Buchrezensionen

D’Aprile, Iwan-Michelangelo: Die schöne Republik. Ästhetische Moderne in Berlin im ausgehenden 18. Jahrhundert, Niemeyer Verlag, Tübingen 2006.

Seit je lebt der philosophische Diskurs übers Ästhetische vom Spannungsverhältnis der Kunst zu ihrem Widerpart: der Natur.

Die Frage, inwieweit diese der gestaltenden Schaffenskraft (Techne/Ars) des Menschen entweder normatives Vorbild oder aber die Gegenwelt sei, die es im kreativ-technischen Akt zu überwinden und zu übersteigen gilt, hat auch die aktuelle philosophische Debatte über das »Natürliche« in seinem Widerspiel zum »Künstlerischen« oder »Künstlichen« keineswegs entscheiden können.

Beispielhaft exponiert eine jüngst erschienene Publikation des Düsseldorfer Philosophen Dieter Birnbacher (»Natürlichkeit«, de Gruyter, Berlin - New York 2006) die prekäre Situation des Natürlichen. Sie versteht die von der europäischen Aufklärung postulierte Vervollkommnungsfähigkeit dahingehend, dass sämtliche Manipulationen am Körper (wie beispielsweise Schönheitschirurgie) deshalb nicht der Natur des Menschen widersprächen, weil sie nun einmal für solche technizistischen Überschreitungen offen sei. Diese Argumentation sieht sich in der Tradition der Aufklärung in dem Sinne, dass das »Prinzip der perfectibilité« (S. 99) allen menschlichen Selbstvervollkommnungskünsten keine Schranken setze.

Um menschliche Selbstvervollkommnung durch Kunst in der Spätaufklärung geht es in dem zur Besprechung vorliegenden Band des Potsdamer Kulturhistorikers D’Aprile. Es handelt sich dabei um die Druckfassung seiner Dissertation, in der er die These verficht, namhafte Ästhetiken der Zeit um 1790 in Deutschland seien dem Programm der »schönen Republik« verpflichtet gewesen: Philosophische Kunsttheorien wie vorzugsweise die Karl Philipp Moritz’, des Autors des »Anton Reiser«, hätten sich in Opposition zur Weimarer »Musenhof-Ästhetik« definiert und im städtischen Raum Berlins eine kunst- und kulturpolitische Strategie verfolgt, welche die »Partizipation möglichst aller Stadtbewohner am Schönen - und damit am Staat insgesamt« (S. 3) im Blick gehabt habe.

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Nun will es aber so scheinen, als habe es sich D’Aprile mit seiner These selbst nicht ganz leicht gemacht; denn überzeugende Illustrationen für das Vorhandensein einer »republikanischen Ästhetik« sind alles andere als reichlich vorzufinden, während andere Themen der spätaufklärerischen Kunstphilosophie (z. B. die der Autonomie des Kunstwerks oder des Status der Sinnlichkeit und des »Vergnügens am Schönen«) mit einer Gründlichkeit verhandelt werden, die nicht immer Transparenz auf die Hauptthese hin gewährt.

Als paradigmatisch werden Moritz’ Bemühungen um die Verschönerung des Alltags qua Ornamentalisierung von Gebrauchsgegenständen (»Verzierungen an Dosen, Uhrketten, Schnallen, Knöpfen und Stockknöpfen« (S. 108) etc.) herangezogen. Möglicherweise hätte D’Aprile seiner These und seinen Lesern noch besser gedient, wenn er auch die bemerkenswerten kunst- und kultursoziologischen Positionen Moritz’ eingehender gewürdigt hätte; so etwa seine Polemiken gegen die elitäre Hybris der Feudalelite (der »gesitteten Stände«), die das Potential zur schönen Vervollkommnung ausschließlich sich selbst zugestand und im großen Rest der Armen und Ungebildeten nichts als die zu eigenen Zwecken instrumentalisierbare (»nützliche«) Kalkuliermasse sah.

Gut, dass D’Aprile dann am Ende noch Wilhelm von Humboldts »ästhetisch-politische Theorie der Urbanität« (S. 197) ausführlich zur Sprache bringt. »Keiner«, so hatte Humboldt mit antielitaristisch-humanistischem Pathos geschrieben, »steht auf einer so niedrigen Stufe der Kultur, dass er zur Erreichung einer höheren unfähig wäre« (S. 191).

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Wenn man nun den Bogen zur Alltagsästhetik unserer Tage schlagen möchte, so mag man darüber streiten, ob der gegenwärtig grassierende Körperkult einen schätzenswerten Perfektibilitätsbeitrag zur Verschönerung der Republik leistet. Gewiss hingegen dürfte sein, dass die visuelle »Kultur«, die heute den »niederen Ständen« multimedial zugemutet wird, einen Wilhelm von Humboldt, der ästhetische Ausbildung für jedermann wollte, vom Glauben an den Menschheitsfortschritt abgebracht hätte.

Während so nach unten hin, sei es bedenkenlos, sei es mit Bedacht, ästhetische und ethische Verwahrlosung produziert wird, schmücken sich oben die Profiteure mit den Insignien vermeintlicher Hochkultur: Sahen wir je einen Topmanager, sofern er nicht gerade vor Gericht steht, ohne die Aureole eines Stücks schöner Kunst? - Gewiss tut man der Arbeit des Kulturwissenschaftlers D’Aprile keine Gewalt an, wenn man sie im aufklärerischen Licht solcher Fragen liest.