Ausstellungsbesprechungen

Dark Pop. Andy Warhol, Bruce Nauman, Robert Gober, Mike Kelley, Cady Noland, Jeff Koons, Louise Lawler et al., Museum Brandhorst München, bis 18. Oktober 2015

Peppig, poppig und düster geht es im Museum Brandhorst zu. Sie beweist, dass bereits hinter den bunten Werken der Altmeister der Pop Art Abgründe lauerten: Tod, Gewalt, Voyeurismus, Sensationslust und Konflikte überall. Gudrun Latten hat sich in diese Abgründe ziehen lassen.

Dark und Pop – diese Kombination provoziert einen Kontrast: handelt es sich um die Farbe Dunkelpink? Das Schwere wird normalerweise so leicht genommen beim Pop. Nun wird es in jeder nur erdenklichen Hinsicht schwieriger: Hammerhart muss nun ebenfalls auf die leichte Schulter genommen werden! Allein der Kontrast befreit das seichte Popgewässer von dem ureigenen Image. Pures Pink schattiert und mattiert, denn es glänzt bei Weitem nicht mehr so wie früher. Die Oktave tiefer ist schwerer zugänglich.

Die neue Färbung des Pop ist schwarz. Warhols Abendmahl, riesengroß, ein wahrer Totschläger und dennoch so eingängig und leicht verdaulich. Plakative Aussagen und das nun alles düster gefärbt? Woher nur das Gefühl, es müsse sich um einen schwieriger zugänglichen Unterton handeln, welcher in dieser Ausstellung gezeigt wird? Das Innere weist eine musikalische Komponente auf. Wie konnten diese Untertöne nur all die Jahre an mir vorbeiziehen? Dieses Adjektiv hat den blauäugigen Pop dunkelblauäugig gemacht – viel tiefer also. Glänzende Plastikoberflächen kann man sich dennoch in der Ausstellung ansehen – selbstverständlich hat Jeff Koons auch dieses Mal die Nase vorn wenn es um schimmernde Oberflächen scheinbar ohne Inhalt geht. Die Reflexion findet auf der Oberfläche statt. Sigmar Polkes »Liberté, Egalitè, Fraternité« besitzt nun eine ganz andere Inbrunst als noch im 18. Jahrhundert.

Es ist die Betonung, oder doch die Färbung, welche den Unterschied macht: Der Pop hat einen neuen Beigeschmack bekommen: Auch in der glanzvollen Glitzerwelt wird auf Gewalt und andere Missstände angespielt. Die Popsängerin Natalia Kills hat sich für dieses Image den passenden Künstlernamen ausgesucht. Es scheint zu Iggy Pop, dem »Godfather of Punk« zu tendieren – ausgehend von der anderen Seite. Jedenfalls gibt es von Sigmar Polke trotz seines sonstigen »kapitalistischen Realismus« Werke, die bei (Iggy) Pop mithalten können. Ein etwas plumpes Drama wie bei Bonnie Tyler zeichnet sich bei Bruce Naumans Hasen ab. Ungebändigte Gefühle, die sich ihren Weg bahnen unter dem Vorwand, das so sagen zu können. Pink’s »You’re full of shit« aus »Blow me (one last kiss)« könnte hier zutreffen. Das hat ein Innenleben! Dem Hasen bin ich auch bei Miley Cyrus im Video zu »We can’t stop« begegnet und auf dem Jahrmarkt, am Feinkoststand für Wild. Süß, süß, süß und eingängig, dieses Plüsch und erst das Fell! Statt Lamoyanz und einem Zuviel scheint es sich um niedlichen Hardcore zu handeln, der in der Ausstellung der Sammlung Brandhorst in München präsentiert wird. Von Mike Kelley der »Dialogue # 3«: offensichtlich eine Unterhaltung zwischen zwei Plüschtieren, im Hintergrund ein Radio – alles in Schwarz-Weiß. Wenn einer in dieser Ausstellung mit dem Anspruch, die großen Probleme zu behandeln mithalten kann, ist es wohl Mike Kelley. Der Arzneischrank von Damien Hirst könnte ebenfalls helfen.

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Es ist, als würden statt Jeff Buckley Jon Bon Jovi oder auch Céline Dion and The Canadian Tenors »Hallelujah« singen. Interpreten einer angetroffenen Botschaft. Die innere Verbundenheit zur Religion fehlt bei Warhol – stattdessen scheint es sich um Kunst zu drehen. Und Sängerin Pink röhrt ein »Ave Maria« auf Englisch. Die Religion taucht in Form von Kultgegenständen durchaus öfter einmal auf: Jetzt ist nichts mehr heilig, nicht einmal das Abendmahl. Ist das verharmlosend – oder gewaltverherrlichend? Natalia kills. Vielleicht zu wenig für solch einen Anspruch? Eine gnadenlose Normalität spricht aus Robert Gobers Werken, wenn zum Beispiel die Kerze mit Haaren verziert wird. Banal brutal ist zum Beispiel der Porzellanteddy »Amore« von Jeff Koons – Teil einer ganzen Serie »Banality«. Es ist nie ganz klar, ob es weiter geht, wie weit und vor allem wohin. Doch nur die Aufmerksamkeit um wirklich jeden Preis. Die Sakralität ist vollständig abhandengekommen. Stephanie Senges »Konsumkonstruktivismus« nähert sich von der anderen Seite des Anspruchs einem ähnlichen Äußeren an. Es ist manchmal schwierig… Stephanie Senges: Das ist Pop! Zu sehen in der Ausstellung »Jetzt noch mehr Inhalt!« im »Museum für Konkrete Kunst« in Ingolstadt – also waschechter Dark Pop, der gehaltvolle Pop mit Tönung nach Warhol.

Die »Queens of Pop« sind weiblich! Madonna und Cher wird dieser Status zugeschrieben. Denn wieviel Pink steckt in Michael Jackson und Prince? »Dark Pop« - die männliche Seite des »Pop«. Pop – neu (an-)gestrichen, Pop – getrübt und verstimmt – könnte männlicher kaum sein. Dunkel getünchter Pop: Pop mit abgedecktem Pink, also mit dem Mascara. Wie sollen die Männer sonst bei den Frauen mithalten? Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Pop in tiefere Gefilde vordringt. Die Färbung verbreitet immer noch eine schwüle Stimmung. Rrose Sélavy hat kapiert: Versäumnissen hinterherzuheulen ist jämmerlich. Außer Cady Noland und Louise Lawler sind es vor allem Männer, die sich dieser Laune verschrieben haben. Eine atemberaubende gefühllose Verdinglichung, die fast unbemerkt an mir vorbeigezogen ist. Der gewissenlose Lolli-Pop-Mann ist gewalttätig geworden. Ein gefälliges Klima – zweifellos total im Trend – mit einigen schockierenden Abgründen auf den zweiten Blick. Weder beschränkt, dürftig, kläglich oder erbärmlich, noch jämmerlich, aber abscheulich, gemein, manchmal herzzerreißend. Ohne diese Ausstellung wäre der Pop immer noch um eine Facette ärmer.