Reiseberichte

Das Civico Museo d'Arte Orientale in Triest

Unweit der gleichsam großen wie bekannten Piazza dell'Unita d'Italia in Triest befindet sich, versteckt zwischen engen Häuserzeilen, in der Via San Sebastiano das städtische Museum für orientalische Kunst. Hilfreiche Wegweiser fehlen und man muss schon eine der kostenlosen Stadtkarten des nahen »Infopoint Tourismo« zu Rate ziehen, um es im Gewirr der schmalen Triestiner Gassen zu finden. Die 4 Euro Eintritt sind dann ihren Preis wert, wenn man – vom Überfluss des Informationszeitalters Abstand nehmend – die Übersichtlichkeit als eine hehre Größe zu verstehen weiß. Lennart Petersen berichtet von seinen Entdeckungen.

Detail aus der Asiatikasammlung: ein Löwe © Civico Museo d'Arte Orientale Triest
Detail aus der Asiatikasammlung: ein Löwe © Civico Museo d'Arte Orientale Triest
Insgesamt 6 Bilder • Klicken für Diashow

In ihrer räumlichen Ausdehnung durch den engen Schulterschluss der Gebäude begrenzt, breitet sich die Dauerausstellung des Museums vertikal auf vier Stockwerken aus, die thematisch geordnet sind. Im Erdgeschoss finden sich knapp 30 Exponate aus Ghandara, einer bedeutungsvollen Region der Antike, damals gelegen an der Seidenstraße und heute im Raum Nordpakistan und Nordostafghanistan zu lokalisieren. Die Exponate zeigen unterschiedliche Einflüsse fernöstlicher und mediterraner Strömungen, die an diesem Knotenpunkt des Handels verschmolzen. Eine Expedition unter Ardito Desio erkundete 1954 das Karakorum-Gebirge und stieß auf jene antiken Schätze. Antonio Marussi, Teilnehmer des wissenschaftlichen Kontingents dieser Expedition, sorgte als Direktor des Geographischen Instituts der Universität in Triest schließlich dafür, dass jene Fundstücke nach Italien gelangten. Sein Engagement rechtfertigt dann auch den Titel »Trieste and the East«, den dieser »Vorraum« des Museums trägt.

Die Ausstellungsstücke, die sich im Weiteren auf den Stockwerken Eins bis Drei sammeln, haben als Besonderheit ihre Herkunft: sie stammen alle von bedeutenden Triestiner Familien aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. In dieser Zeit gelangte die Stadt Triest als wichtigster Hafen der Donaumonarchie zu großer Prosperität, Frachtschiffe und Lastkähne aus dem Nahen und Fernen Osten fanden ihren Weg an den Golf. Schon bald wurde Venedig als Warenumschlagplatz überflügelt. Die dabei aufsteigenden Kaufleute und Großbürger ließen es sich nicht nehmen, ihren wachsenden sozialen Status mithilfe einiger Souvenirs und Importe aus China oder Japan zu illustrieren: Porzellan, Seidengewänder, Schmuckstücke, Drucke und Militaria kamen so aus der Ferne in die Salons der Triestiner Handelsleute. Diese persönlichen Stücke bilden nun als Schenkung oder Leihgabe den Kern des Bestandes des Civico Museo d'Arte Orientale, das im Jahre 2001 offiziell eröffnet wurde. Es gelang den Kuratoren des Museums, die doch eher untypische und zufällige Zusammenschau der Exponate sinnvoll und lehrreich zu ordnen.

Begonnen wir im ersten Stock mit China unter dem Titel: »The Silk Route and the Dragon's Throne«. Neben einigen Seidengewändern aus der späteren Qing-Dynastie (1644-1911) widmet sich dieser Bereich besonders der Herkunft des Porzellans und stellt v.a. verschiedene Beispiele der typischen »Weiß und Blau«-Keramik aus. Auffällig sind hierbei die detailreiche Bildhaftigkeit und die breite Verwendung der Porzellangegenstände. Die im Nebenraum gezeigten Nachahmungen aus Sachsen, Wien und Italien bezeugen indirekt die Kunstfertigkeit der chinesischen Handwerker: die Europäer bleiben in ihrer Herstellung deutlich hinter der Feinsinnigkeit und der Formensprache aus Fernost zurück – zumindest im Rahmen dieser Ausstellung.

Der zweite und der dritte Stock widmen sich darauf folgend den Exponaten aus Japan. Thematisch sinnvoll wird zuerst das japanische Porzellan in Augenschein genommen. Die japanische Porzellanproduktion begann in der Azuchi-Momoyama-Periode (1573-1603) und das erst, nachdem der General Hideyoshi während seines »Porzellankrieges« koreanische Porzellanhersteller auf die japanischen Inseln zwangsumsiedelte. Einen Namen machte sich in dieser Zeit Ri Sampei, der freiwillig nach Japan ausgewandert war und dort das zur Produktion notwendige Kaolin auf der Insel Kyūshū entdeckte. Dabei blieb das japanische Porzellan in seiner Anfangszeit den chinesischen und koreanischen Einflüssen stark verpflichtet, entwickelte dann jedoch eigene farbenprächtige Muster und die asymmetrischen Darstellungen in der anfangs typischen rotorangenen Färbung.

Fortsetzung von Seite 1

Den größten Bereich innerhalb des Themenschwerpunktes Japan macht die Sammlung der Ukiyo-e aus. Es handelt sich hierbei um farbige Drucke im Holzschnittverfahren, die ganz nach ihrem Namen – »Bilder der fließenden Welt« – den Alltag in den großen japanischen Städten während der Edo- bzw. Tokugawa-Periode (1603-1868) zur Abbildung bringen. Das Museum besitzt eine enorme Anzahl dieser Drucke und auch einige sogenannte Ehon, illustrierte Bücher, die mit ihrer Linienführung und Farbgebung als Vorbild für die zeitgenössische Mangakultur Japans gelten können. Darüber hinaus widmet sich ein kleinerer Raum dieser Ebene dem Kabuki, einer äußerst populären Form des städtischen Theaters, wobei Kabuki-Schauspieler nicht selten ihrem Bekanntheitsgrad nach – ähnlich den Bildgewohnheiten heutiger Illustrierter – auf einer Vielzahl von Ukiyo-e abgebildet wurden. Neben derartigen Drucken und einigen Musikinstrumenten finden sich hier auch expressive Masken in unter- oder übermenschlicher Größe ausgestellt. Ein befreundeter Japanologe wies mich später darauf hin, dass es sich hierbei wahrscheinlich um Nō-Masken handelt, die äußerst charakteristisch für das Nō-Theater sind, dessen Anfänge bis ins 14. Jahrhundert reichen. Hierbei spielen ausschließlich Männer alle Rollen, was die Masken für weibliche Charaktere, aber auch zur Darstellung von Geistern oder Dämonen notwendig macht.

Im letzten Stockwerk finden sich schließlich unterschiedliche Militaria der japanischen Kultur. Neben einigen prächtigen Wakizashi, Tantō und Katana sind eine Zahl nicht näher spezifizierte Stangenwaffen ausgestellt, daneben zwei Samurairüstungen (Tosei-gusoku) aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, Musketen (Teppō) und Bambusbögen. Und auch wenn dieser Teil des Museums gewiss derjenige ist, der am stiefmütterlichsten mit Erläuterungen bedacht wurde, zeigt sich hier doch sehr die Kunstfertigkeit, die zur gesellschaftlichen Repräsentation der japanischen Kriegerkaste aufgewandt worden ist. Diese Zelebrierung des Militärischen über den kriegerischen Zweck hinaus kann nur im sozialen Kontext verstanden werden und rechtfertigt auch die Ausstellung dieser Exponate innerhalb eines Kunstmuseums. Es lässt sich erahnen, wie eindrucksvoll eine solche, direkt aus Japan importierte Rüstung in einem der großbürgerlichen Triestiner Salons ausgesehen haben mag. Die Ausstellung schließt mit einem sehr kurzen Exkurs zur Religiosität in Japan, indem sie einige Statuen und Darstellungen sowohl aus der shintoistischen als auch der späteren buddhistischen Glaubenstradition zeigt.

Das Civico Museo d'Arte Orientale hat unzweifelhaft eine eindrückliche Auswahl von Ausstellungsstücken zum fernöstlichen Raum zu bieten. Ihre Zusammenstellung ist dem Anlass ihres Erwerbs und den Rahmenbedingungen des Museums geschuldet und zeigt dementsprechend auch einen Einblick in das Selbstverständnis der Triestiner Handelsleute und Großbürger zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Was dem Museum allerdings fehlt, ist eine stärker internationalisierte Präsentationsweise. Sämtliche Beschilderungen der Exponate sind in italienischer Sprache gehalten, es wurden nur die prologartigen Ausführungen zu jedem Themenbereich ins Englische übersetzt. Die Anordnung und Menge der erläuternden Texte ist defizitär, es wäre notwendig und wünschenswert, durch gezielte Informationsvermittlung dem Besucher ein tieferes Verständnis der Ausstellung zu ermöglichen. Zwar sind die Angestellten des Museums außerordentlich hilfsbereit – und bei den niedrigen Besucherzahlen auch ohne Probleme zu sprechen –, eine größere Liebe zum Detail würde den durchaus zu empfehlenden Besuch dieses Museums jedoch um ein Vielfaches aufwerten.