Ausstellungsbesprechungen

Danh Vo - Ydob eht ni mraw si ti, Museum Ludwig Köln, bis 25. Oktober 2015

Über mangelnden Erfolg kann sich der Konzeptkünstler Danh Võ wahrlich nicht beklagen. Seine Werke erzielen Bestpreise, sind in Museen und Sammlungen rund um den Globus vertreten und seine Ausstellungen sorgen rege für Gesprächsstoff. Nicht anders verhält es sich mit seiner aktuellen Präsentation in Köln. Marco Hompes hat sie sich angeschaut.

In diesem Jahr feiert der neue Leiter des Museums Ludwig in Köln, Dr. Yilmaz Dziewior, seinen Einstand in der Stadt am Rhein. Dieser fällt mehr als gelungen aus, schaffte es der gebürtige Bonner doch, eine Ausstellung mit dem derzeit heiß begehrten Danh Võ zu organisieren und somit ein absolutes Highlight im Kunstkalender 2015 zu setzen.

Der in Vietnam geborene und in Dänemark aufgewachsene Künstler schuf in der Vergangenheit immer wieder Werke, die nach der Konstruktion von (nationaler) Identität und der Beschaffenheit des kulturellen Gedächtnisses fragen. Beim Lesen des Ausstellungstitels denkt man daher auch schnell an eine außereuropäische Sprache: »Danh Võ – Ydob eht ni mraw si ti«. Dabei müsste man den Satz nur einmal aus einer anderen Perspektive betrachten, in diesem Fall von hinten nach vorne, um zu sehen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen. Genau diese Erkenntnis trifft auch auf die künstlerische Intention Võs zu. Immer wieder dekonstruiert er Bekanntes und betrachtet es aus einem neuen Blickwinkel.

Deutlich wird dies beispielsweise beim Herzstück der Ausstellung. Für »We The People« ließ der Künstler die Freiheitsstatue von New York nachbilden. Nicht jedoch in verkleinertem Maßstab, sondern 1:1. Der Clou an der Arbeit ist, dass die Skulptur in über 250 Fragmente aufgeteilt ist. Während der bisher größte zusammengesetzte Teil, der 2.220 Kilo schwere Faltenwurf unter der Achsel, derzeit in Köln besichtigt werden kann, sind viele andere Teile in Sammlungen über die ganze Welt verteilt. Diese Tatsache lässt eine ganze Reihe von Interpretationen zu. Ist nicht die Verstreuung in aller Welt ein Sinnbild für die Diaspora oder für die Immigration? Oder ist das Werk viel eher ein Symbol für die Demokratie; der Volkskörper, der aus vielen einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern besteht? Wählte Võ vielleicht deshalb die ersten Worte der US-amerikanischen Verfassung als Titel? Den Besucherinnen und Besuchern steht frei, ob sie die Zerstückelung als Zerstörung oder als positiv konnotierte Auflösung verstehen. Klar ist jedenfalls, dass der Begriff der »Freiheit« nicht überall gleich verstanden wird und die Figur der Freiheitsstatue dadurch auch nicht überall den gleichen Stellenwert hat. Durch diese Herangehensweise wirft der Konzeptkünstler ein neues Licht auf ein uns bekanntes Objekt.

Licht ist übrigens ein gutes Stichwort. Denn in der Ausstellung gibt es keine künstliche Beleuchtung. Dank der raffinierten Lichtführung innerhalb des Baus vom Architekturbüro Busmann + Haberer fällt dies erst gar nicht auf. Spätestens aber in einem etwas abgelegeneren Ausstellungsraum, in dem der hölzerne Torso einer Jesusfigur durch das seitlich eintreffende Tageslicht dramatisch inszeniert wird, wird das ungewohnte Lichtverhältnis deutlich. Die etwas sakrale Wirkung, die der kopf- und armlose Körper dadurch erhält, steht im Kontrast zu dem sehr langen Namen des Werks. Hier taucht unter anderem der Ausstellungstitel auf, aber auch Sätze wie: » Stick your cock up her ass, you mother-fucking, worthless cocksucker!«. Filmkundige werden schnell erkennen, dass es sich hierbei um eine Textpassage aus dem Film »The Exorcist« handelt.

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Im gleichen Raum ist in der Fensterleibung ein Brief ausgestellt. »Letzter Brief des Heiligen Théophane Vénard an seinen Vater vor seiner Enthauptung kopiert von Phùng Võ« heißt die Arbeit. Wer nicht weiß, wer besagter Heiliger war, muss es wohl nachschlagen oder eine Führung im Museum buchen, in der er dann erfahren könnte, dass Théophane Vénard Mitte des 19. Jahrhunderts in Vietnam als Missionar tätig war, was aber zu dieser Zeit verboten war und den jungen Priester schließlich das Leben kostete. Phùng Võ ist angeblich der Vater Danh Võs. Im gleichen Ausstellungsraum, in unmittelbarer Nähe zu diesem Schreiben vom Sohn an den Vater, kopiert vom Vater für den Sohn, befindet sich eine Fotografie einer Hand. Es ist die Hand von Paul Thek, aufgenommen von Peter Hujar. Weiter befindet sich nichts im Ausstellungsraum.

So spärlich die Objekte, so facettenreich die möglichen Querverbindungen der einzelnen Teile zueinander: Die Fragmentierung des Körpers spielt bei allen dreien eine Rolle, doch auch die Religion, die Popkultur, die Familie, um nur ein paar Stickworte zu nennen, jagen durch die Köpfe der Besucherinnen und Besuchern. Etwas versteckt schwingt auch immer wieder das Thema Homosexualität mit. So waren beispielsweise Paul Thek und Peter Hujar ein Liebespaar. Danh Võ setzt in der Kölner Ausstellung seine Werke mit Arbeiten des 1987 verstorbenen US-amerikanischen Fotografen Hujar in Dialog. Dieser war u.a. bekannt für seine Aufnahmen der schwulen Subkultur der 1970er und 80er Jahre. Hierzu zählt beispielsweise auch die berühmte Aufnahme »Candy Darling on her Deathbed«, das die transsexuelle Schauspielerin sich räkelnd auf einem Krankenhausbett zeigt, und welches ebenfalls im Museum Ludwig zu sehen ist. Candy Darling spielte in einigen Filme Andy-Warhols mit und erlangte dadurch Bekanntheit.

Der Geist des berüchtigten Pop-Art Künstlers schwirrt immer wieder durch die Ausstellung in Köln. Besonders »Come to where the flavor is« aus dem Jahr 2015 mag an dessen Brillo-Boxes erinnern. Bei Võ sind es allerdings zahlreiche Pappkartons mit der Aufschrift des Zigarettenherstellers Malboro, dessen Logo jedoch mit Blattgold veredelt wurde.

Ebenfalls in goldenen Lettern wurde eine Textpassage der Gebrüder Grimm kopiert. Entlehnt dem Märchen »Aschenputtel« kann man hier lesen, wie eine der Stiefschwestern sich in der Geschichte ein Stück der Ferse abschneidet, damit ihr Fuß in den Pantoffel der Protagonistin passt. Wieder fehlt also ein Körperteil, wodurch das Leitmotiv des unvollständigen, zerstörten oder fragmentierten Körpers wieder aufgegriffen wird. Wie alle anderen Werke auch, entzieht sich auch »Pantoffel» der eindeutigen Lesbarkeit und lässt sich nicht auf den Schmerz der abgeschnittenen Ferse reduzieren. Bedeutsam ist auch hier, dass wieder Võs Vater den Text für seinen Sohn kopierte. Der Vietnamese, der möglicherweise nicht einmal Deutsch spricht, schreibt also einen Text, der tief mit der kulturellen Identität und Geschichte Deutschlands verwurzelt ist. In der heutigen globalisierten Welt und in einer Zeit, in der Bewohnerinnen und Bewohner eines Landes »ihr« Kulturgut hochhalten, um einem falschen Patriotismus zu huldigen, trifft genau diese Arbeit den Nerv der Zeit.