Buchrezensionen, Rezensionen

Daniel Arasse: Bildnisse des Teufels, hrsg. v. G.H.H., Matthes & Seitz 2012

Der Teufel, griechisch diábolos, wörtlich ›der Durcheinanderwerfer‹ im Sinne von ›Verwirrer‹ oder ›Faktenverdreher‹, scheint bereits durch seine Etymologie als ein zwielichtiges Wesen charakterisiert, das viele Gesichter hat bzw. sich gern hinter Masken versteckt. In seinem verweisreichen Essay zeichnet Daniel Arasse die Veränderungen nach, denen die Darstellung des Bösen in der Kunst unterlag. Yi-Ji Lu hat den Band gelesen.

»Le portrait du Diable« erschien erstmals 1989 als Beitrag in dem Tagungsband »Diavoli e mostri« und umfasste lediglich 43 Seiten. Der Publikationsform geschuldet wurden viele Belege gekürzt oder ganz gestrichen. 2010 gab Thomas Golsenne eine französische Neuausgabe heraus. Doch diese sei nicht konsequent genug umgesetzt, so der aktuelle Herausgeber G.H.H., über den man nichts weiter erfährt als seine Initialen. G.H.H. hat daher Arasses Originaltext posthum überarbeitet, indem er den Text mit ausführlicheren Zitaten und 25 eindrucksvollen Bildern anreicherte. Mit dem rahmenden Essay »Masken« von Georges Bataille, dem editorischen Nachwort und dem annotierten Literaturverzeichnis umfasst das Buch nunmehr 135 Seiten.

Arasse zeigt in drei Kapiteln den radikalen Wandel von Teufelsbildnissen zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert auf. Das erste Kapitel widmet sich der traditionellen Darstellungsform des Teufels als ein Hybridwesen aus mehreren Tierteilen. Eindrücklich werden anhand von Bildern Traditionslinien des klassischen Altertums nachgewiesen, aber auch der orientalischen und fernöstlichen Fantastik. Sie erfüllten eine mnemonische Funktion: Die Abbildung des Teufels diente als Mittel, mit deren Hilfe die Gläubigen an eine gottgefällige Lebensführung gemahnt werden sollten.

Über Petrarca und Spagnuoli kommt Arasse im zweiten Kapitel zu humanistischen Sichtweisen und der kirchlichen Reaktion. Das Dämonische/Teuflische wird nicht länger als ein Gegenprinzip zum Göttlichen gesehen, sondern als Teil der Menschennatur ausgelegt. Dementsprechend verlassen die Teufelsdarstellungen im 15. und 16. Jahrhundert den christlichen Kontext. Der Mahncharakter der Teufelsabbildungen weicht einer Darstellung des Bösen und einer Zeichnung des Menschen als ambivalentes Wesen, das sich zwischen gut und böse entscheiden muss.

Das dritte Kapitel geht den vermenschlichten Teufeln nach. Anhand von Bildern Leonardo da Vincis und Raffaels wird beispielsweise das Thema Versuchung behandelt. Gleichsam stellt Arasse eindrücklich dar, wie die Lehren der Physiognomie Eingang in die Kunst fanden. Deformierte Gesichter wurden auf menschliche Charakterzüge bezogen und vor die Kontrastfolie des perfekt geformten Antlitzes Jesu Christi gestellt. Mit einem Exkurs über die Darstellung von Besessenheit und Exorzismus wird der Essay abgerundet.

Höchst interessant ist der editorische Kommentar am Ende des Buches. Hier erklärt der Herausgeber seine Intention und Methoden beim Umgang mit Arasses Quellen. Dafür zählt G.H.H. letztere zunächst auf und beschreibt anschließend, wie sich der Kunsthistoriker, der sich stets gegen Überinterpretationen der wissenschaftlichen Bildbetrachtung aussprach, von jenen Quellen distanzierte. Erläutert wird zudem die Beziehung zum Essay »Masken« von Georges Bataille. Arasse verweist zu Beginn seiner Ausführung auf den Masken-Essay, ohne weiter auf ihn einzugehen. G.H.H. hat in seiner Ausgabe letzteren nun angehängt, um »dem Leser die Gelegenheit zu geben, sich die ganze Unsachlichkeit dieses Verweises klarzumachen. Denn der Text von Bataille tut nichts zur Sache, aber er gibt den Rahmen an, [...] innerhalb dessen Arasse sich bewegte.«

Vorbildlich ist das annotierte Literaturverzeichnis, es listet nicht nur die von Arasse benutzten Publikationen auf, sondern gibt darüber hinaus Erklärungen zum Charakter einer Quelle oder macht deutlich, in welcher Weise der Autor die Quellen verwendet hat. Alles in allem hat G.H.H. mit seiner Übersetzung »Bildnisse des Teufels« das Arasse’sche Schwergewicht an kunstgeschichtlicher Argumentationsdichte ausgeweitet und leserfreundlich aufbereitet.