Ausstellungsbesprechungen

cremers haufen. alltag, prozesse, handlungen: kunst der 60er jahre und heute

Mit einem unappetitlichen Ausstellungstitel macht bis 31, Mai 2004 das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf sich aufmerksam: "cremers haufen". Mit dem Titel wird auf den Sammler Siegfried Cremer verwiesen, der in den 1950er Jahren im münsterschen Haus zum Restaurator ausgebildet wurde und seit den späten 60er Jahren Kunst gesammelt, quasi angehäuft hat.

Der gebürtige Westfale hat im Laufe der Jahrzehnte eine Sammlung von Fluxus- und Gegenwartskunst zusammengetragen, deren Einmaligkeit nicht in der hohen Anzahl an Meisterwerken besteht, sondern in der Fülle an provozierenden Künstlern.

 

An erster Stelle ist der Hamburger Künstler Dieter Roth zu nennen, der als ehemaliger Nachbar von Cremer dessen Sammelleidenschaft gefördert hat. Alleine 46 Objekte der nun dem Landesmuseum in Münster überlassenen Kollektion stammen aus Roths Werkstatt. Siegfried Cremer schaffte es über die Jahre hinweg eine Sammlung aufzubauen, die klaren Richtlinien folgt. Alle Arbeiten thematisieren das Alltagsleben in seiner Prozesshaftigkeit und untersuchen mögliche Handlungsweisen. Daher lag es für Maïté Vissault, Kuratorin der Ausstellung, nahe, diese Aspekte im Titel der Ausstellung zu berücksichtigen. Ob es sich um die Arbeiten von Dennis Adams, Lars Arrhenius, Joseph Beuys oder Mark Boyle handelt - sie alle dokumentieren in bemerkenswerter Weise den Lauf der Dinge. Die Exponate aus Cremers Haufen wurden für die Präsentation unter anderem um Stücke aus der Sammlung des Landesmuseums und des Dortmunder Museums am Ostwall, die ebenfalls einen Teil der Cremerschen Sammlung erhalten haben, ergänzt. So ist etwa auch Fischli & Weiß' Videoarbeit „Der Lauf der Zeit“ von 1987 zu sehen.

 

Maïté Vissault stellt, um Zusammenhänge überdeutlich zu machen, oft Kunstwerke gegenüber. Der Besucher wird gleichsam didaktisch an die Hand genommen. Kendell Geers stellt sich beispielsweise in „Self Portrait“ als zerbrochene Bierflasche dar. Dabei verweist der lädierte Flaschenhals auf die Grausamkeit in der Welt und den Umgang mit Geschichte. Heineken-Bier, in Holland gebraut, versteht der weiße Südafrikaner Geers als Synonym für die einstigen Imperialisten. Die zerbrochene Flasche ist also nicht, wie man meinen könnte, als Sinnbild für den gebrochenen Menschen zu verstehen, sondern als Waffe und den einstigen Gewaltimport durch die Niederländer nach Afrika. Dieter Roth hingegen, dessen Bild dem von Geers gegenüber gestellt ist, referiert mit seiner Vogelfutterbüste die Prozesshaftigkeit von Kunst. Das verrottende Material hat das Selbstporträt des Künstlers im Laufe der Zeit stark altern lassen. Heute wirkt es auf den Betrachter eher abstoßend.

 

Eine weitere Arbeit von Kendell Geers, die zwischen 1999 und 2002 entstandene Installation „Fingered“, besteht aus verschiedenen Trinkgläsern. Durch Kriminaltechnik wurden die Fingerabdrücke von Benutzern aus der Kunstwelt sichtbar gemacht. Die Namen der jeweiligen Künstler und Kuratoren ließ Geers mit einem goldenen Schriftzug auf den Gläsern verewigen. So wird der Benutzer zur Ikone stilisiert und zugleich zum Spekulationsobjekt, die Kunst tritt in den Hintergrund. Die ansonsten oft beim Betrachter Aufmerksamkeit erregenden Arbeiten von Kendell Geers werden heute mit einer ähnlich großen Aufmerksamkeit wahrgenommen wie einst die blauen Werke von Yves Klein. Wenngleich dessen Intention eine andere war, vermag sein Bild „IKB 216“ aus dem Jahre 1957 längst keinen Skandal mehr hervorzurufen. Eher ist der Betrachter geneigt, das monochrome Bild still auf sich wirken zu lassen.

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Die, zumindest zu ihrer Entstehungszeit, provokanten und eindringlichen Arbeiten von Cremers Haufen so gebündelt betrachten zu können, ist eine wahre Freude. Eindrucksvoll ist vor allem der Spannungsbogen zwischen den Kunstwerken aus den 60-er Jahren und der Kunst der Gegenwart. Diese Sammlung wird den Betrachtern auf lange Sicht Freude bereiten und den Restauratoren viel Arbeit. Denn intensivster Pflege bedürfen die teilweise aus vergänglichen Materialien gefertigten Objekte von Joseph Beuys, Marcel Duchamp, François Dufrêne, Robert Filliou, Raymond Hains und Daniel Spoerri.

 

Der stellvertretende Direktor des Westfälischen Landesmuseums, Erich Franz, bezeichnete den erneuten Wechsel der Sammlung nach Münster als Kalkül, das Cremer bewusst in Betracht gezogen hätte, um den Stellenwert zu steigern. Auf den Standort Münster war Siegfried Cremer aufmerksam geworden, als der jetzt scheidende Museumsdirektor Klaus Bußmann Anfang der 70er Jahre einige Werke aus Cremers Haufen als Dauerleihgabe ausstellen wollte. Stattdessen erhielt er die ganze Sammlung. Anlässlich der Wiedereröffnung der Hamburger Kunsthalle wanderte Cremers Bestand 1993 für gut 10 Jahre in Norden.

 

Jetzt wurde die Sammlung in eine Stiftung überführt und soll endgültig in Münster verbleiben. Mit dieser Entscheidung wurde ein deutliches Signal in Richtung Klaus Bußmann gesetzt, ein klares Zeichen des Vertrauens und der Sympathie. Der nicht immer bequeme, aber wohl gerade dadurch erfolgreiche Direktor, der gerne noch einige Jahre das Landesmuseum geleitet hätte, wird Mitte des Jahres aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

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Öffnungszeiten:

Dienstag - Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr