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Dada – Zum Geburtstag der Antikunst

In diesen Tagen kommt man wahrlich nicht am Dada vorbei: Ausstellungen, Aktionen, Bücher. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dem Namen »Dada«? Wir machen uns auf Spurensuche und stellen Ihnen in den nächsten Wochen die wichtigsten Fakten zum Kunstereignis vor.

Sophie Tauber-Arp: Composition Dada, 1920 Johannes Theodor Baargeld: Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld, 1920, Kunsthaus Zürich, Graphische Sammlung
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Zentrales Element des Dada ist natürlich die Revolution, eher noch der Protest: Die Dadaisten wandten sich unter dem Eindruck der traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs gegen die ihrer Ansicht nach korrumpierte etablierte, bürgerliche Kunst. Die Katastrophe des Krieges hatte bewiesen, dass die bis dato in sich geschlossene Kunst keineswegs dauerhaft von Bestand sein konnte. Die Protagonisten des Dada lehnten sowohl die traditionelle Form der Kunst, als auch das überkommene Gesellschaftsmodell ab. Aus diesem Kulturschock entwickelten sie etwas Neues: Sie wollten Anti-Kunst. Und die machte zunächst einmal eine totale Negation des herkömmlichen Kunstverständnisses notwendig. Nihilismus und Anarchie als Neuanfang, die Tabula Rasa der Moderne?

Vielleicht schon. In jedem Fall war Dada stets subversiv, provokant und anders als alles bisher Dagewesene. Schon allein die Namenswahl gab das Programm vor: Bis heute ist nicht ganz klar, wo die Ursprünge des Begriffs »Dada« liegen. George Grosz erzählte in seiner Autobiografie, dass Hugo Ball ein Federmesser in ein deutsch-französisches Wörterbuch gestochen und dabei das Wort dada (frz. Kindersprache für »Steckenpferd«) getroffen habe. Einer u.a. von der Kabarettistin Marietta die Monaco erzählten Geschichte zufolge, soll sie den Begriff vorgeschlagen haben. Marcel Janko dagegen mutmaßte, dass eine Seife namens »DADA« Namensgeber gewesen sei. Mit der Wahl dieses Nicht-Begriffs aber wurde das Programm vorgegeben. Die etablierte Kunst war den Dadaisten ein Gräuel und sie nahmen sie auf die Schippe, wo sie nur konnten, überhöhten sie ins Maßlose und negierten sie auf diese Art und Weise. Zugleich überwanden die ersten Dadaisten die Trennung zwischen den Künsten. Während der Abende im Cabaret Voltaire trugen Hugo Ball, Emmy Hennings und Tristan Tzara Lautgedichte und Manifeste vor, untermalten ihre Rezitationen mit Trommeln und anderen Klängen, Tanz und dramatische Szenen wurden gezeigt, und die Wände schmückten Werke von Hans Arp, Richard Huelsenbeck oder August Macke und Amedeo Clemente Modigliani.

Dada wandte sich dabei nicht nur von den gesellschaftlichen und künstlerischen Konventionen ab, sondern auch von der Rationalität an sich. In seinem Manifest zum ersten Dada-Abend am 14. Juli 1916 offenbart Hugo Ball bei aller ihm eigenen Übertreibung einen fast schon mystischen Zugang: »Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man beruehmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit. […] Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt. Dada Herr Rubiner, Dada Herr Korrodi, Dada Herr Anastasius Lilienstein.« Den Unsinn und das Irrationale erhoben die Dadaisten zum Paradigma ihrer Kunst.

Das sorgte freilich für Skandale: In den ersten Vorstellungen des Cabarets Voltaire waren die Zuschauer regelrecht gerauscht, manche entsetzt ob des Chaos der Darbietungen und des offensichtlichen Nonsens. Die Kölner Dada-Ausstellung 1920 wurde von der Polizei geschlossen. Ein festes Programm jedenfalls fehlte, den Ideologien und Inhalten andere Kunstrichtungen sprach man ab – Stilrichtungen wie der Expressionismus oder der Kubismus waren ein regelrechtes Feindbild. Stattdessen erhoben die Dadaisten den Dilettantismus ironisch zum Ideal (Max Ernst auf der Kölner Dada-Ausstellung 1920) und die künstlerische Produktion zum Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens.

Aber ... ist das alles nicht eigentlich nur ein einziger großer Witz? Sicherlich kann Dada auch so verstanden werden: Die totale Antikunst, die sich über die Kunst an sich und gar sich selbst lustig macht. Daraus zogen die Dadaisten wohl auch ihre Attraktivität, die nach wie vor eine Faszination auf Wissenschaft wie Kunst ausübt. Zugleich setzte diese Anti-Haltung neue kreative Energien frei: Die Collage erfreute sich bei den Dadaisten großer Beliebtheit, in New York entwickelte Marcel Duchamp in Bezug auf die Grundideen des Dada das Readymade und die Berliner Dadaisten die Fotomontage, die neue Bildideen erschloss. Ja, auch die Performance hat im Grunde ihren Ursprung im Jahrzehnt um 1920 und den Auftritten nicht nur im Cabaret Voltaire, sondern auch auf den Matineen in Berlin.

Heute sind die Grundideen des Dada fast schon selbstverständlich in Popkultur und (Avantgarde-) Kunst übergegangen und immer wieder beziehen sich Künstler auf die Idee der Anti-Kunst, auf den Zufall als Ideengeber für ihr künstlerisches Schaffen. Mit dem Jubiläum rückt der Avantgarde-Gedanke der Dadaisten wieder unmittelbar in unsere Wahrnehmung.