besah, dem wurd’ ganz feierlich zumute. Und das erhebende Gefühl, etwas ganz Erlesenes bestaunen zu dürfen, blieb und währte durch alle Räume hindurch; auch da noch, wo all die berühmten Cranach-Akte sind. Wo die keusche Lucretia neben der koketten Venus sich den Dolch ans Herz setzt: aus lauter Scham über ihre verlorene Unschuld. Doch diese Geste sei nichts als mythologische Verbrämung, meinte Hollein im »Sonntagsgespräch« (HR, 24.11.2007): »Im Grunde geht’s um die Brüste.«

 

Wahrscheinlich aber artikulierte sich in dieser Sicht der heiklen Dinge nicht so sehr das Wahrnehmungsinteresse des Kunstbegeisterten als vielmehr das des Museumsdirektors Hollein, der ja vor allem die Werbetrommel zu rühren hat. Jedenfalls befand er sich mit seiner vielleicht doch etwas grobschlächtigen Deutung auf einem Kurs mit der massenmedialen PR-Strategie. 

 

Schon ein paar Tage vor der Ausstellungseröffnung hatte die »Bild«-Zeitung eine Cranach-Serie über die »Sensations-Ausstellung im Städel über den ersten Nackt-Maler« gebracht. HR-online titelte: »Der Maler der ersten Pin-ups«, und Tina Mendelsohn hauchte in »Kulturzeit« (3sat, 21.11.2007) viel versprechend: »Die Pornografie ist nach Frankfurt gekommen. Ins Städel-Museum. Die Pornografie der Renaissance. Wer sie gemalt hat …? … Schalten Sie morgen ein!«

 

Nun muss, wer sich einen derart dubiosen Ruf eingehandelt hat, sich auch die Frage nach dem eigenen Anteil daran gefallen lassen. Hätten denn die quantitätsdurstigen Marketingleute überhaupt ohne jede Referenz auf seiten des Objekts (der Nackten des alten Meisters) auf die grandiose »Sex sells«-Idee verfallen können? Oder geradeheraus gefragt: Hat Cranach nun pornografisch gemalt oder nicht? Befriedigt das Betrachten der reizenden Weibchen - ggf. auch Männchen -, die dem lustwilligen Auge ihr Delikatestes preisgeben, nur unsere höheren Bedürfnisse oder doch vielleicht nicht auch ein bisschen unsere niederen Instinkte?

 

Bemerkenswerterweise hatte noch der Katalog zur Städel-Ausstellung »nackt!« (2003/04), die »Primitivität« (Sabine Heiser, S. 65ff.) der Cranach-Akte pointiert und in diesem Charakteristikum ihre spezielle Attraktivität für den entsublimierenden Antiklassizismus etwa Ernst Ludwig Kirchners erkannt, der seinen »Akt mit Hut« als Wiederaufnahme der Cranachschen Städel-»Venus« verstanden wissen wollte. Die Kunstgeschichte entdeckt heutzutage (o. g. Katalog »nackt!«, Barbara Nierhoff, S. 178) in Kirchners Aktporträt seiner Lebensgefährtin Dodo einen »Abgesang an bürgerliche Sexualmoral« und ein »Sinnbild der neuen sexuellen Frau«. - Selbst auf diese Weise ragt das Schaffen Cranachs in die Gegenwart hinein.

 

Jedoch seien bereits, so Max Hollein im o. g. »Sonntagsgespräch«, die puppenhaften »mageren Figürchen« (Berthold Hinz) Cranachs, die sich ihrer drastischen Nacktheit anscheinend nicht im mindesten schämen, von eminenter Modernität; denn dieses Schönheitsideal sei »etwas, was wir eins zu eins in die heutige Zeit übersetzen können«.

- Sofern denn eine Kunstausstellung auch bezweckt, den Besucher zur Reflexion über seine eigene (ästhetische) Erfahrungswelt zu bewegen, liefern die nackten Schönen Cranachs - im Kontext ihrer Rezeption zumal - sogar in dieser Hinsicht ausgezeichnete Stimuli.

 

Dass man sich dieser Angelegenheit auch in subtil-akademischer Manier nähern kann, dokumentiert der Katalogbeitrag von Elke Anna Werner (»Die Schleier der Venus. Zu einer Metapher des Sehens bei Lucas Cranach d. Ä.«), in dem die Autorin Folgendes zu bedenken gibt: »Im Lineament des Schleiers, dessen grafische Qualität gegen die feinmalerische, Räumlichkeit fingierende Darstellung des Frauenkörpers gesetzt ist und damit in deutlichem Kontrast zur fiktionalen Erscheinung der Figur steht, tritt das Wesen des Bildes als Artefakt umso deutlicher hervor. Cranachs Spiel mit den Kategorien von Realität und Fiktion ist dabei mehrschichtig: Das reale Bild imaginiert mit den Mitteln der Malerei das Idealbild einer weiblichen Aktfigur, deren so lebendige Erscheinung jedoch durch den Schleier, der sich deutlich als von Künstlerhand, mit Pinsel und Farbe geschaffenes Accessoire präsentiert, konterkariert wird. Die zeichnerisch-abstrakten Linien des Schleiers enthüllen die Fiktionalität des Bildes und verweisen darauf, dass Venus nur in der Malerei präsent ist.« (S. 107)

 

So hatten wir das bisher noch nie gesehen, wenn wir auf oder durch die Cranachschen Schleier blinzelten, mit denen der Meister in erster Linie das Delta der Venus mit unglaublicher Kunstfertigkeit zu akzentuieren pflegte. - Generell bieten die Essays des Katalogs gediegenen Lesestoff. Mit Dieter Koepplin (über die frühprotestantische Theologie der »Caritas«), Werner Schade (über niederländische Einflüsse) und Andreas Tacke (über Cranachs Sakralkunst im Zeitalter der Glaubensspaltung) wurden unangefochtene Koryphäen der Cranach-Forschung gewonnen. Und der Einführungsaufsatz von Bodo Brinkmann gibt auch dem mit dem Ausstellungsthema nicht so Vertrauten in schöner Darstellungsknappheit und souveräner Eleganz einen sehr guten Überblick über das notwendig zu Wissende.

 

Einmal sei er, erzählte Brinkmann am 21.11., auf einer seiner vielen Vorbereitungstouren auf ein völlig unbekanntes Landschaftsbild Cranachs gestoßen. »Und man kommt in so eine Sammlung und sieht diese Landschaft und sagt: ›Die will ich haben.‹ ... Man verliebt sich sozusagen sofort in diese Landschaft.« In diesem Moment konnte der Zuhörerschaft aufgehen, dass diese Edel-Ausstellung, was immer auch PR-Leute und PR-begierige Sponsoren sonst verkünden mögen, in allererster Linie dem Enthusiasmus des Kurators erwachsen war. Und weil das neu entdeckte Landschaftsgemälde nicht recht in eine bestimmte Abteilung passen wollte, machte man es kurzerhand zum »Programmbild« und gab ihm die Ausstellungs- und Katalognummer 1. 

 

Bei der Strukturgebung der Gemäldepräsentation, die sich im Aufbau des Katalogs wieder findet, entschied man sich für einen Kompromiss aus chronologischer und thematischer Ausrichtung. 

 

Zuerst sieht man die frühen ingeniösen Werke aus der Wiener Zeit (»Sturm und Drang«) um 1500; dann folgt man den Spuren des hoch angesehenen und geschäftstüchtigen Wittenberger Hofmalers und Propagandisten der lutherischen Reform, begegnet in einem kapellenartigen Separée dem Maler bedeutender Sakralkunst (so der Karlsruher Madonna voll stiller Anmut und mütterlicher Schönheit vor weiter Landschaft), der auch weiterhin Aufträge von katholischer Seite durchaus nicht ablehnte, und darf schließlich die ungeheuerliche Kunst des Porträtisten bewundernd studieren. Die Bildnisse Cranachs stehen denen des Zeitgenossen Dürer gewiss in nichts nach, sondern übertreffen sie bisweilen sogar an psychologisierender Authentizität. Am Ende eben die Nackten (s. o.).  

 

Die Ausstellung wandert 2008 (8.3.-8.6.) nach London zur Royal Academy of Arts. Sie erfüllt fraglos allerhöchste Ansprüche, was die Akkumulation exquisiter Stücke anlangt; und man sollte, da ja die kunstkulinarische Absicht von den Ausstellungsmachern überhaupt nicht in Abrede gestellt wurde, nun nicht unbedingt museumsdidaktische Defizite ins Feld führen. Das Schöne bildet von sich selbst.

 

Nur sollte man auch wieder nicht, von lauter Augenlust geblendet, übersehen, dass vor dem alerten Gespann Brinkmann/Hollein auch andere Leute sich um die Kunst Cranachs verdient gemacht haben. - Weil sie erst vor kurzem stattfand, sei stellvertretend an die Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz erinnert, die 2005/06 mit dem Dresdner Cranach-Bestand den weltweit umfangreichsten präsentierte. Der Chemnitzer Katalog ist derzeit noch erhältlich und ist in optischer - besonders aber in wissenschaftlicher - Hinsicht mindestens so empfehlenswert wie der Frankfurter.