Meldungen zum Kunstgeschehen

Das Antlitz des Weltkrieges. Soldatendarstellungen bei Ernst Jünger, Otto Dix und Max Beckmann

Anders als am 2. Weltkrieg, dem die Literatur Landserhefte, die Kunst aber wohl überhaupt nichts zu verdanken hat, haben sich Kunst und Literatur am 1. Weltkrieg abgearbeitet. Große Romane schildern seinen Schrecken, und einige bedeutende Maler gingen aus ihm hervor. So besitzt dieser Krieg noch heute ein Gesicht für uns. Stefan Diebitz hat es in Bildern von Otto Dix wie in den Kriegsbüchern Ernst Jüngers gefunden.

Eine Reihe von wichtigen Künstlern und Autoren hat Jahre in den Schützengräben der Westfront verbracht, und viele von ihnen haben versucht, »Das Antlitz des Weltkrieges« zu zeichnen oder zu malen. 1930 trug diesen Titel ein Buch mit Erlebnissen deutscher Frontsoldaten, das von Ernst Jünger herausgegeben wurde, einem wegen seiner Kriegsbücher bis heute heftig umstrittenen Autor. Seine Sicht auf den Soldaten deckt sich weitgehend mit der eines großen Künstlers, mit Otto Dix, den aber niemand mit der Verherrlichung des Krieges in Verbindung bringt – im Gegenteil, manche seiner Bilder, besonders das große Meisterwerk »Der Krieg« vom Ende der Zwanziger Jahre, aber auch der gleichnamige Grafikzyklus einige Jahre zuvor, trugen wesentlich zu seinen Schwierigkeiten im Dritten Reich bei: Mit den Augen von Dix sollte das deutsche Volk und wollten die Nationalsozialisten das Geschehen keinesfalls sehen.

Vieles an dem Gemälde ist äußerst merkwürdig. Wie sein großer Konkurrent Max Beckmann wählte Dix das Triptychon, also eine eigentlich durch und durch religiöse Form, und er malte sein Bild in einem altmeisterlichen, in jenen Jahren fast allein von ihm beherrschten Stil, einer zeitaufwändigen Lasurtechnik, die das Werk in einen schroffen Gegensatz zu den Arbeiten des Expressionismus bringt, in ihrer Gegenständlichkeit aber auch zu abstrakten Werken eine unüberbrückbare Kluft aufreißt. Anders als die Künstler zwanzig Jahre später, die in der jungen Bundesrepublik jede Form von Sinngebung verweigerten und sich auch deshalb zur Abstraktion entschlossen, besaß Dix noch ein Weltbild, auch wenn dieses pessimistisch oder gar nihilistisch scheint.

Die Motivik seines Bildes ist ganz und gar dem 1. Weltkrieg entnommen, und doch ist es wie so vieles in dem Werk dieses Malers durchzogen von Anspielungen auf die Kunstgeschichte. Es zeigt in seinem Mittelteil die fürchterliche Todeslandschaft der Schützengräben, übersät mit Bombentrichtern, aufgespießten Leichen und Dreck – eben jene Landschaft, die von Ernst Jünger »In Stahlgewittern« beschrieben wurde. »Der Atem des Kampfes«, so heißt es gleich zu Beginn, »wehte zu uns herüber und ließ uns erschauern.« Immer wieder schlägt bei Jünger eine befremdliche Begeisterung durch, aber das Grauen, das er schildert (und nicht etwa unterschlägt), ist eben das, was Otto Dix in seinem Triptychon gemalt hat – es gäbe einen schönen und passenden Umschlag zu Jüngerschen Werken ab.

Wie Jünger hatte Otto Dix vier lange Jahre lang im Schützengraben und damit an vorderster Front gekämpft und getötet (»Bajonett dem Gegner in den Wanst« berichtete er stolz in einem Brief), wo er unermüdlich zeichnete und malte und sich damit Material für spätere Werke bereitlegte, für den leider verschollenen frühen »Schützengraben« - das Skandalbild seiner Zeit – und seine Grafikmappe »Der Krieg«. Abgesehen von dieser biografischen Parallele, treffen sich Jünger und Dix aber noch in einem weiteren Punkt: sie sehen das Auftauchen eines neuen Menschen in den Schützengräben, eines Menschen mit steinernem, maskenhaftem Gesicht, den Jünger in seinem berühmten gleichnamigen Essay den »Arbeiter« nennen sollte. Der Arbeiter ist der Mensch, der durch die Technik geformt wird oder der entsteht, wenn sich der Mensch der Technik angleicht. Der 1. Weltkrieg war das erste welthistorische Ereignis, in dem die Technik über den einzelnen Menschen triumphierte und ihn vereinnahmte.

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»Was zunächst rein physiognomisch auffällt,« schreibt Jünger in seinem Buch, »das ist die maskenhafte Starrheit des Gesichtes, die ebensowohl erworben ist, wie sie durch äußere Mittel, etwa Bartlosigkeit, Haartracht und enganliegende Kopfbedeckungen, betont und gesteigert wird. […] Diese Maskenhaftigkeit ist nicht nur an der Physiognomie des Einzelnen zu studieren, sondern an seiner ganzen Figur.« In seinem poetischen Essayband »Das abenteuerliche Herz« schildert Jünger die maskenhaften Gesichter ebenso eindringlich: »sie erinnern an jene Mumienköpfe, die mit polierten metallischen Masken überzogen sind.« Das Gesicht des Arbeiters ist für Jünger »seelenlos, wie aus Metall gearbeitet oder aus besondern Hölzern geschnitzt«. Den Piloten als den Maschinenmenschen par excellence schildert Jünger im Vorwort zu »Luftfahrt ist not!« mit einem »wie in Stein geschnittenen Gesicht unter der Lederkappe«.

In späteren Werken ändert sich der Blick auf den Arbeiter. Identifizierte sich Ernst Jünger zunächst mit ihm, so erscheint ihm die Figur später eher als eine Schreckensgestalt. Immer wieder wird ihr Gesicht mit einem Totenkopf verglichen und das Automatenhafte ihrer Bewegungen beschworen. Die ersten dieser Totenkopfgestalten erscheinen in Jüngers Weltkriegsbüchern, aber diese Beschreibungen sind wohl rein rhetorisch. Das darf man daraus schließen, dass sie in seinen Kriegstagebüchern von 1914 – 1918, die erst 2010 ediert wurden, vollständig fehlen und sich auch noch in den ersten Auflagen nur selten finden. Deshalb liegt es nahe, von Ernst Jünger zu sagen, er habe den Soldaten ursprünglich gar nicht so erlebt, wie er es in seinen späteren Schriften glauben machen wollte. Offenbar war es kein ursprünglicher Eindruck. Vielleicht aber auch haben sich die Erlebnisse und Bilder in Jünger später so verdichtet, dass er wirklich diesen maskenhaften Menschen sah oder gesehen haben wollte. Oder ließ er sich von seiner eigenen Rhetorik mitreißen?

In jedem Fall ist die Parallele zu den (Selbst-) Bildnissen von Otto Dix beeindruckend, der sich selbst, aber auch andere Gestalten immer wieder mit einem ganz harten, unbewegten, tatsächlich maskenhaften Gesicht abgebildet hat. Wer genau hinschaut, findet überall im Werk von Otto Dix den Jüngerschen Arbeiter. Und besonders, wenn wir an die Selbstbildnisse des Malers Otto Dix denken, steht uns eben dieses Gesicht vor Augen. So wie Ernst Jünger den Arbeiter in den Schützengräben gesehen haben wollte, so wollte Otto Dix sich selbst zur Erscheinung bringen. Er trug ein kaltes, emotionsloses Gesicht zur Schau – etwa wenn er sich in seinem »Selbstbildnis mit Muse« von 1924 darstellt. Das Bild zeigt ihn vollständig bekleidet neben einer splitternackten Frau. »Entscheidend ist dabei,« schreibt Olaf Peters in seiner Dix-Biografie, »die Selbststilisierung des Malers zum distanzierten, teilnahmslosen Beobachter, der anscheinend wahrheitsgetreu darstellt, was er sieht.« Es ist ein programmatisches Bild, denn so wie Dix seine Landschaft der Schützengräben als Illustration von Jüngers Buch hätte gemalt haben können, so könnte er mit seinen Selbstbildnissen sich selbst als Arbeiter dargestellt haben. Sein Selbstverständnis scheint kein anderes als das des Autors Ernst Jünger.

Das zeigt sich vielleicht noch deutlicher, wenn man auf Max Beckmann schaut, der sonst so viel gemein hat mit Otto Dix. Auch er war Teilnehmer des Weltkrieges, aber anders als Otto Dix und Ernst Jünger verstand Max Beckmann sich als Pazifisten, der dann auch folgerichtig als Sanitäter arbeitete, ohne jemals zu schießen oder gar wirklich zu töten. Auch er malte und zeichnete, aber nicht den Kampf, sondern die Blätter aus dieser Zeit sind »Kleine Operation« oder »Leichenhaus« benannt, und gleich aus dem Jahr 1914 findet sich ein Blatt »Weinende Frau«. Andere jubelten noch in den ersten Monaten des Krieges, aber in diesen Jubel mochte Beckmann, wie seine Frau später berichtete, von vornherein nicht einstimmen, sondern der Künstler nahm an den Kundgebungen in Berlin nur als Außenseiter und Beobachter mit Zeichenblock teil. Auch sein Stil gewann während der Kriegsjahre an Härte, aber die kalte, sogar zynische Sicht auf menschliches Leid, die sich in Dix’ und Jüngers Werk findet, war seine Sache nicht. Christian Lenz schreibt in dem Katalog der Mannheimer Ausstellung, dass das »Verhältnis Beckmanns zu den Mitmenschen […] von Verantwortungsgefühl, Mitleid und Liebe bestimmt« sei. Auch wenn die Kälte von Dix und Jünger gespielt gewesen sein sollte: von ihnen würde man das gewiss nicht sagen.

Neben der Kriegsthematik und dem starren Gesicht findet sich noch eine weitere Parallele: Während Jünger eine betont saubere, emotionslose, wegen ihrer Kälte oft kritisierte Prosa schreibt, entwickelt der Maler eine altmeisterliche Technik, mit der er sich von der Spontaneität besonders seiner expressionistischen Kollegen deutlich abhebt. Anders als sie griff er auf Studien und Skizzen zurück und arbeitete mit detaillierten Vorzeichnungen, so dass seine Bilder mit einer ähnlichen Kälte durchkalkuliert waren wie die Prosa eines Ernst Jünger.