Buchrezensionen

Dagmar Hirschfelder: Tronie und Porträt in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, Gebr. Mann Verlag Berlin 2008

Warum haben niederländische Künstler des 17. Jahrhunderts massenweise Tronien produziert - und warum war die Nachfrage nach diesem neuartigen Bildtypus so hoch? Dagmar Hirschfelders Dissertation wirft Licht auf dieses bisher wenig beachtete Feld der niederländischen Malerei.

Das Phänomen Tronie, ein Bildtypus, der im Goldenen Zeitalter der Niederlande gedeiht, wird in den meisten Publikationen lediglich episodenhaft angerissen und als bloße Übungsmethode betrachtet, mit der sich ein Künstler physiognomische Eigenarten und sichtbare Affekte einer Figur anzueignen vermochte. Dass Tronien aber weit mehr als Studien- und Charakterköpfe sind, ja ihrerseits repräsentative Funktionen für eine spezielle Klientel einnahmen, belegt Dagmar Hirschfelder durch ihre Dissertation mit dem Titel „Tronie und Porträt in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts“. Von der bisherigen Rembrandt-Fixierung der Tronieforschung abweichend, untersucht Hirschfelder den neu in Erscheinung tretenden Bildtypus umfassend hinsichtlich seiner Kennzeichen, Funktionen und Bedeutung für Zeitgenossen, um schließlich das Verhältnis zur damaligen Porträtmalerei auszuloten – immerhin werden einzelne Tronien bisweilen noch heute irrtümlich als Porträts aufgefasst.


Ein wichtiges Untersuchungsergebnis ist zunächst, dass die Mehrzahl der Tronien für den Verkauf auf dem freien Markt bestimmt war. Nicht minder bedeutend ist die Erkenntnis, dass sie nicht von Porträtisten, sondern ausschließlich von Historien- und Genremalern geschaffen wurden. Damit kann die Annahme, dass das Malen von Tronien zur Ausbildung von Porträtspezialisten gehörte, ausgeschlossen werden. Gleichwohl sind auch Tronien nach dem lebenden Modell entstanden, isolieren aber anders als das Porträt die dargestellte Figur radikal: Knapper Bildausschnitt der Halbfigur, neutraler Hintergrund sowie ein Mangel an detailliert geschildertem Beiwerk machen den Bildtypus Tronie aus.


Rembrandt ist zweifelsohne der bedeutendste Troniemaler des 17. Jahrhunderts, als Initiator aber ermittelt Hirschfelder seinen Leidener Kollegen Jan Lievens. Der setzte in den 1620er Jahren zunehmend auf das Mittel der Reduktion: Ausgehend von seinen einfigurigen Genre- und Historienbildern, beschränkte er den Bildgegenstand nach und nach auf Kopf und Brust. Dabei orientierte er sich an flämischen Studienköpfen etwa eines Rubens oder van Dycks. Bereits in den 1620er Jahren schufen Lievens, Rembrandt und auch Frans Hals Tronien explizit für den Verkauf. Damit werteten sie einen Bildgegenstand, der bisher bloß werkvorbereitende Zwecke erfüllte oder der Übung diente, zu einem eigenständigen Kunstwerk auf.


Warum aber haben die niederländischen Künstler des 17. Jahrhunderts eine solche Fülle an Tronien produziert, und vice versa: Warum war die Nachfrage danach so hoch?


Hirschfelder weist nach, dass es sich bei Tronien nicht um religiös, literarisch oder allegorisch intendierte Bildnisse handelt, sondern dass vielmehr gerade der Verzicht auf ikonografische Festlegung ein wesentliches Charakteristikum ist. Tronien sind Fantasiebilder. Sie verkörpern abstrakte Inhalte oder fungieren als Exempla für gute wie schlechte menschliche Eigenschaften, etwa für Weisheit, Mut oder Torheit. Beeinflusst durch die spezifisch-historisierenden Tronien Rembrandts zeigen einige fiktive Herrscher, Prinzessinnen und Edelleute. Festgelegt auf eine Rolle sind diese Figuren dabei nie. Sie lassen Raum für Assoziationen und eigene Deutungen; so konnte der Besitzer einer Tronie der dargestellten Figur eine beliebige Identität zuweisen.
 

Dass sich die formal verwandten Bildtypen Tronie und Porträt wechselseitig beeinflussten, liegt auf der Hand. Konnten sich die Maler in den Tronien zunächst ausprobieren, da sich der Fokus vom Inhalt auf die Form verlagerte, übertrugen sie bald ihre neu entwickelten, virtuos-lockeren, ungewohnt individuellen und veristischen Gestaltungsprinzipien auf das konventionelle, der Mode unterworfene Porträt. So wurde der in der Tronie entwickelte Malstil zum Markenzeichen eines Künstlers, und seine Bilder wurden zum Statussymbol für ihre Besitzer.
Erstmalig hat Hirschfelder überzeugend herausgearbeitet, dass Tronien darüber hinaus einen neuen Typus des bürgerlichen Porträts inspiriert haben: das „Kostümporträt in Tronie-Manier“.
 

Es zeigt Menschen des gehobenen Bürgertums in Fantasietracht, den Kostümen der Tronien vergleichbar. Auch hier ist das Bild Statussymbol: Die originelle Kleidung verlieh dem Porträtierten die Aura zeitloser Erhabenheit; zudem war ein Kostümporträt leicht als Werk eines Historien- und Troniemalers erkennbar – der Porträtierte konnte damit also seinen besonderen Kunstgeschmack beweisen. Wie sehr sich in Kunst schließlich die Bedürfnisse einer Zeit manifestieren, wird augenfällig dadurch, dass ausschließlich das Bürgertum derartige Kostümporträts in Auftrag gab. So konnte es sich gegenüber dem erblichen Adel aufwerten und seinem Gleichrangigkeitsanspruch Ausdruck verleihen. Der neue, durch Tronien befeuerte Poträttypus ermöglichte es, „Unabhängigkeit zu demonstrieren und die bürgerliche Identität in Abgrenzung gegenüber dem Adel zu konsolidieren“, so Hirschfelder.


Als sich das Goldene Zeitalter im letzten Jahrhundertdrittel dem Ende zuneigte, ging auch die Tronieproduktion massiv zurück. Es gab immer weniger Troniemaler; der Markt für erschwingliche Gemälde brach ein. Doch vor allem war der Geschmack jetzt ein anderer. Eine neue, am antiken Ideal orientierte Kunstauffassung setzte sich gegenüber dem erfrischend frechen, schonungslosen Tronie-Realismus durch. Ihm räumt dieses Buch nun endlich den gebührenden Stellenwert ein.

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