Buchrezensionen

Dagmar Fenner: Was kann und darf Kunst? Ein ethischer Grundriss, Campus 2013

Immer wieder werden im Zusammenhang mit der Kunst moralische Fragestellungen virulent – entweder sind die Künstler selbst Moralisten, die den Zeigefinger heben, oder es werden gegen provokante Installationen, Bilder oder Bücher Einwände erhoben, die ihren Honig aus der Moral saugen. Das ungeklärte Verhältnis von Kunst und Moral ist das Thema eines philosophischen Buches, das Stefan Diebitz mit wachsendem Unmut gelesen hat.

Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Autor auf die Idee kommen musste, den vielen Bindestrichethiken, die es schon gibt (Medizinethik, Sportethik und so weiter), noch eine Kunstethik hinzuzufügen. Autorin dieses Buches ist die Universitätsdozentin Dagmar Fenner, die bereits mehrere Lehrbücher der Ethik geschrieben hat. Was kann und was dürfen die Künste?, fragt sie in ihrem neuesten Buch.

Natürlich haben den Zusammenhang von Kunst und Moral schon einige große Denker seit Platon und Aristoteles gesehen, aber doch immer nur beiläufig, und die Zahl der Philosophen, die sich ganz und gar auf dieses Thema stürzten, ist verschwindend klein. Ausnahmslos gehören sie unserer Zeit an. In ihrem Buch, in dem sie alle klassischen Künste behandelt – also Literatur, bildende Kunst, Musik – stützt sich Fenner auf ihre eigenen Veröffentlichungen und eben auf die aktuelle Fachliteratur.

Einleitend schreibt Fenner in ihrem Kapitel »Schwierigkeiten mit der Gegenwartskunst« über den Konflikt zwischen dem breiten Publikum und der zeitgenössischen Kunst. Sie diagnostiziert eine »Kommunikationsstörung« und findet es nicht weiter bemerkenswert, dass aktuelle Kunst auf Widerspruch stößt: So sei es doch schon immer gewesen. Dabei hätte eine genauere Analyse erklären können, warum es eine Ethik der Kunst erst in unseren Tagen gibt. Eine Antwort oder wenigstens den Anstoß zu einer Antwort hätte Fenner in einem klassischen Werk der Kunstsoziologie finden können, in Arnold Gehlens »Zeit-Bilder«, in dem die Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst hergeleitet und begründet wird. Gehlen spricht nicht über den Zusammenhang von Moral und Kunst, aber sein Buch hilft uns zu verstehen, warum erst heute dieses Verhältnis zu einem Problem werden konnte.

Die »Zeit-Bilder« behandeln den Zusammenhang von Bild und Gegenstand und zeigen, wie sie sich im Verlauf der Kunstgeschichte voneinander trennten. »Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Wirklichkeit, die Kultur heißt, nimmt an Totalität und innerer Fülle ab, an Breite jedoch und in der Selbständigkeit der Auseinandersetzungswege, ihrer Unabhängigkeit voneinander, nimmt sie zu, eben deshalb steigt der kulturelle Stellenwert der Persönlichkeit, steigt ihre Selbstbetonung.« Dazu behandelt Gehlen den Wechsel des für die bildende Kunst bedeutenden Bezugssystems: im Mittelalter war es die Religion, die von der Natur abgelöst wurde, als sich die Kunst allmählich dem Realismus zuwandte, schließlich ist es die menschliche Subjektivität. Bereits diese nur sehr abgekürzt zitierten Einsichten Gehlens können andeuten, warum die Moral des Künstlers und der Kunst heute ein Problem sein kann, es aber in früheren Zeiten überhaupt nicht war, ja nicht einmal sein konnte. Fenners Buch sieht diesen Zusammenhang nicht einmal.

Es gliedert sich in drei Kapitel, von Einleitung und Schluss abgesehen, in denen das »Verhältnis von Ästhetik und Ethik«, die »Funktionen von Kunst« und endlich die »Konflikte in der Kunst« behandelt werden. In dem letztgenannten Kapitel werden ganz systematisch, also in großer Breite und immer schön der Reihe nach, die verschiedenen möglichen Streit- und Konfliktpunkte abgehandelt. Es geht um Lügen, Beleidigungen, Gewalt, Sexualität und so weiter. Zu jedem Punkt findet man eine Menge Literatur zitiert, so dass dieses Buch nicht zuletzt auch als Forschungsbericht gelesen werden kann.

Fortsetzung von Seite 1

Immer behält die Autorin das letzte Wort, meist, indem sie von einem Buch etwas oberlehrerhaft sagt, es stelle etwas »zu Recht« fest. Wenn sie dieses »zu Recht« festhält, dann bedeutet das aber weniger die Übereinstimmung mit ihren eigenen Überlegungen als vielmehr die Einordnung in den Mainstream. Denn den Widerspruch zu diesem vermeidet sie geradezu ängstlich, ebenso wie alle extremen Positionen. So schreibt sie, wenn sie über politisch anstößige Literatur handelt, über Peter Handkes Bücher über den Jugoslawienkrieg: »Da sich kompetente Kommentatoren über die Abwegigkeit von Handkes politischer Parteinahme einig sind, muss von einer fehlerhaften politischen Analyse des Dichters ausgegangen werden.« Die Naivität einer solchen Stellungsnahme ist entwaffnend.

An keiner Stelle wird begründet, warum die Kunst ausgenommen oder anders behandelt werden soll, wenn es um Verstöße gegen die Moral oder gegen das Gesetz geht. Das Problem ist kein ethisches, sondern eines der Zuordnung und Ausdeutung, so dass es in diesem Buch weniger um moralphilosophische Überlegungen als vielmehr um Kasuistik geht, um die Auslegung einzelner möglicher Konfliktfelder. Nur ein Beispiel!

»Ein Künstler kann aber nicht nur Darsteller oder Rezipienten durch ein aktives Produzieren von Kunstwerken schädigen, sondern indirekt auch die dargestellten Personen durch das, was er beim künstlerischen Schaffensprozess gerade nicht tut. So kann er es beim Fotografieren, Zeichnen oder Drehen eines Dokumentarfilms unterlassen, den abgebildeten Menschen zu helfen, wenn sie in Not sind.« Das nennt man unterlassene Hilfeleistung, für das es einen eigenen Paragrafen im Bürgerlichen Gesetzbuch gibt (§ 323c), und ich brauche keine Ethik, um ein solches Verhalten zu beurteilen.

So sind fast alle Einzeldiskussionen dieses Buches banal und uninteressant. Wer etwa hätte dies gedacht? »Empirische Untersuchungen legen nahe, dass ein gleichmässiges Schallfeld, konkret Musik mit geringer Lautstärke, langsamem Tempo, einfacher Harmonik und geringem Tonumfang entspannend wirkt«. Zu der Fülle von Trivialitäten kommen viel zu viele unsaubere, oft direkt fehlerhafte oder überhaupt absurde Formulierungen (»gewalttägige Frauen seien ein legitimer Weg«) und die allzugroße Ausführlichkeit der Autorin, die es nie unterlässt, auch das Selbstverständliche noch einmal zu erläutern.

»Viele Leser«, schreibt Fenner über den Umgang mit philosophischer Literatur, »scheitern bereits an der Geduld, jeden Satz zwei oder drei Mal lesen zu müssen.« Und Autoren, möchte man hinzufügen, scheitern, weil sie ihre Sätze selbst kein zweites Mal überlesen.